Von Christoph Dallach
Mitte dieser Woche war David Gilmour in einigen britischen Tageszeitungen abgebildet, mürrisch dreinblickend, im Mercedes neben seinem Chauffeur sitzend, als er seinen 21-jährigen Sohn Charlie am Gefängnistor abholte. Gilmour Junior war wegen Randalierens eingebuchtet worden, und die Vermutung liegt nahe, dass Mr. Gilmour Senior im Auto verdammt schlechte Laune hatte. Papa Gilmour ist Gitarrist von Pink Floyd - die Band, der Familie Gilmour den Mercedes, den Chauffeur und die vermutlich sündhaft teuren Juristen, die den Sohn rauspaukten, zu verdanken hat. Und die Mitglieder von Pink Floyd verhielten sich immer eindrucksvoll dezent.
Seit ihrem Start Mitte der Sechziger bis zu ihrem wohl finalen Auftritt bei Live 8 vor sechs Jahren sorgten die kultivierten Art-Rocker überwiegend mit Musik für Schlagzeilen. Mit der setzten sie immer wieder Umsatz-Rekordenmarken, denn Alben wie "The Dark Side Of The Moon", "Wish You Were Here" und "The Wall" waren absurd erfolgreich. Die in den siebziger Jahren entstandene Musik ist ungebrochen populär.
Anfang Oktober rauschte eine renovierte Version von "The Dark Side Of The Moon", einem Album, das bereits beinahe fünfzig Millionen Mal wegging und das immer noch auf Rang zwei der meistverkauften Platten aller Zeiten thront, auf Rang zwei der aktuellen deutschen Verkaufscharts. Mindestens ebenso erstaunlich ist, dass "Discovery", eine fast zweihundert Euro teure Box (und ihre bereits dritte "komplette" CD-Box-Sammlung) mit 16 Pink Floyd-CDs, ebenfalls in den deutschen Top Ten landete.
Die letzte Chance, mit physischen Tonträgern Geld zu verdienen
"Why Pink Floyd?", heißt die begleitende, etwas kryptisch betitelte Kampagne. Ja, warum wohl? Und warum wohl ausgerechnet zum Weihnachtsgeschäft? Der ehemalige Pink-Floyd-Schlagzeuger Nick Mason sagt mit verblüffender Ehrlichkeit: "Die Plattenfirma wollte es, wir hatten nichts dagegen. Wahrscheinlich ist es die letzte Chance, mit physischen Tonträgern Geld zu verdienen."
Wirklich spannend allerdings sind nur die sogenannten "Immersion"-Boxen. Das sind massiv erweiterte, selbstverständlich limitierte, in große Kästen verpackte Deluxe-Editionen der bekanntesten Pink-Floyd-Alben. Nach "The Dark Side Of The Moon" ist jetzt "Wish You Were Here" als "Immersion Box" in die Läden gekommen. Eine feine Spielerei für solvente Superfans. Neben einem neuaufbereiteten Mix des Original-Albums wurde das Album mit Songs wie "Shine On You Crazy Diamond" auf fünf Tonträger gestreckt.
Als "Extras" gibt es neben den regulären "Wish You Were Here"- Songs historische Konzert-Aufnahmen, unveröffentlichte Stücke, eine DVD mit den Filmen, die Pink Floyd damals bei Konzerten zeigen, eine Blue-Ray-Disc, ein Buch. Und Schnickschnack wie einen Schal! Eine wirkliche Entdeckung ist die tolle, ungenutzte Version von "Wish You Were Here" mit dem Stargeiger Stéphane Grappelli.
Fest steht, dass Pink Floyd jenseits aller Debatten um die Retro-Kultur im Pop-Betrieb immer noch ein gewaltiges Publikum fasziniert. Trotzdem wird es die von vielen ersehnte Reunion-Tournee vermutlich nicht mehr geben. Zum einen starb 2008 der Keyboarder Richard Wright, zum anderen hat der ohnehin scheue David Gilmour mehrfach versichert, dass er auf Pink-Floyd-Konzerte keine Lust habe. Er wolle sich im Alter schonen und mehr um seine Kinder kümmern, verkündete er mehrfach. Wahrscheinlich hatte er damit aber nicht gemeint, den randalierenden Nachwuchs vom Gefängnis abzuholen.
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