Pop-Aufsteigerin Lana Del Rey: Nach Hype und Hass doch noch ein Album

YouTube-Phänomen, Überraschungspopstar, Lieblingsschmähopfer der Blogosphäre: Lana Del Rey hat schon einiges erlebt, dabei steht sie noch am Anfang ihrer Karriere. Nun erscheint endlich ihr Album "Born To Die". Felix Bayer hat es gehört und muss an David Bowie und David Hasselhoff denken.

Die Geschichte von Lana Del Reys Debütalbum - das gar kein Debütalbum ist, aber dazu später - ist eine Geschichte, die viel darüber erzählt, wie Stars im Internetzeitalter entstehen, und wie sie auch wieder fallen können. Und doch steckt auch eine ganz alte Geschichte darin, eine, die die Pop-Rezeption schon prägte, als Nachrichten noch per Telex übermittelt wurden.

Bis zum Veröffentlichungstag des Albums "Born To Die" hat das vielgelesene US-Blog Hipster Runoff 44 Meldungen über die Sängerin veröffentlicht, in seinem typischen Stil, der halbironisch den Ton der Nutzerkommentare auf Indie-Websites nachahmt und überspitzt. Eine Meldung ist gehässiger als die andere, meistens mit dem Tenor: "Die kann nix, ihre Karriere hat ihr reicher Papi gekauft - aber von der Bettkante schubsen würde ich sie nicht". Das Schmähgewitter fand seinen Höhepunkt in einer, nun ja, Fernsehkritik: "Lana Del Rey EFFING TANKS on SNL. Is her career 'effing over'?"

Woher nur all der Hass? Als Lana Del Rey Mitte Januar bei der US-Comedyshow "Saturday Night Live" (SNL) sang, war es ihr erster großer Fernsehauftritt in ihrem Heimatland. Und danach brach es über sie herein: Blogger, Twitterer, "Entertainment Weekly", sie alle fällten vernichtende Urteile über den Auftritt; die Schauspielerin Juliette Lewis fand, Del Rey habe gesungen wie eine Zwölfjährige in ihrem Kinderzimmer, und der NBC-Nachrichtenmann Brian Williams sprach von "einem der schlechtesten Auftritte in der SNL-Geschichte".

Was war geschehen? Lana Del Rey hatte zwei Songs gesungen, diejenigen, die ihren Ruhm begründeten: "Video Games" und "Blue Jeans". Sie hatte sie nicht übermäßig stimmsicher gesungen, manche Phrasierung ging daneben, tiefe Töne wackelten. Sie klang, als sei sie ziemlich nervös. Sie sah auch so aus. Und dass ihre Bewegungen kaum über ein gelegentliches Halbkreisen zur einen und zur anderen Richtung hinausging, lag wohl nicht nur an ihrem bodenlangen, weißen Kleid. Es war nicht doll. Aber war es wirklich ein Karrierekiller-Desaster?

Backlash wegen einer etwas zugespitzten Legende

Eine Karriere, die ja noch gar nicht so recht begonnen hatte, deren Verlauf aber schon einige dramatische Wendepunkte vorweisen kann. Also noch mal von vorne: Im Sommer 2011 wurde Lana Del Reys selbstproduzierter Clip zu "Video Games", voller nostalgischer Hollywood- und Heimkino-Bilder, in Windeseile hunderttausendfach angeschaut. Das Internet beschleunigt den Aufstieg von Stars, wenn's denn klappt.

Schnell verbreitete sich Lana Del Reys Selbststilisierung als "Gangsta Nancy Sinatra"; wer sie entdeckte, fühlte sich im Sound an die Soundtracks zu David-Lynch-Filmen und im Look an Filmstars der frühen Sechziger erinnert. Eine PR-Biografie verkündete, sie komme aus den Trailerparks von Kleinstadt-Amerika. Es war eine, sagen wir, etwas zugespitzte Legende.

