Pop! Auf der B-Seite der Musikgeschichte

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Die Pet Shop Boys recyceln alte B-Seiten, der Groß-Exzentriker Kevin Rowland verspricht nach Jahrzehnten ein neues Dexys-Album, und Mike Hadras, alias Perfume Genius, leidet öffentlich unter Morbus Crohn.

Pop! Neue Platte nach 27 Jahren Fotos
Getty Images

Spinnerte Spielplätze

Das Konzept der "B-Seite" stammt aus der Steinzeit der Musikindustrie, aus einer Ära, in der auf Vinyl gepresste Schallplatten noch etwas bedeuteten. Die Regeln waren einfach: Auf der A-Seite landete das wichtige Lied, der potentielle Hit und Bestseller. Die B-Seite dagegen bot Platz für Musik, der weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde. Das Besondere an B-Seiten war, dass sie ambitionierten Künstlern, aber auch unsicheren Plattenfirmen als Experimentierfeld dienten. Dort wurden Songs platziert, die nicht als Hit taugten, die nicht mehr auf ein Album passten, als Schrott galten oder warum-auch-immer übrig waren.

Die Pet Shop Boys sind abenteuerlustige Pop-Traditionalisten und nutzten den Platz der B-Seite oft als Abenteuerspielplatz. Nun ist "Format", ihre zwei CDs umfassende zweite Sammlung von "B-Sides and Bonus Tracks" erschienen. "Das sind Tracks, für die sich keiner in der Musikindustrie interessiert, und deshalb kann man auf einer B-Seite machen, was man will", verkündet Pet-Shop-Boy-Sänger Neil Tennant im CD-Booklet. Konsequent bietet "Format" Demoversionen, Experimente, Ausgemustertes und lustigen Quatsch ("How I Learned to Hate Rock'n'Roll"). Im CD-Booklet lassen die Künstler die Historie der B-Seite Revue passieren, von der Vinyl-Rückseite zu CD-Extra-Tracks, Kassetten-Singles-Extra-Tracks, DVD-Single-Extra-Tracks oder Download-Single-Extra-Tracks. "Format" eben. Eine Geschichte der B-Seiten hat aus diesem Anlass auch die Online-Ausgabe des "Guardian" zusammengetragen. Es wird an B-Seiten-Schätze von Prince ("Erotic City"), The Smiths ("Asleep") und Depeche Mode ("But Not Tonight") erinnert und auch daran, dass manche Bestseller eigentlich als B-Seiten starteten: von "Rock Around the Clock" bis "I Will Survive". Fortgeschrittene erweitern ihr unnützes Pop-Wissen noch mit dem B-Seiten-Blog "Besides the B-Sides" des Saint-Etienne-Mannes Bob Stanley.

Verdrängte Themen

In der Popberichterstattung sind Krankheiten eher lästig. Von Drogenexzessen und Depressionen mal abgesehen, werden alle anderen potentiellen Gebrechen ignoriert. Umso erstaunlicher ist die Geschichte im Blog des amerikanischen "Paste Magazins" über Musiker, die mit chronischen Krankheiten zu kämpfen haben. Neun Künstler werden zu ihrer Krankheitsgeschichte und ihrem Umgang damit befragt. Dabei ist auch Mike Hadras, alias Perfume Genius, dessen neues Album gerade sehr gelobt wird und der über sein Leiden Morbus Crohn Auskunft gibt. Man wolle ja nicht als "labil oder schwierig" gelten, deshalb schweige er meistens, verrät er.

Erstaunliche Rückkehr

Zu den großen, unterschätzten und vor allem missverstandenen Helden der älteren britischen Popmusik zählt Kevin Rowland, Sänger und Strippenzieher von Dexys Midnight Runners. Das Problem beginnt damit, dass die Band immer noch auf ihren einen großen nervtötenden Radio-Hit "Come On Eileen" reduziert wird. Egal. Das letzte Album der Band erschien vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Seitdem sorgte der Groß-Exzentriker Rowland nur für Schlagzeilen der bizarren Art. Nun hat er tatsächlich ein neues Dexys-Album ("One Day I'm Going to Soar") angekündigt, wie die Online-Ausgabe des "NME" vermeldet. Das Magazin "Mojo" offeriert eine zweiminütige Hörprobe.

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Zur Person
Isa Kreitz
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.

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