Pop! Bob Dylan und der Idiotenwind

Keine Protestsongs, keine kritischen Worte - Bob Dylans Konzerte in China und Vietnam verärgern nun sogar seine Fans. Auch Iggy Pop gibt sich milde und will ein Album mit Herzschmerz-Songs veröffentlichen.

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Idiotenwind

Bob Dylan war immer die Ausnahme. Kollegen und Zeitgenossen wie die Rolling Stones oder Paul McCartney werden regelmäßig verhöhnt, verspottet und abgewatscht für ihre Tourneen, neuen Lieder oder ihr Privatleben. Nur Dylan nie. Und je älter Dylan wurde, umso mehr schien seine Aura der coolen Unantastbarkeit zu wachsen. Er überraschte mit lässigen Memoiren, beeindruckte mit einer exzentrischen Radio-Show und spielte, wie nebenbei, gefeierte neue Alben ein. Aber nun, kurz vor seinem 70. Geburtstag am 24. Mai, hat es Bob Dylan doch noch erwischt. Seit ihn die Reiseroute seiner sogenannten "Never Ending Tour" (Dylan hasst den Begriff) nach Vietnam und China führte, laufen die Dinge für "His Bobness" ungewohnt schlecht.

Der Ärger begann mit den chinesischen Sittenwächtern, die Dylan nur unter der Bedingung auftreten ließen, dass sie vorab seine Setlist absegnen durften. So wurden Protest-Klassiker wie "Blowin' in the Wind" gestrichen, und Bob Dylan, der betagte Rebell, akzeptierte klaglos. Überhaupt fiel kein kritisches Wort während seines Auftritts in Peking. Auch sein Gastspiel in Saigon fand wenig Gnade. Öde, seelenlos und viel zu professionell habe er seine Songs runtergeleiert, klagt ein Autor der britischen Hipster-Webseite "The Quietus". Auch im "Economist" kommt ein Kritiker zu dem Schluss, dass Dylan sein Pulver längst verschossen habe: "Er wird längst nur noch für seine Aura verehrt statt für aktuelle Leistungen." Auch "New York Times"-Kolumnistin Maureen Dowd schießt scharf: "Blowin' in the idiot wind" ist die Überschrift ihres Schmähtextes. So beben die Musik-Blogs im weltweiten Netz aufs Herrlichste. Nur Dylan, der alte Fuchs, amüsiert sich wahrscheinlich königlich über den ganzen Rummel - rechtzeitig zu seinem Geburtstag.

Milder wilder Kerl

Iggy Pop, den manche Fachleute für den Erfinder des Punkrock halten und der auch mit über Sechzig auf der Bühne regelmäßig für Furore sorgt, wird auf seine alten Tage milde. Nun hat der wilde Kerl tatsächlich ein Album mit Balladen angekündigt, auf dem er unter anderem Lieder von Serge Gainsbourg, Fred Neil und Henry Salvador zum Besten geben will. Das klingt spannend und ist gar nicht überraschend, denn aus seiner großen Verehrung für die Fünfziger-Jahre-Herzschmerz-Platten von Frank Sinatra hat Pop nie ein Geheimnis gemacht - und zuletzt, mit seinem Album "Préliminiaires", bereits Sinn für frankophilen Barjazz gezeigt. Um solche Balladen angemessen zu singen, müsse man nur genug erlebt und überlebt haben, um sich nicht lächerlich zu machen, hat Pop mal gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kalte Füße

Coldplay-Fans müssen regelmäßig verbale Schläge einstecken. Die Band, deren Sound Brit-Pop-Mogul Alan McGee einst als "Bettnässer-Rock" abtat, gilt seit jeher als uncool. Nun wird gemeldet, dass Coldplay-Fans auch bei ersten Dates nicht viel zu erwarten haben. Die Webseite Tastebuds.FM, die einsame Musikfans mittels ihrer Geschmäcker zusammenführt, hat Listen veröffentlicht, welche Künstler für, nun ja, Abenteuer stehen und welche eben nicht. Die Liste der Zurückhaltenden wird von Coldplay und Adele angeführt. Während Nirvana- und Metallica-Fans angeblich schnell zur Sache kommen.

