Pop-Hoffnung Charli XCX: Gothic-Spice mit Girl-Power

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Sie schrieb den Über-Hit "I Love It" für das schwedische DJ-Duo Icona Pop, jetzt will sie selbst durchstarten: Die 20-jährige Britin Charli XCX gilt als eine der größten Hoffnungen der aktuellen Popmusik. Nach langem Warten erscheint nun ihr Debüt-Album "True Romance".

SPIEGEL ONLINE

So richtig bequem ist sie noch nicht, die Popstar-Rolle. Nach ein paar Minuten unterbricht Charli XCX das Interview in einem Berliner In-Hotel, um sich ein bisschen linkisch den dicken schwarzen Schlabberpulli auszuziehen, zu warm, um dann festzustellen, dass das darunter befindliche, ebenfalls schwarze Top dann vielleicht doch etwas zu kurz ist. Schamhaft wird die, natürlich pechschwarze Lockenmähne vors Gesicht gerupft und nervös wieder zurückgeworfen: Charli XCX ist eine der begabtesten und interessantesten Hoffnungsträgerinnen der aktuellen Popmusik, aber sie ist eben auch noch ein Mädchen.

Dabei ist Charlotte Aitchison, wie die 20-jährige Britin aus der Londoner Speckgürtel-Provinz Hertfordshire bürgerlich heißt, in der Musikbranche bereits ein alter Hase. Mit acht schrieb sie ihre ersten Songs, mit 14 nahm sie, komplett in Eigenregie, ihr erstes Album auf. Seit 2010, nachdem sie in den Großraumdiscos von East London entdeckt wurde, hat sie einen Plattenvertrag. Im vergangenen Jahr wurde ihr Name als "Featuring"-Zusatz beim Über-Pophit "I Love It" von Icona Pop bekannt, jetzt erscheint mit "True Romance" ihr Debüt-Album.

Darauf finden sich allerlei eingängige Popsongs, die zwischen fröhlichem Synthiepop und düsterer Dark-Wave-Atmosphäre oszillieren, zeitgeistig auf den Punkt produziert von Produzenten wie Ariel Rechtshaid (Vampire Weekend) und Patrik Berger (Lana Del Rey). Die Themen sind ihrem Alter angemessen: Teenie-Träumereien ("Nuclear Seasons"), Herzschmerz ("You (Ha ha ha)") und wilde Party-Abende mit den BFFs ("What I Like") dominieren die Texte, allerdings schwingt - dank Charlis tiefer Stimme und einer gewissen Grundmelancholie - stets eine Gothic-Düsternis mit, die Tiefe zumindest suggeriert. Zusätzlich sorgen Science-Fiction-Geräusche und lustige Sprachverzerrungen für Irritation.

"Star Wars" und Nietenhalsband

Der wilde und sympathisch nerdige, letztlich aber überraschend schlüssige Stilmix kommt nicht von ungefähr: Zu ihren erklärten Vorbildern zählen Tarantino- und "Star Wars"-Filme ebenso wie die Spice Girls und Düsterpop-Ikone Siouxsie Sioux. Passend dazu trägt sie gerne Neunziger-Jahre-Vintage-Stiefel mit absurd hohen Plateaus zum stacheligen Nietenhalsband.

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Charli XCX: Von Star Wars bis Spice Girls
Obwohl Charlis Vater als Promoter in der Musikindustrie arbeitete, wurde sie zu Hause kaum infiltriert: "Es liefen nicht andauernd die Beatles oder so. Ich war ziemlich auf mich alleine gestellt, was das betraf, also hörte ich Britney Spears und sang vorm Spiegel in meine Haarbürste", erzählt sie, "die coolen Sachen habe ich erst viel später entdeckt". Vor allem die Spice Girls hatten es ihr angetan.

Trotz ihrer Vorliebe für Schwarz war das blonde "Baby Spice" Emma Bunton ihr großes Vorbild. Heute sieht sie sich als Erbin der "Girl Power": "Es gibt im Moment eine Menge sehr starke Frauen, die alle interessantere Musik machen als die Jungs." Als Beispiel nennt sie unter anderem die kalifornische Ex-Stripperin und heiß gehandelte Rapperin Brooke Candy, mit der sie für den Song "Cloud Aura" ein Duett aufgenommen hat. "Es geht darum, seinen inneren Freak und die weibliche Sexualität zu umarmen und auszuleben, das empfinde ich als sehr wichtigen Schritt zur Selbstermächtigung für junge Mädchen."

Bloß kein dummes Blondchen!

