Pop-Hoffnung Sophie Hunger "Ich habe permanent schlechte Laune"

Großes aus der kleinen Schweiz: Sophie Hunger brilliert mit smartem Indie-Pop, der poetisch daherkommt - aber nie platt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Sängerin über die Macht von Musikern und Medien, gibt einen Mini-Kurs in Schweizerdeutsch - und erklärt, warum Urlaub doof ist.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt: "Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich mit Gesang die Menschen wütend, traurig oder fröhlich machen kann." Welches dieser drei Gefühle lösen Sie eigentlich am liebsten aus?

Sophie Hunger: Ha! So funktioniert das nicht. Singen ist kein Domino-Spiel, in dem ein Stein fällt, dann der nächste und der nächste - das hat nichts Systematisches. Es kommt darauf an, wie man die Sachen singt oder sagt. Zum Beispiel die Betonung in diesem Satz: Es kommt darauf an, wie man die Sachen singt oder sagt. Ich könnte auch sagen: Es kommt darauf an, wie man die Sachen singt oder sagt. So gesprochen bedeutet der Satz etwas anderes. Und man kann ihn noch mal anders betonen, so dass er gefährlich klingt, oder lobend.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Wer Gefühle auslösen kann, hat Macht über Menschen. Sind Sie sich dessen bewusst?

Hunger: Ja, in manchen Momenten.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie mal.

Hunger: Zur ersten Zugabe kehre ich zurück auf die Bühne, alleine. Das Publikum klatscht, ein klassischer Live-Moment. Da spüre ich viel Aufmerksamkeit - und viel Gunst. Die Leute erwarten, dass ich jetzt etwas mache, sie sind bereit, etwas anzunehmen. Jedes meiner Worte wirkt stärker, als wenn ich es während des Sets sänge.

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Sophie Hunger: Schweizerin mit Stimme
SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie dann? Angst? Respekt?

Hunger: Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Ein schönes Gefühl?

Hunger: Sehr. Und ein Gefühl mit viel Potential: Vielleicht gäbe es etwas, was ich in so einem Moment sagen müsste, etwas Grundsätzliches, das wichtig wäre für uns alle, als Menschen. Ich weiß aber nicht, was das sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: Klingt wie verhinderter Messianismus. Haben Sie es schon mal versucht?

Hunger: Indirekt. Ich komponiere nicht ein Lied mit der Absicht, dass es für uns alle wichtig ist. Aber manchmal merke ich, dass es vielleicht doch gelingt.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie ein Beispiel.

Hunger: "Train people". Ich habe das Lied geschrieben, als die Finanzkrise anfing, zum Begriff zu werden. Um zu formulieren, was da mit uns passiert. Ich hatte damals ein Gespräch mit einem jungen Mann. Er erklärte mir, wie er die Sache sieht: Wir alle säßen in einem Zug und führen unaufhaltsam in eine Richtung. Ich mochte das Bild sehr, und auch wenn es mir intellektuell nicht weiterhalf, wollte ich es unbedingt benutzen. In der Mitte des Stücks gibt es so etwas Grundsätzliches, von dem wir sprachen: "And everybody knows/ that we should be stopping/ that we should get off/ that this will collide/ but we're all tied up".

SPIEGEL ONLINE: Sitzen wir noch immer in diesem Zug, der bald crashen wird?

Hunger: Ja, aber vermutlich bin ich eine schlechte Seherin. Ich lese jeden Tag sehr viele Zeitungen, im Internet. Ich lese die Bild, SPIEGEL ONLINE, die "New York Times", den "Tagesanzeiger" aus Zürich, alle politischen Lager, alle Niveaus. Und weil ich das tue, habe ich halt permanent schlechte Laune.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekommen laut eigener Aussage lustigerweise besonders viel Fanpost von Eltern, offenbar mögen Kinder Ihre Musik. Welcher Brief gefiel Ihnen am besten?

