Pop! Camerons Kampf gegen die Clip-Unzucht

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Harte Zeiten für Gaga und Rihanna: Der britische Premierminister David Cameron fordert eine Altersfreigabe für Videoclips, um unschuldige Kinderaugen vor zu viel nackter Haut zu bewahren. Lykke Li verschenkt Lieder. Und Vicky Leandros war mal richtig cool.

Pop! Kampf der Unzucht Fotos
Getty Images

Pop-Porno?

In Geschichten über den sagenhaften Triumph von Adele wird gerne vermerkt, dass die junge Britin trotz ihres Körpers groß rauskam. Genauer gesagt, dass Adele dick und trotzdem ein Popstar ist: dass die 23-Jährige sich nie halbnackt in Magazinen zur Schau stellte und nicht mit zweideutigen Videoclips für Trubel sorgte. Was Richard Russell, den Boss ihrer Plattenfirma XL Recordings im vergangenen Jahr dazu veranlasste, Adeles Erfolg als "radikal" zu feiern und gleichzeitig Kolleginnen zu verteufeln, deren Auftritte "übersexualisiert" seien. Als "Faux Porn", zu Deutsch in etwa "Pseudo-Pornografie" kanzelte Russell die Ästhetik vieler Videos ab.

Diese Haltung greift pünktlich zum Jahresbeginn der britische Premierminister David Cameron in der Online-Ausgabe des "New Musical Express" auf, der anzügliche Videoclips künftig angeblich mit Altersfreigaben versehen will, um der "Kommerzialisierung und Sexualisierung" der Kindheit Einhalt zu gebieten. Konkret gemeint haben dürfte Cameron damit Lady Gaga und vor allem Rihanna, deren freizügige und Männerphantasien kitzelnde Filmchen zuletzt immer wieder für Kritik sorgten. Rihannas "S&M"-Latex-Clip wurde in elf Ländern indiziert, ihr Clip zu "We Found Love" von Initiativen wie dem "Rape Crisis Center" scharf kritisiert.

Ob Zensur das geeignete Mittel gegen solche Anblicke ist, bleibt fraglich. Verbote haben Pop-Produkte traditionell attraktiver gemacht. Aber in Deutschland stellt sich die Frage ohnehin nicht, weil die meisten Clips bei YouTube dank des Zoffs mit der Gema "leider nicht verfügbar" sind.

Pop-Verbot!

Vielleicht ist David Cameron aber auch seit Ende vergangenen Jahres einfach nicht gut auf Musiker zu sprechen. Gern hatte der Regierungschef in der Vergangenheit unters Volk gestreut, wie sehr er The Smiths liebe. Eine einseitige Zuneigung, wie deren Gitarrist Johnny Marr deutlich machte, als er twitterte: "Stop saying that you like The Smiths, no you don't. I forbid you to like it!" Über eine Reaktion Camerons ist nichts bekannt.

Pop-Sport!

Je näher die Olympischen Spiele von London rücken, desto mehr überschlagen sich die Gerüchte der möglichen Programmsensationen. Gut informierte Menschen behaupten, dass Sir Paul McCartney den Sportzirkus mit einem Konzert eröffnen wird und die drei Überlebenden von Pink Floyd das Spektakel beenden sollen. Dass der rüstige Beatles-Rentner mitmacht, ist durchaus wahrscheinlich, doch Pink-Floyd-Mann David Gilmour ließ schon ausrichten, wie schnuppe ihm Olympia sei.

Pop-Überraschung!

Immer noch gefragt sind die irischen Rock-Veteranen von Thin Lizzy ("The Boys Are Back In Town"), die - mit Unterbrechungen - seit 1969 die Puppen tanzen lassen, seit dem Tod ihres Kreativchefs Phil Lynott 1986 aber keine große Rolle mehr spielen. Fans ihrer besseren Tage wird die Nachricht beglücken, dass Lynott kurz vor seinem Ableben einem Hausmeister 150 Tonbänder mit mehr als 700 unveröffentlichten Songs schenkte. Eine Box mit Highlights wird später im Jahr erwartet.

