Plattenladen-Report Seelensuche im Vinyl-Himmel

iTunes und Konsorten killen den klassischen Plattenladen? Irrtum: Die Subkultur der Vinylsüchtigen wächst und gedeiht - und findet in Spezialistenläden wie dem Berliner Shop "Mr Dead & Mrs Free" ein liebevoll gepflegtes Biotop aus Fachwissen und individueller Betreuung.

Von Gerrit Pohl


Man kennt das ja noch von früher. Der Gang in den Plattenladen gehörte zu einem der aufregendsten Momente im Leben des Heranwachsenden mit viel Musik im Herzen bei gleichzeitig beschränkten monetären Mitteln. Und wenn auch nicht immer einer der kostbaren Tonträger gekauft werden konnte, so durfte man sie wenigstens in der Hand halten. Vielleicht mal einen Song anhören oder die Texte nachlesen. Und mit den zahlreichen Leidensgenossen einen beherzten Austausch pflegen. Your local Record Dealer: Nicht weniger als ein Halbgott, dem man besser ehrfurchtsvoll begegnete. Damals.

Denn allzu viel ist von der früheren Magie nicht übrig geblieben. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Konnte der Facheinzelhandel vor zehn Jahren noch einen Umsatzanteil von 20 Prozent aufweisen, hat sich diese Zahl mittlerweile um mehr als die Hälfte reduziert. Tendenz weiter fallend. Gründe hierfür gibt es einige: Der immense Preisdruck durch Online-Versender und Elektronikmärkte, gestiegene Ladenmieten und nicht zuletzt die Kombination aus Tauschbörsen und Raubkopien.

Der Besitzer eines seit Jahrzehnten in Manhattan ansässigen Plattenladens äußerte sich unlängst zudem besorgt über die Haarfarbe seiner Kunden. Denn die sei zumeist grau – junge Leute würden sein Geschäft fast gar nicht mehr betreten. Und sich stattdessen wohl im Internet rumtreiben. Viele seiner Kollegen sehen ihre Zukunft dann auch gezwungenermaßen in einer Modernisierung der Läden. Mehr Merchandise, mehr Entertainment und irgendwie am Download-Geschäft partizipieren – wie auch immer das gelingen soll.

Musik als Soulfood

Unter diesen Gesichtspunkten ist "Mr Dead & Mrs Free" in Berlin wohl tatsächlich das Elysium für den Fan klassischer Plattenläden. Gegründet wurde der Shop vor 23 Jahren auf seitdem unveränderten 45 Quadratmetern. Neukunden werden bisweilen misstrauisch gemustert als auch gleichzeitig möglichst ignoriert. Ein kommunikativer Hybrid, den wohl niemand so gut beherrscht wie Plattenladenbesitzer: Klassenbewusstsein demonstrieren. Man weiß ja nie, wer da von draußen reinkommt, findet es aber zumeist schnell heraus. "Und wenn der Kunde zu uns passt beziehungsweise wir zu ihm, entsteht daraus oftmals eine langfristige Beziehung", sagt Inhaber Volker Quante. Freunde des Hauses bekommen bisweilen sogar schon mal ein eigenes Fach, in dem besonders begehrte Tonträger vorgehalten werden.

Angeboten wird vorzugsweise Vinyl in allen Formaten sowie CDs und DVDs. Die stilistische Auswahl nehmen die Betreiber auf Grundlage ihrer eigenen Vorlieben vor – und legen ein strenges Augenmaß an. "Wir verstehen Musik immer noch als 'Soulfood'", erklärt Mitgründerin Katharina Winkels. "Deswegen soll mir auch nicht jede Seele ins Haus kommen - weder als Künstler, noch als Kunde." Womit sich die Berliner natürlich bewusst an die Connaisseure von Premium-Geschmack und Haptik wenden. "Wir verkaufen allerdings auch Berge von Johnny-Cash-Alben – nicht gerade ein Fall für die Nische", schränkt Quante ein. "Aber jemand wie Grey DeLisle setzt dann eben doch nur aufgrund unserer speziellen Empfehlung einige Platten ab – und so etwas freut uns natürlich."

Lieber Vinyl als CD

Ohnehin wertet der studierte Wirtschaftswissenschaftler die Beratung als ein wichtiges Argument für seinen Laden. "Es gibt so viele Neuveröffentlichungen – und wir kennen den Geschmack unserer Kunden meistens sehr gut. So können wir gezielt Platten empfehlen oder vor Fehlkäufen warnen." Allerdings kann das auch mal umgekehrt laufen: Nicht selten kommen Hinweise auf neue interessante Bands auch von der anderen Seite des Tresens. Kein Wunder: Unter anderem Ärzte-Schlagzeuger Bela B., Musikkritiker Wolfgang Doebeling, Max Decharné von den Flaming Stars sowie etliche DJs zählen seit vielen Jahren zur treuen Kundschaft. Und die setzt häufig auf ein Format, das im Jahreswirtschaftsbericht der Phonoverbände regelmäßig immer nur am äußersten Rand auftaucht: Vinyl. Das Quante mittlerweile doppelt so oft verkauft wie CDs.

Deswegen haben die Berliner auch nur wenig Angst vor der ansonsten im klassischen Handel schon mal für starke Kopfschmerzen sorgenden Download-Konkurrenz. "Es geht doch nicht nur um die Musik, sondern auch um einen Hipness-Faktor, um ein Liebesverhältnis zum Produkt. Das wird durch Vinyl und ein schönes Cover viel besser bedient – mal ganz abgesehen vom besseren Klang." Darüber hinaus ist eine Vielzahl der regelmäßig importierten Vinyl-Singles oftmals gar nicht digital zu haben – und zwar weder in Tauschbörsen noch bei den bekannten Download-Shops. Die Vorteile des Internets sieht Quante eher in der Informationsverbreitung: "Viele würden Platten, die sie bei uns kaufen, ohne das Internet wohl gar nicht kennen. Aber in irgendeinem Forum wird ja glücklicherweise immer über die besten Geheimtipps diskutiert."

Der gebeutelte Händler aus Manhattan will seinen demnächst auslaufenden Pachtvertrag übrigens nicht mehr verlängern – er glaubt nicht mehr an die Zukunft seines kleinen Ladens. Volker Quante bleibt indes gelassen: "Wir werden wohl auch in 25 Jahren noch Platten an Menschen mit einem guten Musikgeschmack verkaufen." Denn die, und da würde er ruhigen Gewissens auch seine wertvollste Vinyl-Single drauf verwetten, wird es ungeachtet allen Technologietrends wohl immer geben.

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