Pop-Chronist Jon Savage Musik von der inneren Festplatte

Der britische Autor Jon Savage gilt als kluger Kopf im Pop-Universum. Aufregend und unterhaltsam sind auch die CDs, die er meisterlich zusammenstellt. Nun ist er auf Lesereise.


Wer erinnert sich an Pamela Joy? Oder an Slim And Slam? An Klein & MBO, Chick Webb oder Mildred Bailey & The Treasury Ensemble?

Alles vergessene Musiker aus verschiedenen Epochen, Genres und Welten, die wohl nicht viel mehr verbindet als ein Brite namens Jon Savage. Der hat Lieder dieser Künstler für seine tollen Compilation-CDs wie "Teenage - The Creation of Youth: 1911-1946" oder "Dreams Come True - Classic First Wave Electro" ausgewählt und so wahrscheinlich einem neuen Publikum nahegebracht.

Savage ist einer der klugen Köpfe der Popmusik-Berichterstattung. Der 56-jährige Kauz, der bürgerlich Jonathon Sage heißt, wurde zu Punkrock-Zeiten als Star-Autor des "New Musical Express" bekannt. Als Klassiker gilt "England's Dreaming", sein üppig recherchiertes Buch über Punkrock im Allgemeinen und die Sex Pistols im Besonderen. Im vergangenen Jahr sorgte der auf einer Farm in Wales lebende Pop-Chronist mit "Teenage", einem wissenschaftlich recherchierten Wälzer über die "Erfindung" des Teenagers, für Aufsehen.

Vor allem ist Jon Savage aber ein Profi, der sich enorm mit Musik auskennt, der tausende Platten gehört, gesammelt, analysiert und auf seiner inneren Festplatte gespeichert hat.

Dabei ist er auf kein Genre festgelegt, im Gegenteil: Sein Spektrum ist spektakulär, es reicht von knisterndem Ragtime-Jazz bis zu knallendem Elektro-Pop. Ein Wissen, das in diesen Zeiten der totalen Musiküberflutung kostbar ist. Denn so verlockend die MP3-Mengen auch sein mögen, die ziemlich frei verfügbar durchs weltweite Netz rauschen - ein Großteil davon ist eben doch nur Schrott.

Umso erfreulicher sind da Tonträger mit kompetent zusammengestellter Musik. Savages CDs sind wie Cassetten von einem wohlmeinenden, wenn auch neunmalklugen Freund: so wie "Teenage", die fabelhafte CD zum Buch mit Jazz, Blues und Swing aus der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts, oder wie "Dreams Come True", eine Sammlung überwiegend obskurer, aber herrlicher Elektro-Disco-Nummern. Auch "Communications", die Retrospektive des legendären Factory Labels, einst Heimat von New Order, Joy Division und den Happy Mondays, hat Savage betreut. Seit gestern ist er auf Lesereise, mit Glück legt er ein paar Platten dazu auf.


CDs "Teenage - Compiled by Jon Savage" (Trikont); "Jon Savage presents Dreams Come True" (Domino Records); "Communications" (Warner).

Jon Savage Lesereise bis zum 13.3. (Termine beim Campus Verlag).



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Constantin Antaris, 06.03.2009
1. Gibt es noch was anderes?
Zitat von sysopDer britische Autor Jon Savage gilt als kluger Kopf im Pop-Universum. Aufregend und unterhaltsam sind auch die CDs, die er meisterlich zusammenstellt. Nun ist er auf Lesereise. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,611540,00.html
Kulturimperialismus Bis zum völligen Überdruss wird jungen Menschen Angelsachsenware feil geboten. Leider sind auch schon zu viele durch das Zeug gehirngewaschen. Es scheint Italienisches, Französisches, Spanisches, Russisches nicht mehr zu geben. Und Deutsches wird ohnehin als "unter ferner liefen" gehandelt. Wenn das kein Imperialismus ist! Bin gespannt, ob SPIEGEL das veröffentlicht!
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