Von Christoph Dallach
Die schlechte Nachricht zuerst: Das Trænafestivalen ist seit einer Woche vorbei. Die gute Nachricht: Wer ab jetzt aufmerksam die Website verfolgt, hat eine gute Chance, eines der sehr begehrten 2000 Tickets für das kommende Jahr zu ergattern. Denn dieses Musikfestival der besonderen Art ist in schöner Regelmäßigkeit ratzfatz ausverkauft. Und das meistens lange bevor feststeht, wer da überhaupt auftritt.
"Welches Træna-Festival?", werden sich nun die meisten Menschen fragen. Zu Recht, denn dieses sanfte Musik-Spektakel war bislang ein gut behüteter Geheimtipp unter abenteuerlustigeren Konzertbesuchern. Aber das ändert sich gerade. Diesmal waren bereits aufgekratzte Medienvertreter aus ganz Europa vor Ort, von seriösen Franzosen ("Le Monde") bis zu britischen Trendsetzern ("New Musical Express") - was die Ticket-Nachfrage sicherlich nicht entspannen wird.
Irrwitzige Idee
Das Træna-Festival ist eines der ungewöhnlichsten Konzert-Spektakel Europas. Der Veranstaltungsort liegt auf einer norwegischen Insel-Gruppe im Arktischen Ozean. Genauer gesagt, in der Kommune Træna, die rund tausend, teils winzige Inseln umfasst. Nur auf vier von ihnen wohnen Menschen, 450 sind es insgesamt. Wovon 380 auf der Insel Husøy zu finden sind, wo auch das Festival sein Zentrum hat, 1000 Kilometer von Oslo entfernt am Polarkreis.
Die irrwitzige Idee, einmal im Jahr 2000 Musikfans in diese entlegene Gegend zu lotsen, hatte vor sechs Jahren der junge Norweger Erlend Mogård Larsen. Der verbrachte dort einige idyllische Kindheitssommer bei seinen Großeltern. Daran erinnerte sich der mittlerweile in Oslo als erfolgreicher Musikmanager lebende Erlend, als er das Haus seiner Großmutter erbte. Als er zurück nach Træna reiste, war er überwältigt von der Schönheit der Natur. Vom gleißenden Licht der Sonne, die dort im Sommer um Mitternacht so hell strahlt wie mittags, von den majestätisch aufragenden Felsen, von der Stille der Strände und dem alles umschließenden, klaren, türkisblauen Wasser. Ein perfekter Ort also, um in Ruhe ungewöhnliche Musik zu genießen.
Stiller Gegenentwurf zu gewaltigen Spektakeln
Das Træna-Festival ist eine Art stiller Gegenentwurf zu gewaltigen Spektakeln wie dem Glastonbury Festival oder Rock am Ring. Hier geht es weniger um berühmte Stars, als um das Erlebnis, vor Ort zu sein. Die meisten Musiker, die in Træna aufspielen, sind Skandinavier, die im Rest der Welt unbekannt sind, dazu kommen stets coole Hipster wie Richard Hawley, Spiritualized, Damien Rice oder, wie in diesem Jahr, British Sea Power.
Die kleine "Hauptbühne" steht in Husoy auf einem Fußballfeld zwischen Felsen, daneben gibt es Zelte für DJ-Auftritte und eine winzige Holzkirche mit Bühne wie aus einer Astrid-Lindgren-Geschichte. Einzigartig ist die Grotte auf der Nachbarinsel Sanna, in der schon Kings of Convenience spielten. "Die berühmteren Künstler nutzt man hier nur, um Menschen zu einem Abenteuer zu locken, auf das sie sich sonst kaum einlassen würden. Ich bin sehr glücklich darüber, so benutzt zu werden", sagt der bebrillte Norweger Erlend Øye, eine Hälfte der Kings of Convenience, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal nach Træna kam und sich mit seiner Gitarre schon mal zu den Campern setzte. Überhaupt kommen sich hier Künstler und ihr Publikum so nahe wie bei keiner vergleichbaren Veranstaltung. In Træna kann man sich nicht in eine Hotel-Suite zurückziehen, weil es hier gar kein Hotel gibt. Geschlafen wird in Zelten rund um die Felsen, bei Privatleuten auf der Insel oder auf einer Matratze in der Schulaula. Wer das nicht erträgt, ist hier falsch.
Zu essen gibt es hier vor allem Fisch oder andere Gerichte aus dem Meer, der Renner etwa sind politisch nicht sonderlich korrekte Wal-Burger. Das Bier ist teuer, dafür werden auf dem Festivalgelände Kaffee und Kekse umsonst gereicht. Sehr beliebt ist auch das James Bond würdige Saunaboot mit Sushi-Koch und anschließendem Bad im Meer.
Die einzige Hürde ist die Anreise, die allen Gästen ein Gefühl für Entfernung vermittelt. Denn Autos und Billigflieger nutzen hier nichts. Man muss erstmal zur Hafenstadt Bodø im Norden von Norwegen kommen. Von dort aus legt einmal am Tag ein Boot ab, das einen in knapp fünf Stunden zum Polarkreis, nach Træna bringt. Die Einheimischen nehmen den Rummel vergnügt zur Kenntnis: "Zweitausend Menschen sind für uns natürlich ungewohnt", sagt Silje, eine 33-jährige Insulanerin. "Es ist immer toll, aber genauso froh sind wir, wenn alle wieder weg sind und wir ein Jahr lang unsere gewohnte Ruhe genießen können."
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