Auch Charli XCX weiß sehr genau, was sie will und was zu ihr passt. "I Love It", jene Pop-Hymne, die nach europäischen Clubs und Radiosendern inzwischen auch die USA erobert hat und sogar von Lena Dunham in der populären TV-Serie "Girls" geträllert wurde, betrachtete sie als unpassend für ihr eigenes Album. "Ich war damals in Schweden und arbeitete mit Patrik Berger an einigen Demos, eines davon war 'I Love It'. Er gab mir den Backing-Track, und innerhalb einer Stunde hatte ich daraus in meinem Hotelzimmer einen Song gemacht. Patrik war ganz begeistert, aber ich wusste von Anfang an, dass ich ihn nicht selber singen wollte. Wenn ich einen Song schreibe, weiß ich schon ziemlich genau, wie das zugehörige Musikvideo dazu aussehen muss, aber zu 'I Love It' konnte ich mir rein gar nichts vorstellen."

Berger brachte schließlich die in Schweden bereits recht angesagten DJanes von Icona Pop ins Studio, die sich den Track zu eigen machten und schließlich die Charts eroberten. Neidisch auf den Erfolg der anderen? Unsinn, sagt Charli XCX: "Ich war sehr glücklich damit, denn wir befürchteten schon, dass dieser coole Song von irgendeinem Blondchen gesungen werden würde. Icona Pop haben ihren ganz eigenen Spin zugefügt, er hat nicht mehr viel mit meinem Demo von damals zu tun. Ich bin sehr stolz auf die beiden."

Stolz ist sie auch darauf, nach so langer Zeit nun endlich ihr erstes eigenes Album in Händen halten zu können. Dabei ist Charli XCX seit mindestens einem Jahr eine so konstante Größe auf Social-Media-Plattformen, Musik- und Videodiensten, wo sie Rough-Mixe der meisten Songs von "True Romance" als Singles und Mixtapes bereits vorab veröffentlichte, dass man meinen könnte, eine so klassische Vertriebsform wie ein physisches Album auf CD sei für eine moderne Künstlerin gar nicht mehr notwendig. Aber: "Ich bin da sehr old school. Ein Album, das ist schon eine große Sache, daran merke ich erst, dass es vielleicht doch was werden könnte mit einer Karriere als Musikerin." Die Unberechenbarkeit der Popbranche ist ihr allerdings bewusst: "Diese Industrie ist sehr flüchtig, man muss das von Tag zu Tag nehmen."

Über eines ist sich Charli XCX ganz sicher: Ihre allerersten Versuche als Sängerin, jenes im Internet neugierig gesuchte Debüt-Album, wird nie jemand zu hören bekommen. "Mir ist das sehr peinlich! Ich weiß, dass Leute ganz scharf darauf sind, aber ich sorge gerade dafür, dass es nirgendwo auftauchen kann. Damals dachte ich, es wäre ziemlich gut, heute weiß ich, dass es das überhaupt nicht war. Ich will nicht, dass Leute es hören und denken, das, was ich mit 14 gemacht habe, hätte etwas mit mir zu tun, wie ich jetzt bin."


Charli XCX: "True Romance" - ab 31. Mai bei Warner Music

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
emperor-of-mankind 30.05.2013
Dark Wave, Gothic, Punkig? Scheint als würden diese Worte auch nicht mehr das gleiche bedeuten wie früher... Schade...
2. Und sich aller Schubladen zu bedienen um in keine zu passen...
molesman 30.05.2013
...ist keine Schublade? Seit wann? Und warum liegt die ganze "Hoffnung" auf dem kleinen fast-noch-Teen? Geht's hier um eine Weltrettung oder jemand der uns ein paar nette Songs liefert. Talent hat die Damen jedenfalls, der Song für Icona Pop war ein Brett. :)
3.
Wilmalein 30.05.2013
Zitat von emperor-of-mankindDark Wave, Gothic, Punkig?
Schnell, gebt mir einen Eimer, mir wird übel. Dann lieber ein Leben ohne Hoffnung, als diesen Quark.
4.
Andr.e 30.05.2013
Zitat von emperor-of-mankindDark Wave, Gothic, Punkig? Scheint als würden diese Worte auch nicht mehr das gleiche bedeuten wie früher... Schade...
Das in etwas habe ich auch gedacht. Kleines Pop-Sternchen, welches sich ab und an mal umzieht. Das ist nicht mal abwertend gemeint, aber mehr ist das eben nicht.
5.
Sleeper_in_Metropolis 30.05.2013
Ich weiß auch nicht, warum die Dame bei SPON nun quasi als Jesus der Popmusik gehyped wird. Das, was sie da trällert ist recht belangloser Castingpop, wie man da etwas innovatives oder auch nur neues rauszuhören vermag kann ich nicht nachvollziehen. Aber gut, die Musikbranche klammert sich ja scheinbar auch an jeden Strohhalm.
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