It's Plattenladenwoche Wo die geilen Scheiben wohnen

Stoppt den Download! Oder so ähnlich. Dass man Musik immer noch in Geschäften kaufen kann, daran erinnert jedenfalls die inzwischen fünfte Plattenladenwoche. Tonträgerhändler in ganz Deutschland werben dabei um Musikliebhaber - mit Konzerten, Autogrammstunden und Raritäten.

DPA

"Kann man heute noch Jazz verkaufen?", fragt das Magazin "Rolling Stone". Denn man kann es zumindest gewagt finden, dass die jährliche deutsche Plattenladenwoche diesmal Jazz als Schwerpunkt auserkoren hat. Das sei "Musik für wenige", schreibt das Heft, "aber die sind oft genug mit gut gefüllter Geldbörse dabei". Wie man an die zahlungskräftigen Wenigen herankommt, zeige der Berliner Plattenladen "Oldschool", der sich auf Vinyl und Jazz spezialisiert hat. Mit "Nischen-Musik auf einem Nischen-Medium", so "Rolling Stone", praktiziere "Oldschool" ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Ist Jazz tatsächlich nur Musik für eine Minderheit mit Geld?

Der gelobte Laden in Berlin-Charlottenburg ist jedenfalls nur eines der über 100 Geschäfte in 70 deutschen Städten, die in der dritten Oktoberwoche Konzerte und Autogrammstunden veranstalten und Sonderausgaben von CD- und Vinyltonträgern anbieten.

Plattenläden aller Couleur nehmen an der Woche teil. Von "Großuntenrehmen", dem Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und dem Münchner Kaufhaus Ludwig Beck mit preisgekrönter Plattenabteilung bis zu den Spezialistenkaschemmen und Chaosfundgruben tief in der Provinz. Und alle verkünden die gleiche Botschaft: Netzsuche aussetzen! Weg von Online-Händlern wie Amazon! Plattenladen statt runterladen!

"Die Läden mit den geilen Scheiben"

Begonnen hatte die Bewegung 2007 in den USA. Dort erklärten die unabhängigen Plattengeschäfte den dritten Samstag im April zum Record Store Day (RSD). Händler in aller Welt schlossen sich den Amerikanern an. Stars wie Bruce Springsteen ("Ich lasse schnell mal 500 Dollar in einem Plattengeschäft") unterstützten die Initiative. Das Onlineportal "BuzzFeed" veröffentlichte eine "Liste der 27 aufregendsten Läden, in denen man vor seinem Tod eingekauft haben sollte" (darunter die bei Techno- und House-Fans beliebte "Spacehall" in Berlin-Kreuzberg). Tonträgergeschäfte wurden zu Kultplätzen erhoben.

Der unabhängige deutsche Fachhandel griff die RSD-Idee 2009 auf und erweiterte das Ereignis zur Plattenladenwoche. Während der Record Store Day vor allem Rockmusik herausstellt, bezog die Plattenladenwoche von Anfang an klassische Musik in ihre Kampagne ein.

Bei beiden Events spielen Vinyltonträger die dominierende Rolle. So erscheint zur diesjährigen Plattenladenwoche zum Beispiel die Doppel-LP "1/1" des norwegischen Jazztrompeters Nils Petter Molvær mit dem Berliner Elektroniktüftler Moritz von Oswald auf Vinyl. Dass in diesem Jahr der Jazz gewürdigt wird, begründet Plattenladenwochen-Initiator Jörg Hottas damit, dass diese "Musik so frei ist, sich immer neu zu erfinden und immer wieder neue Blüten zu treiben".

Eine solche Blüte ist der Kampagnensong "Die Läden mit den geilen Scheiben", den Stefan Gwildis produziert hat. Der Hamburger Sänger wird das Lied am 21. Oktober im Mojo Club auf der Reeperbahn singen, wo die Plattenladenwoche offiziell eröffnet wird. Mit dabei sind unter anderen Jocelyn B. Smith, Caro Josée und der schwedische Jazzpianist Jacob Karlzon. Jazz-/Pop-Star Jamie Cullum hat dem Ereignis eine Botschaft übermittelt, die mit der Erkenntnis endet: "Ein guter Plattenladen bereichert das Leben."

Der Mann hat recht.


Termine und Sondereditionen zur Plattenladenwoche 2013.



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hugo_z_hackenbusch 12.10.2013
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"Jazz is not dead - it just smells funny" Frank Zappa
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