Pop-Geschenk!

Die umtriebige schwedische Musikerin Lykke Li bietet ihren Fans vier unveröffentlichte Songs auf ihrer Webseite für lau. Danke!

Pop-Kuriosität!

Menschen mit zu viel Zeit können bei YouTube immer wieder tolle Entdeckungen machen, zum Beispiel ein faszinierendes TV-Special von - Potzblitz - Vicky Leandros. Bei "Ich bin Vicky Leandros" führte 1970 der hippe Serge-Gainsbourg-Regisseur Pierre Koralnik ("Cannabis") Regie. Vor psychedelischer Kulisse schnurrt die spätere Schlagerkönigin überraschend lässig tolle Songs von Bob Dylan, Harry Nilsson oder Michel Legrand.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Camerons Langeweile
pepito_sbazzeguti 06.01.2012
Zitat von sysopHarte Zeiten für Gaga und Rihanna: Der britische Premierminister David Cameron fordert eine Altersfreigabe für Video-Clips, um unschuldige Kinderaugen vor zu viel nackter Haut zu bewahren. Lykke Li verschenkt Lieder. Und Vicky Leandros war mal richtig cool. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,807410,00.html
Soviel Langeweile hat der Cameron, dass er sich mit solchem Mummpitz abgeben kann? Oder kehrt die viktorianische Prüderie zurück?
2. Lächerlich !
leser_81 06.01.2012
Die meisten Kinder der "Youporngeneration" haben im Internet uneingeschränkten Zugriff auf Hunderttausende von hardcore Pornoclips und ganzen Pornofilmen. Lediglich ein Knopf mit der bestätigung, dass ein User über 18 Jahre sein muss sollte bestätigt werden. Viele der Kinder wissen noch besser als der Papa wo es die hardcore Streifen gibt. Und jetzt sollen Vidoeclips von Sängern zensiert werden ? Hat Hr. Cameron nichts besseres zu tun?
3. über Geschmack kann man streiten
old_spice 06.01.2012
Lady Gaga ist ungefähr so erotisch wie ein Picasso. Ab welchem Alter hat man Zugang zur Londoner Nationalgalerie ? Manche Sängerinnen neigen schon zu einem anregenden Bühnen - Outfit, aber echte Künstlerinnen wie Kylie Minoque, Shaghira etc. lassen dem Zuschauer noch Platz für Phantasie. manche Clips auf MTV schlagen aber glatt das Nachtprogramm von 9live
4.
Ambermoon 06.01.2012
Da sollte man vielleicht mal einen Blick auf die Länder werfen, in denen der Clip von dieser Rihanna indiziert ist, und sich dann fragen, ob man sich mit denen auf eine Stufe stellen möchte. Im Zeitalter von Youporn, Pornhub & Co. sollte man sich ggf. weiterhin fragen, ob es nicht mal wieder angebracht wäre, etwas Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, statt sie vor Fernseher und Rechner zu parken. Gut, da spielen auch die ökonomischen Möglichkeiten mit rein. Zumindest in der Stadt ist es bei den heutigen Gehältern und Mieten vielleicht nicht immer einfach, Zeit zu haben. Nichtsdestotrotz: Cameron=Flasche.
5. Zwecklos
Bundeskanzler20XX 06.01.2012
Ich kann schon verstehen, dass man sich über die heutigen Musikvideos aufregen kann, wenn dort halbnackte Sängerinnen herumtanzen. Es hat halt nichts mit der Musik zu tun. Wie Adele zeigt braucht gute Musik keine sexistische Unterstützung. Verbieten ist allerdings wie so oft keine lösung und reine Altersbeschränkung zwecklos. Es wäre sinnvoll Kinder besser zu bilden und die Energie dort reinzustecken wo es sich lohnt.
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Zur Person
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.

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