Pop-Schwestern Haim: Schüttelt euer Haar für uns!

Aus New York berichtet

Popband Haim: Die Girls des Sommers Fotos
Bella Lieberberg/ Universal

Ob sie den Hype überleben? Hoffentlich. Das US-Trio Haim mischt Westcoast-Rock mit R&B und gilt als größte Pop-Hoffnung des Jahres. Während alle Welt ihrem Debüt entgegenfiebert, beweisen sich die drei Schwestern als harte Arbeiterinnen. Die aber genau wissen, wann ihr Mädchen-Charme gefragt ist.

"Wow", sagt Alana, "er hat mir sein Jackett gegeben!", "Mich hat er umarmt, das war… irgendwie beruhigend", sagt Este. Und Danielle? Fühlte sich linkisch und fürchtete, in hysterisches Kichern auszubrechen, was natürlich ganz schön uncool gewirkt hätte. Die drei Haim-Schwestern sind aufgekratzt. Soeben hat das Trio aus Kalifornien erfolgreich einen Auftritt in der "Late Show" von David Letterman absolviert; der Abschluss eines ereignisreichen New-York-Wochenendes: Club-Konzert am Samstag, Festival-Gig am Sonntag beim "Governor's Ball", Fernsehaufzeichnung am Montag. Da musste ein eilig herbeitelefonierter Arzt den Mädels sogar ein paar Vitaminspritzen setzen.

Seit Monaten sind die drei jungen Frauen im Stress. Eigentlich wollten sie seit Januar an ihrem Debütalbum arbeiten. Doch dann wollte die Plattenfirma, dass sie zusammen mit den Folk-Stars Mumford & Sons auftreten, dann kam das wichtige SXSW-Festival, und, und, und. Mal einen freien Tag gehabt? "Ja, wir waren mal in Disneyland, das war's aber auch", sagt Este, und Danielle ergänzt: "Vielleicht sollten wir in Zukunft darauf ein bisschen mehr achten."

Aber momentan? Keine Chance. Nicht nur bleibt Talk-Legende Letterman gerne noch etwas länger, um sich mit den drei Haim-Girls ablichten zu lassen, auch das Publikum umarmt die drei Schwestern mit Jubel, egal, ob nachts um halb eins in einer vollgestopften Bowling-Halle in Brooklyn oder, wie zuletzt, beim Glastonbury-Festival in England. Haim sind die Band der Stunde. Und das, obwohl sie bisher nur einige Singles veröffentlicht haben.

Mit der BBC fing alles an

Seit die BBC sie im Januar zum "Sound of 2013" kürte, gibt es eine Art Dauer-Hype um Danielle, 24, Este, 27, und Alana Haim, 22. Schon mehrfach wurde die Veröffentlichung des Debüts verschoben, aktuell soll es im Herbst erscheinen. Die Platte ist fertig, sagt die Band, nur der richtige Sound-Mix fehlt noch. "Wir freuen uns ja, dass so viele Leute auf das Album warten", sagt Alana, "aber gleichzeitig möchte man ihnen zurufen: Hey, entspannt euch! Wir sind ja nicht die erste und einzige Band, die ein bisschen länger braucht."

"Falling"
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Das Schicksal der verfrühten Medienerregung teilen Haim in diesem Jahr mit zahlreichen Pop-Künstlerinnen, darunter die designierten R&B-Prinzessinnen Azealia Banks und Angel Haze sowie Australiens Rap-Hoffnung Iggy Azalea oder Pop-Sternchen Sky Ferreira. Einzig UK-Göre Charli XCX brachte im Mai endlich ihr Debüt heraus. Unterstützt wurde sie dabei vom aktuell vielbeschäftigten Produzenten Ariel Rechtshaid (Usher, Vampire Weekend). Der hat nun auch bei Haim den Job, bisher eher poppig-luftige Studioaufnahmen mit dem muskulösen Live-Sound der Band in Einklang zu bringen.

Denn Haims quirliger Achtziger-Jahre-Bananarama-Pop mit viel R&B-Einfluss, Romantic-Rock à la Heart und einer guten Portion Fleetwood Mac, der Songs wie "Forever", "Better Off" oder "Falling" so aufregend macht, mag von CD abgespielt noch den einen oder anderen Kritiker zum Schulterzucken verleiten. Auf der Bühne jedoch entpuppt sich das Trio als mitreißende Rockband, die auch vor wilden Gitarren-, Bass- oder Trommel-Soli nicht zurückschreckt.

