Politischer Chansonnier: Frankreich trauert um Jean Ferrat

Seine kommunistisch geprägten Polit-Chansons durften zeitweise nicht im Radio gespielt werden, dennoch würdigte Frankreichs Präsident Sarkozy Jean Ferrat jetzt als einen der wichtigsten Sänger des Landes. Ferrat ist im Alter von 79 Jahren verstorben.

Chansonnier Ferrat (1966 in Paris): "Anspruchsvoll und gleichzeitig populär" Zur Großansicht
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Chansonnier Ferrat (1966 in Paris): "Anspruchsvoll und gleichzeitig populär"

Paris - Er war nie so bekannt wie seine Kollegen Georges Brassens oder Léo Ferré, aber es war Jean Ferrat, der mit seinem Chanson "Potemkine" die Studentenunruhen und Proteste gegen den Vietnam-Krieg von 1968 ankündigte. "Würdet ihr mit mir hadern, zeigte ich euch eine Welt, wo der Hungernde weiß, dass ihn erwartet der Schuss. Es naht das Verbrechen und tief ist das Meer. Und vor den Rebellen ziehn die Füsiliere her. Mein Bruder ist's, man erschießt ihn", heißt es in dem Lied laut einer Übersetzung von Stéphane Didier.

Ein Affront und ein klares Bekenntnis Ferrat zu seiner kommunistischen Gesinnung, was dazu führte, dass "Potemkine" und Ferrats Chanson "Ma France" nicht mehr vom damals unter strengem staatlichem Einfluss stehenden Rundfunk gespielt wurde. Ein Parteibuch der Kommunisten besaß der Sänger zwar nie, dennoch trat er auf der Liste der Partei zu Kommunal- und Europawahlen an. In Frankreich gilt Ferrat bis heute als Idol der Linken. 1967 reiste er nach Kuba und kam mit dem Lied "Cuba si" zurück, in dem er den sozialistischen Inselstaat als arm, aber frei bezeichnete.

Geboren wurde Ferrat am 26. Dezember 1930 in Frankreich unter dem bürgerlichen Namen Jean Tenenbaum. Als er elf Jahre alt war, wurde sein aus Russland eingewanderter jüdischen Vater ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er starb. Ferrat selbst überlebte nur dank der Hilfe kommunistischer Kämpfer.

Ferrat veröffentlichte im Lauf seiner Karriere mehr als zwei Dutzend Platten. Poetische Liebeslieder waren darauf ebenso zu finden wie Chansons mit politischen Texten. Mit viel Feingefühl und einer tiefen, sanften Stimme vertonte er auch Gedichte von Louis Aragon.

Staatspräsident Nicolas Sarkozy würdigte Ferrat am Samstag als einen der Großen des französischen Chansons. "Er hat gezeigt, dass er anspruchsvoll und gleichzeitig populär sein kann", schrieb der Staatschef. Jeder Franzose habe Ferrats unvergesslichen Melodien und seine anspruchsvollen Texte im Gedächtnis.

Ferrat starb am Samstag im Alter von 79 Jahren in der südostfranzösischen Stadt Aubenas. Dort lag er bereits seit einigen Tagen im Krankenhaus.

bor/dpa/AFP/Reuters

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