Denn nun begann der erste Backlash, die erste Gegenreaktion auf den vorausgegangenen Hype. Nachdem zunächst vor allem über Lana Del Reys möglicherweise aufgespritzte Lippen spekuliert wurde, kam nun heraus, dass sie eigentlich Lizzy Grant heißt, ihr Daddy ein erfolgreicher Unternehmer im Domain-Namen-Gewerbe ist und die Kleinstadt ihrer Jugend der Skiort Lake Placid ist. Es fand sich ein Album mit netten Folk-Popsongs, das sie als Lizzy Grant veröffentlicht hatte, aber vor der Neuerfindung als Lana Del Rey bei iTunes löschen ließ - natürlich verbreitete es sich über die Filesharing-Wege dennoch. Das Internet vergisst bekanntlich nicht, es entmystifiziert - im guten wie im schlechten Sinne.

Stellen wir uns für einen Moment vor, 1969 hätte es das Internet schon gegeben. Ein junger Mann aus London erscheint auf der Bildfläche mit einem leicht rätselhaften, aber äußerst einnehmenden Song, der ein Überraschungshit wird: "Space Oddity". Wäre damals blitzschnell herausgekommen, dass der Mann gar nicht David Bowie, sondern David Jones heißt? Hätte jeder bald gewusst, dass er in den Jahren zuvor ziemlichen Quatsch wie den "Laughing Gnome" aufgenommen hatte? Wären die Blogs und Foren voller "Fake"-Vorwürfe gewesen? Hätte Bowie eine Chance gehabt, das Weltraum-Thema weiter zu behandeln und sich als Ziggy Stardust endgültig in die Pop-Ikone der Siebziger zu verwandeln?

Kunstfigur aus B-Filmen und Pulp-Romanen

Sich selbst neu zu erfinden gehört im Pop unbedingt dazu, die Liste der Beispiele reicht von Bowie über Madonna bis zu Lady Gaga. Lizzy Grant hat mit Lana Del Rey eine Figur erdacht, die den immer falschen Männern verfällt, was sie weiß, weshalb sie diese Männer hasst, aber nicht gegen ihre Liebe an kann. Das ist ein ziemliches Comic-Abziehbild aus B-Filmen und Pulp-Romanen, aber Pop ist in der Regel auch nicht der Platz für die tiefenpsychologische Durchdringung von Charakteren - eine klare ästhetische Positionierung ist da schon eine Menge wert.

Trotzdem ist genau dieses Geschlechterbild eines der Probleme des nun erschienen Lana-Del-Rey-Albums. Denn in den zwölf (in der Deluxe-Ausgabe der CD 15) Songs tauchen die immergleichen Motive immer wieder auf, zieht die Sängerin das rote Kleid an, zieht sie das rote Kleid aus; "you like the bad girls" ("Video Games"), heißt es über den Mann, oder: "you like your girls insane" ("Born To Die"). Und natürlich zahlreiche Variationen der Zeile aus "Diet Mountain Dew": "You're no good for me/ But baby I want you, I want you". So etwa beim sechsten Lied denkt man: Ist gut jetzt, ich hab's verstanden.

Doch wer der Musik von "Video Games" verfallen war, - diesem atmosphärischen Mischmasch aus unheilvoll klingenden Akkorden, detailgenau phrasiertem Gesang, zurückhaltenden, aber durchschlagenden TripHop-Beats und den immer wieder herausbrechenden, wunderschönen Melodien - der wird auf dem Album "Born To Die" reichlich bedient. Meist bleibt Lana Del Rey dem Balladentrott treu, was die einzelnen Tempoverschärfungen um so reizvoller macht.

Es ist ein gut klingendes Album, gleichermaßen retro wie zeitgemäß, aber es krankt ein wenig daran, dass die Kunstfigur Lana Del Rey vielleicht doch noch ein, zwei Charakterfacetten mehr bräuchte. Aber das kann ja noch kommen; Pop-Inszenierungen können sich wandeln.

Immer Ärger mit der Authentizität

Was nicht das Problem ist, ist das, worüber die Kommentatoren auf den amerikanischen Websites sich beschweren: dass Lana Del Rey nicht authentisch sei. Doch diese Sehnsucht nach dem Authentischen scheint eine spezifische amerikanische zu sein, wo man den Rock ehrlich und handgemacht liebt. Jedenfalls ist dort das Lana-Del-Rey-Album deutlich niedriger in den Amazon-Vorbestellercharts platziert als bei den europäischen Filialen.

