Wichtiges Pop-Orakel BBC kürt Jack Garratt zum Newcomer des Jahres

So Konsens, dass es fast schon langweilig ist: Der 24-jährige Brite Jack Garratt belegt mit gefühligem Elektro-Pop den ersten Platz der einflussreichen Newcomer-Liste "Sound of 2016" der BBC.

Britischer Sänger Jack Garratt: Zum wichtigsten Newcomer 2016 gekürt
Corbis

Britischer Sänger Jack Garratt: Zum wichtigsten Newcomer 2016 gekürt

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Er sieht knuffig aus, trägt den einen roten Vollbart und gern mal ein Basecap zu edlen Schluffi-Klamotten. Seine Musik ist die Mainstream-Variante von James Blake: Gefühliger, mit Soul und Elektrosounds angereicherter, zuweilen hymnischer Pop, der immer noch in genau dem richtigen Maß schüchtern und von fragiler Ernsthaftigkeit bleibt, um beim trendbewussten Großstadtpublikum zu punkten. Jack Garratt (auf Soundcloud anhören) heißt der 24 Jahre alte Sänger aus Little Chalfont in Buckinghamshire, der am Freitag von der BBC auf den ersten Platz der Liste mit den potenziell erfolgreichsten Pop-Newcomern des Jahres gewählt wurde.

Den Namen Jack Garratt sollte man sich also merken, denn die seit 2003 von einer Jury aus Kritikern, BBC-Redakteuren und Musikbranchenleuten erstellte "Sound of"-Liste ist durchaus einflussreich. Oft waren die Briten treffsicher: Gleich im ersten Jahr der Abstimmung wurde dem US-Rapper 50 Cent der große Durchbruch prognostiziert, was sich dann tatsächlich bestätigte. 2008 rief die BBC eine aufstrebende britische Sängerin namens Adele zur Siegerin aus, die heute zu den weltweit erfolgreichsten Popstars zählt. Ein Jahr später entschied sich die Jury allerdings für die Dance-Pop-Sängerin Little Boots, deren globaler Erfolg bis heute gering blieb; Lady Gaga landete 2009 nur auf dem fünften Platz. 2010 lagen die Briten mit Ellie Goulding allerdings wieder goldrichtig. Und auch 2014 bewies man mit Bond-Song-Lieferant Sam Smith den richtigen Riecher.

Inzwischen hat sich der ganze Prozess der Findung des mutmaßlichen "Sound des Jahres" natürlich institutionalisiert: Plattenfirmen beginnen bereits früh, ihre Nachwuchskünstler mit sorgfältig in Blogs und sozialen Medien platzierten Vorab-Tracks und Singles für die Longlist relevant zu machen, immerhin verspricht das BBC-Prädikat maximale mediale Aufmerksamkeit, die sich in erfolgreichen Albumverkäufen und Tourneen amortisieren kann. Jack Garratts Debütalbum "Phase" erscheint am 19. Februar.

Interessant wird's erst auf den hinteren Plätzen

Man könnte Garratt, der inzwischen in London lebt und wie sein ebenfalls rothaariger Kollege Ed Sheeran live gern allein mit Gitarre auftritt, als BBC-Hausgewächs bezeichnen, denn der Sänger und Songwriter bewarb sich bereits als 17-Jähriger für die Nachwuchssendung "Introducing", für die lange Treue bedankte sich der Sender BBC 1 im vergangenen Jahr damit, Garratts Song "Breathe Life" (Videoclip hier ansehen) zum "Hottest Record of the World" auszurufen. Die Single "Weathered" (Videoclip hier ansehen) schaffte es immerhin in die Heavy-Rotation Playlist. Als BBC-Radiohörer konnte man Garratt also kaum entkommen, insofern ist sein Sieg nur folgerichtig.

Er ist aber auch die denkbar größte Konsensentscheidung. Mehr auf Nummer sicher als mit Garratt, der in den britischen Popmedien bereits als Ed-Sheeran-Nachfolger gehandelt wird, kann man kaum gehen, und letztlich braucht die BBC, um die Relevanz ihrer "Sound of"-Liste zu erhalten, dringend einen neuen Treffer. Die durchaus ambitionierte Elektropop-Band Years & Years (Abgehört-Kritik hier nachlesen) die den Poll für 2015 gewann, konnte außerhalb Großbritanniens nur Achtungserfolge erzielen. Auch Michael Kiwanuka (Abgehört-Kritik hier nachlesen) und Haim (Porträt hier nachlesen) , die Sieger von 2012 und 2013 blieben hinter den inzwischen extrem hohen Erwartungen zurück, auch wenn ihre Musik aufregende neue Genre-Facetten enthielt.

Garratt, der musikalisch alles so sauber und richtig macht, dass es fast schon langweilig ist, setzte sich dieses Jahr denn auch in einem weitgehend homogenen Wettbewerberfeld durch: Das in den Charts und bei Radiostationen favorisierte Pophybrid aus Pop, Soul und Elektro dominiert die Top-Platzierungen, unter denen sich die kanadische Sängerin Alessia Cara ebenso findet wie die britische Newcomerin NAO. Auf Platz vier schaffte es mit Blossoms eine britische Gitarrenband, die allerdings auch eher mit radiotauglichem Pop liebäugelt. Erst danach wird es mit dem Rap-Trio WSTRN und dem 19-jährigen Londoner Alex Crossan alias Mura Masa (auf Soundcloud anhören), der mit Trap-Sounds und Post-Hip-Hop experimentiert, musikalisch interessanter. Eine Übersicht der diesjährigen Gewinner mit Infos und Links finden Sie hier.



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