Hunger: In einem Interview habe ich mal den Begriff Autismus falsch benutzt. Daraufhin schickte mir jemand einen Kaktus, eine Art Anti-Preis, er kam zusammen mit einem Informationsbüchlein über Autismus. Der Mann wollte mich ermahnen, schelten - und schulen. Mit Erfolg. Ich habe mich entschuldigt und der Kaktus ziert meinen Tisch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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lis, 30.09.2010
1. ..............
"SPIEGEL ONLINE: Sie fordern zwar nicht zum SVP-Boykott auf, aber Sie agieren dennoch politisch." Das hätte mich nun wirklich amüsiert, wenn Sophie Hunger, deren Mutter vor Jahren SVP-Generalsekretärin war, zum Boykott der SVP aufrufen würde....
atomkraftwerk, 30.09.2010
2. .
"Ein physikalisches Prinzip: Energie entsteht durch Reibung." Wenn sie das beweisen können ist das ihre Fahrkarte nach Stockholm.
kbx 30.09.2010
3. "Die politische Führung meines Landes"...
---Zitat--- Ja. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat die politische Führung meines Landes versucht, die Leute davon zu überzeugen, dass wir eigentlich schwach sind. ---Zitatende--- ---Zitat--- Nein! Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, Schweizer zu sein, ist keine Last. Die Frage ist: Was macht man daraus? ---Zitatende--- Artikel 6 der Schweizerischen Bundesverfassung: Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei. Die politische Führung ihres Landes sind letztendlich seine Bürger, und damit auch Frau Hunger. Sie könnte durchaus etwas "daraus machen", wenn sie denn wollte. Es verbietet ihr ja niemand, sich politisch zu engagieren. ---Zitat--- Ja. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat die politische Führung meines Landes versucht, die Leute davon zu überzeugen, dass wir eigentlich schwach sind. Und dass wir nur stark sein können, wenn wir tun, was wir stets getan haben: unter uns bleiben. Sich von der Welt abzuschotten, ist aber falsch. ---Zitatende--- Aha. Eigentlich geht die Geschichte so: die Regierung wollte den EWR-Beitritt, und als dieser misslang, hat man die Bilateralen Verträge mit der EU und Freihandelsabkommen mit anderen Staaten aufgegleist, die sich als sehr erfolgreich herausgestellt haben. Abschotten geht anders und ist schwer mit einem Ausländeranteil von 22% zu vereinbaren. Wenn man einfach ein Wörtchen über die Politik liegen lassen möchte und davon keine Ahnung hat, soll man es doch lassen. Das selbe gilt für die Physik.
ray4901 01.10.2010
4. Danke zunächst
Zitat von kbxArtikel 6 der Schweizerischen Bundesverfassung: Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei. Die politische Führung ihres Landes sind letztendlich seine Bürger, und damit auch Frau Hunger. Sie könnte durchaus etwas "daraus machen", wenn sie denn wollte. Es verbietet ihr ja niemand, sich politisch zu engagieren. Aha. Eigentlich geht die Geschichte so: die Regierung wollte den EWR-Beitritt, und als dieser misslang, hat man die Bilateralen Verträge mit der EU und Freihandelsabkommen mit anderen Staaten aufgegleist, die sich als sehr erfolgreich herausgestellt haben. Abschotten geht anders und ist schwer mit einem Ausländeranteil von 22% zu vereinbaren. Wenn man einfach ein Wörtchen über die Politik liegen lassen möchte und davon keine Ahnung hat, soll man es doch lassen. Das selbe gilt für die Physik.
Zunächst herzlichen Dank für die Belehrung von uns Deutschen über die Schweizerische Verfassung. Einige von uns kennen und schätzen sie schon; nur der Stil der Wissensvermittlung stösst uns manchmal ein bisschen sauer auf. Weil ich nicht annehme, dass Sie die künstlerische und lebensanschauliche Seite der Künstlerin bisher intensiv wahrgenommen hätten, geschweige denn stolz auf Ihre Landsfrau empfänden, sende ich Ihnen noch dieses Zitat aus ihrer empfehlenswerten website auf my space: Journalist : « Who are you as a person ? » S. Hunger : « You mean, as opposed to me as an elephant ? » und aus dem Jahr 2007, in Beantwortung Ihrer Frage nach Politik- und Physikverständnis der frühreifen Sängerin: http://dasmagazin.ch/index.php/sophie-hunger-sangerin/ Seien Sie doch ein kleines Bisschen stolz auf die SH. RF und Michelle H. allein reichen nicht. Stolz auf erfolgreiche Landsleute gehört ja auch zu den Pflichten der echten Schweizer. ;-)
altais 01.10.2010
5. .
Zitat von kbxArtikel 6 der Schweizerischen Bundesverfassung: Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei. Die politische Führung ihres Landes sind letztendlich seine Bürger, und damit auch Frau Hunger. Sie könnte durchaus etwas "daraus machen", wenn sie denn wollte. Es verbietet ihr ja niemand, sich politisch zu engagieren. Aha. Eigentlich geht die Geschichte so: die Regierung wollte den EWR-Beitritt, und als dieser misslang, hat man die Bilateralen Verträge mit der EU und Freihandelsabkommen mit anderen Staaten aufgegleist, die sich als sehr erfolgreich herausgestellt haben. Abschotten geht anders und ist schwer mit einem Ausländeranteil von 22% zu vereinbaren. Wenn man einfach ein Wörtchen über die Politik liegen lassen möchte und davon keine Ahnung hat, soll man es doch lassen. Das selbe gilt für die Physik.
Sind Sie Buchhalter? Warum sonst würden Sie die Kriterien von Soll und Haben auf einen mehrschichtigen Text wie diesen anwenden und dabei gar nichts entdecken, als eine banale, im bösesten Sinn altersweise oder verbiesterte Herablassung wie: "...soll man es doch lassen."
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