Wichtige Familienbande

Alle drei sind ausgebildete Musikerinnen. Schon als Kinder wurden sie von ihrem Vater Mordechai, "Moti" genannt, im Wohnzimmer der Familie an die Drums gesetzt. Der Sportler aus Israel wollte eigentlich in Los Angeles als Footballer reüssieren, seine Frau Donna gewann einst mit einer Coverversion eines Bonnie-Raitt-Songs beim Talent-Casting "Gong Show", beide träumten von einer Musikkarriere - heute arbeiten sie im San Fernando Valley als Immobilienmakler.

Den Traum sollen nun die Töchter erfüllen. Früher traten die Haims als Familienband auf, noch heute sind die Eltern dabei, so oft sie können. Für das New-York-Wochenende haben sie sich extra freigenommen, der Familiengedanke ist das Rückgrat des Pop-Projekts Haim. Bei den Letterman-Proben etwa sitzt Moti im Publikum. Este ruft ihm von der Bühne zu: "War der Sound okay?" Seine Mädchen suchen noch immer seinen Rat.

Este und Danielle, damals 16 und 14, haben bereits auf der High School ins Musikgeschäft hineingeschnuppert, mit der Retorten-Popgruppe The Valli Girls, eine "bizarre L.A.-Horrorstory", wie Danielle es rückblickend nennt. "Wir waren ja sehr jung und wussten gar nicht, wie uns geschah. Immerhin: Seitdem wissen wir, was wir nicht wollen", sagt Este lachend, "sonst wären wir wahrscheinlich nicht die Perfektionisten und Kontrollfreaks, die wir heute sind."

Haarmähnen und Bassgesichter

Wie sie sich medienwirksam und sexy inszenieren müssen, wissen Haim ebenfalls. Die Rollen sind klar verteilt: Danielle, die bereits als Gitarristin mit Strokes-Frontmann Julian Casablancas auf Tournee war, gibt die verletzliche, geheimnisvolle Frontfrau, Este die flirtende, herumulkende Blondine am Bass, und Küken Alana das Teenieschwärmchen an den Tasten.

Drummer Dash Hutton, ebenfalls Bandmitglied, bleibt dagegen meist unsichtbar. "Ihm ist das recht so", sagt Este. "Dash hat in L.A. in einigen Bands gespielt, dann wollte er lieber Session-Musiker sein. Er ist froh, wenn er nicht im Rampenlicht steht. Und klar, er hat es nicht immer leicht mit drei Frauen, die alle an Drums großgeworden sind."

"Don't Save Me"
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Die drei Mädchen genießen den Glamour dafür umso mehr. Bassistin Este ist allein wegen ihres "Bassface" schon eine kleine Berühmtheit: Beim Spielen verzieht sie ihr Gesicht selbstvergessen zu sehr lustigen Grimassen. "Niemanden würde das kümmern, wäre ich ein Mann", sagt sie mit einem koketten Lachen, "jeder Musiker macht das!" Die ehemalige Schauspielschülerin kann natürlich ihr "Bassface" auch abstellen, aber nur mit "sehr viel Mühe", sie sei dann eben "einfach nicht entspannt".

Markenzeichen aller drei Haims sind die langen Haarmähnen, die zarte Mädchenhaftigkeit und harten Rock'n'Roll-Spirit symbolisch miteinander verschmelzen. "Ich habe ständig Nackenschmerzen", erzählt Alana denn auch, "weil ich gar nicht mitkriege, wie heftig ich meine Haare auf der Bühne hin- und herschwinge." Ihre Schwestern steigen sofort darauf ein: "Wenn wir alt sind, müssen wir wahrscheinlich Halskrausen tragen", scherzt Este, und Danielle überlegt, ob man nicht schon von einem Haim-Nackensyndrom sprechen könne.