Heimliche Stars

Die Sängerin Adele leidet angeblich dieser Tage sehr unter dem mit ihrem gewaltigen Erfolg einhergehenden Starrummel. Nicht wenige Pop-Helden sehnen sich nach ein wenig Anonymität. Besser dran sind die Musiker, die andere mit Hits versorgen, ohne selber in Erscheinung zu treten. Die also ein Vermögen verdienen, aber unerkannt durch den Supermarkt spazieren können. Der "Independent" präsentiert nun in seiner Online-Ausgabe einige der erfolgreichsten Bestseller-Schreiber, die jenseits der Branche keiner kennt.

Dabei sind unter anderem: Eg White (Adele), Guy Chambers (Robbie Williams), Cathy Dennis (Kylie Minogue) und Alison Moira Clarkson (Sophie Ellis-Bextor). Clarkson war übrigens einst als Betty Boo kurz auch mal ein Star.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Sabi 15.04.2011
1. Seele
Zitat von sysopKeine Protestsongs, keine kritischen Worte - Bob Dylans Konzerte in China und Vietnam verärgern nun sogar seine Fans.*Auch Iggy Pop gibt sich milde und will ein Album mit Herz-Schmerz-Songs veröffentlichen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,757086,00.html
Mit den vielen Alben hat Dylan auch seine Seele verkauft ! Ich höre ausschlißlich seine Songs von 60ern und 70ern ! Dagegen sind die neuen Songs blutlos !
lafrentz01 15.04.2011
2. Lasst Ihn machen
Lasst ihn doch machen, der Kerl ist wirklich einer der Wenigen die in Würde gealtert sind und er bringt immer noch erstaunliche Alben zustande. Seine Musik als seelenlos zu bezeichnen könnte daran liegen, dass man auf dem Level seines Jugendgeschmacks stehen geblieben ist, was ja vielen so geht. Trotzdem Vorsicht mit solchen Äußerungen, sie können schnell auf einen selbst zurück fallen...
ThomasSGN 15.04.2011
3. Dylan in Vietnam
Als jemand der das Glück hatte bei dem Konzert in Saigon dabei sein zu können, kann ich nur sagen, das öde und seelenlos nun wirklich das letzte sind, was man dazu sagen kann. Im Gegenteil, man hat ihm angesehen, dass es im Spass machte, es war ein exzellenter Auftritt bei dem alles stimmte. Und jeder, der dabei war, sah es genauso. Wenn man von Dylan irgendwelche Statements erwartete, dann kennt man ihn nicht. Ja und mein Gott, wenn er "Blowing in the Wind" nicht spielen sollte, er hat ja noch ein paar andere gute Lieder. Die Stones durften auch nicht "Honkytonk Woman" In China spielen, so what.... Maureen Dowd von der NYT kennt kein Mensch, von Dylan wird man noch in 100 Jahren reden.
moaeburch 15.04.2011
4. Dont Look Back
Wer behauptet, Dylan sei von Spott und Schmähungen bisher verschont geblieben weiß nicht, was er redet. Bei seinen vielfältigen Wandlungen hat es immer kübelweise derartiges gegeben, was ihn dazu veranlaßte, die Presse im wesentlichen zu ignorieren. Richtig so. Er macht als Musiker einfach seinen Job und den macht er gut ! Niemand hat so viele Facetten und auch nach 50 Jahren Musik-Business noch so viele positive Überraschungen parat wie er. Er wird seine Gründe haben, warum er jetzt in Vietnam und China so verfährt. "I try my best to be just like I am. But everybody wants you to be just like them." "Everything's passing, everything's changing. Just do, what you think you should do." Damit ist schon fast alles gesagt und Recht hat er !
tunga 15.04.2011
5. Bobby
Seit der Sache mit Sinead o Connor ist der Kerl nur noch ein Abklatsch, eine Witzfigur seiner selbst. Da haben ja sämtliche konservativen Politiker mehr Arsch in der Hose.
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