Vielleicht ist aber dort auch die zerstörerische Wirkung des hysterischen Negativkommentar-Sturms aus dem Internet stärker, weil das Netz schon fester in den gesellschaftlichen Mainstream-Diskurs integriert ist. Jedenfalls fand der Kritiker der "New York Times", das Album sei "eine Antiklimax". Oder ist doch der "Saturday Night Live"-Auftritt schuld?

In Deutschland war Lana Del Rey im Herbst 2011 bei "Inas Nacht" und spielte zwei kleine Konzerte - hier wird "Born To Die" aller Voraussicht nach auf Platz eins in die Charts einsteigen, auch die Single "Video Games" war ja bereits nirgendwo sonst ein größerer Hit als bei uns. Wer weiß, wird Lana Del Rey am Ende David Hasselhoff ablösen als den Popstar, der in seiner Heimat verlacht wird, aber big in Germany ist? Wäre kein schlechter Tausch.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lana del Rey
ollux 27.01.2012
Vorweg: Kann mir jemand die Adresse des Chirurgen nenen, der Lana Del Rey die monströsen Schlauchbootlippen verpasst hat? Unglaublich, wie man diese hübsche Frau verschandelt hat. Das Album ist trotz aller Umstände als durchaus gelungen zu werten. Ob die Sängerin langfristigen Erfolg zu verzeichnen hat, gehört ins Lager der Spekulation.
2. Schnarch!
blue_plasma 27.01.2012
Zitat von sysopYouTube-Phänomen, Überraschungs-Popstar, Lieblings-Schmähopfer der Blogosphäre: Lana Del Rey hat schon einiges erlebt, dabei steht sie noch am Anfang ihrer Karriere. Nun erscheint endlich*ihr Album "Born To Die". Felix Bayer hat es gehört und muss an David Bowie und David Hasselhoff denken. Pop-Aufsteigerin Lana Del Rey: Nach Hype und Hass doch noch ein Album - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,811590,00.html)
Gääähhhnnnnnn.... Was für ein langweiliges Trullala-Persönchen. Immerhin haben ihre Songs, im Gegensatz zu denen von Bowie, keinen Gehalt oder irgendie gearteten geistigen Nährwert. Wenn man sich die Videos anschaut erkennt man doch sehr schnell, dass dies ein -im schlechtesten Sinne des Wortes- designter, konfektionierter Star ohne eigene Botschaft ist, der ein Klischee bedienen soll: Eben das lasziv-naive Vorstadtmädchen von nebenan.
3.
Bundeskanzler Ackermann 27.01.2012
"Videogames" ist ein tolles Schlaflied. Wer Probleme mit dem Einschlafen hat, sollte es sich vielleicht mal kaufen. Ist mein Ernst, ich mache womöglich genau das.
4. Kimbra!
theranon 27.01.2012
Wer braucht denn Lana Del Ray, wo doch schon Kimbra auf dem Weg nach Europa ist? Kimbra? Ja genau die Kimbra die mit Gotye auch schon den ersten Platz belegt hat. Ihr Album ist zwar hier noch nicht veröffentlicht, aber imho sehr beachtenswert. LDRs Album ist nett, aber schon so tausendmal gehört.
5.
grglmhmpf 27.01.2012
Schon an Video Games zeigt sich doch, daß die Dame, wie sie auch immer richtig heißen mag (interessiert das WIRKLICH jemanden?), zwar als Songschreiberin recht talentiert sein mag, als Sängerin aber leider nur mittelmäßig, da wäre nämlich mehr herauszuholen gewesen. Nach den hier gebotenen Anspieltips muß ich allerdings sagen, daß das schon alles ziemlich gleich klingt, was dann auch wieder das Talent als Songschreiberin relativiert. Auf Authentizität kann ich verzichten, denn es sollte doch vielmehr um die Musik gehen als um den dahinterstehenden Musiker, geschweige denn um den Menschen hinter dem Musiker.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Lana Del Rey
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 50 Kommentare
  • Zur Startseite