Haim haben Spaß, sie albern viel herum, sie mögen es, begehrt und gefeiert zu werden, sie leben ihren Rockstar-Lifestyle als Abenteuer. Manchmal aber fühlen sie sich vom Tempo ein wenig überfordert. Wovor haben sie am meisten Angst? "Versagen", sagt Danielle, plötzlich ernst. Die Dinge seien jetzt im Rollen, man könne sie nicht mehr aufhalten. "Wir haben unser Bestes getan, um alles etwas kleiner zu halten. Aber ab einem bestimmten Punkt kannst du nichts mehr machen. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer die Erwartung der Leute." Man könne nur versuchen, "mit ganzem Herzen dabei zu sein, und das haben wir mit dem Album getan, das muss sitzen".

Am Montagabend, gegen Ende des harten New-York-Wochenendes, wollen Este, Alana und Dash noch shoppen gehen, Danielle will aber lieber noch mit Ariel für ein paar Stunden ins Studio. "Wir müssen das jetzt fertigkriegen", murmelt sie müde und ihr Gesicht wirkt jetzt noch ein wenig schmaler, unter ihren Augen haben sich Schatten gebildet.

Selbst wenn Haim nur diesen einen Sommer leuchten und sich dieser eine Moment, in dem alles möglich scheint, verflüchtigt, bevor es richtig losgehen konnte: Haim arbeiten hart daran, ihren Traum zu verwirklichen. Am liebsten, sagt Alana, würde sie jetzt schnell die Platte veröffentlichen und dann nur noch auf Tour gehen. Für immer.

"Forever"
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Haim in Deutschland: 14.8. Berlin, Lido; 16.8. MS Dockville Festival, Hamburg

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Naja...
SisterOfNight 09.07.2013
Die Singles hören sich ziemlich blutleer an... Ich versteh den Hype nicht, ist doch nur wieder eine dieser austauschbaren Indie- Bands. Emily Underhill, Foxes, Jess Mills, Hundreds, Mimi Page, Daughter etc. zB könnten ruhig ein bisschen mehr gehypt werden. Wär schön, mal sowas im Radio zu hören.
2. gähn
01099 09.07.2013
Ich hab's langsam echt satt, jeden Monat eine angebliche "Hoffnung" für die Popmusik, in Form eines mehr oder weniger begabten Mädchens an der Klampfe, vorgesetzt zu bekommen. Jetzt sogar zu dritt. Es ist doch absehbar, dass die alle in mindestens einem halben Jahr wieder von der Bildfläche verschwunden sein werden. Wenn jeder Schluckauf als DAS neue Musikwunder verkauft wird, werden wir irgendwann so abgestumpft sein, die wahren Stars nicht mehr zu erkennen. Ich denke sowieso, dass die Zeit der großen Stars vorbei ist. Das Karussel hat sich einfach überdreht und der Output ist viel zu hoch. Ich versuche manchmal heute noch einen Song/Track zu finden, der das Zeug zum "evergreen" hat und scheitere immer wieder. Wirkliche Hymnen entstehen eigentlich nicht mehr. Die Qualität der Musik ist heute einfach an vielen Stellen unterirdisch. Zumindest im Mainstream.
3. Originalität?
Stefan Wenzel 09.07.2013
Je länger man die Schwestern beobachtet, je öfter man die immer selben, aufgesetzten, abgespulten Total-Originell-Grimassen und -Verrenkungen sieht, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass im Stammbaum der Haims dann doch das ein oder andere Geschwisterpaar zu viel geheiratet hat.
4. Ebenfalls naja...
elpepino 09.07.2013
Bei jedem Artikel, den ich über diese Hype-Girls lese werden die sog "Bassfaces" erwähnt. Also, so außergewöhnlich sind die ja nun wirklich nicht. Das machen andere Basser von Flea über Dave Pomeroy bis zu Robert Trujillo. Und B.B. King macht das schon seit über 70 Jahren und spielt dabei noch 2 Saiten mehr. Naja, in einem Jahr redet wahrscheinlich sowieso keiner mehr über diese Band. Oder wer war noch mal Lana del Rey?
5. Entweder ist mein Soundsystem plötzlich enorm schlecht
bernardmarx 09.07.2013
oder die drei Mädels sind einfach nur Durchschnitt.
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Heft 5/2013 Drei Schwestern, fünf Instrumente, ein Ziel: Haim wollen Pop-Stars werden