Pop-Ikone Marianne Faithfull "Ich sah umwerfend gut aus"

2. Teil: "Es geht bei Baader-Meinhof nicht um Schießereien"


SPIEGEL ONLINE: Jetzt machen Sie sich naiver, als Sie waren, oder?

Faithfull: Keineswegs, ich war als Mädchen im Kloster, einem Ort, an dem man sich vom Wahnsinn des Popsänger-Daseins kein Bild macht. Ich träumte davon, Schriftstellerin, Schauspielerin oder Lehrerin zu werden. Alles sehr unschuldig. Träume eben. Ruhm hielt ich für vulgär.

SPIEGEL ONLINE: Heute hat jeder ein Fotohandy. Verstecken geht kaum noch. Vulgäre Zeiten, oder?

Faithfull: Deswegen gehe ich auch nur noch sehr selten vor die Tür. Ich lebe abgeschieden in Irland und Paris. Auf einer Party werden Sie mich kaum treffen. Ich habe außerdem gelernt, den Ruhm auszublenden.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man das?

Faithfull: Das Interesse und Gegaffe Fremder muss man ignorieren. Ich war neulich auf einer Preisverleihung, wo ich etwas überreichen musste. Hinter der Bühne waren Massen von Fotografen. Ich saß da in einem neuen Chanel-Kleid und sah wirklich umwerfend gut aus, aber fühlte mich trotzdem nicht wohl. Dann habe ich das Buch "Hollywood" von Gore Vidal rausgeholt, darin gelesen und es geschafft, den Irrsinn, all das Geklicke der Kameras um mich herum, einfach auszublenden. Glauben Sie mir, das geht! Wenn man so lange im Interesse der Öffentlichkeit stand wie ich, muss man das lernen, sonst überlebt man den Zirkus nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist der kommerzielle Erfolg ihrer neuen Platte wichtig für Sie?

Faithfull: Theoretisch ja, aber mir ist natürlich bewusst, dass kaum noch jemand Geld für Platten ausgibt, also muss ich wohl viele Konzerte geben, um über die Runden zu kommen. Aber dieses Album ist das wichtigste meiner Karriere seit "Broken English".

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Ulrike Meinhof Sie zu "Broken English" inspiriert hat?

Faithfull: Absolut. Die ist in Deutschland gerade wieder im Gespräch, oder? Ich habe den "Baader Meinhof Komplex" nicht gesehen, aber gehört, dass er sehr simpel sein soll. Meinhof war eine sehr komplexe Persönlichkeit. Es geht ja bei der Geschichte von Baader-Meinhof nicht um Schießereien und den Terror, sondern viel mehr um die Charaktere dahinter. Es sind üble Zeiten, die Menschen so weit bringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen mal gesagt haben, dass Sie unter anderen Umständen vielleicht auch zur Terroristin geworden wären. Stimmt das?

Faithfull: So habe ich das sicher nicht formuliert. Was ich meinte war, dass mir die Wut, die viele vorantrieb, durchaus vertraut war. Ulrike Meinhof hatte diesen tief sitzenden Schmerz von klein auf, soweit ich da richtig informiert bin, weil sie eine unerfreuliche Kindheit hatte. Das konnte ich nachvollziehen. Ich bin auch mit viel Wut aufgewachsen. Als meine Mutter mich zur Klosterschule schickte, war ich geschockt. Man ist verwirrt, verletzt und wird wütend. In meinem Fall habe ich dann eben Drogen entdeckt. Man beginnt, entweder sich selbst zu hassen, so wie ich, oder die Gesellschaft, so wie Ulrike Meinhof. Dafür wurde sie dann im Gefängnis erschossen. Von hinten in den Kopf, oder?

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine Legende.

Faithfull: Ach, das ist nicht bewiesen?

SPIEGEL ONLINE: Eher Unsinn. Sie hat sich mit einem Handtuch an ihrem Zellenfenster erhängt.

Faithfull: Gut. Natürlich ist mir bewusst, das die RAF sehr kaltblütig vorging und ihre Verbrechen skrupellos durchführte. Wie junge Menschen das heute glamourös finden können, ist mir ein Rätsel. Ich verstehe auch nicht, warum jemand Charles Manson cool finden konnte. Aber der Action-RAF-Film scheint trotzdem in unsere Zeit zu passen, einer Ära ohne jegliche Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Das ist nun aber eine sehr vereinfachte Perspektive.

Faithfull: Aber leider wahr. Alles ist doch nur noch populistisch, simplifiziert und überheblich. Machen Sie doch mal den Fernseher an, wenn Sie mir nicht glauben. Ich habe von dem Eklat mit Marcel Reich-Ranicki gehört und kann den Mann nur beglückwünschen für seinen Mut. Das Fernsehen ist genauso übel, wie er sagt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt sehr gut gemachte Fernsehangebote, brillant geschriebene Serien und Dokumentationen. Das können Sie doch nicht abstreiten!

Faithfull: Nein, aber das Problem ist doch, dass man eine Grundbildung haben muss, um solche versteckten Angebote zu entdecken. Die meisten Menschen lassen sich da verdummen. Ich mache mir Sorgen um eine Jugend, der vorgegaukelt wird, dass Ruhm alles ist, und die keine Eltern haben, die sie aufklären. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu streng. Man muss das alles mit Humor nehmen. Das hilft, da kenne ich mich aus.


Marianne Faithfull - "Easy Come Easy Go", erschienen bei Naive/Indigo

Das Interview führte Christoph Dallach



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