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Pop-Jazz-Debatte: "Highway to Hell" als Klavier-Geklimper

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Darf man das? AC/DC-Hits zu verträumten Klavier-Balladen uminterpretieren? Das neue Album des Pianisten Jens Thomas erbost Jazz-Puristen und findet sich mitten in einer Debatte wieder, in der über den Zustand des Jazz in Deutschland diskutiert wird.

Pop-Jazz-Debatte: "Highway to Hell" als Klavier-Geklimper Fotos
ACT / Steven Haberland

Wie steht es zur Jahreswende 2011/2012 um den Jazz in unserem Land? Die Unterzeichner einer "Initiative für einen starken Jazz in Deutschland" - unter ihnen Julia Hülsmann, Nils Landgren, Angelika Niescier und Nils Wogram - finden ihn "lebendig, vielfarbig und spannend". Anders sieht der Musikpublizist Karl Lippegaus die Lage. In der "Süddeutschen Zeitung" beklagt er sinkende Plattenverkäufe, Desinteresse der Labels und - das regt ihn besonders auf - die Anbiederung des Jazz an den Pop-Mainstream.

Als Beispiel für diesen Trend nennt der Kritiker die neue CD des Pianisten Jens Thomas, "Speed of Grace", die zwar erst Ende Januar auf den Markt kommt, aber Rezensenten schon vor Wochen zuging und zudem bereits auf Showcases öffentlich vorgestellt wurde. "Tiefer geht's nimmer", schreibt Lippegaus über das Album von Thomas mit dem Trompeter Verneri Pohjola. "Speed of Grace" sei "eine total private, verunglückte Hommage an AC/DC, ... wohl ein Versuch, sich etwas vom riesigen Kuchen der mehr als 200 Millionen verkauften Alben abzuschneiden".

Sicher kann man Thomas' Pianospiel und seine Vokalkünste mögen oder nicht. Falsch aber ist, ihm kommerzielle Trittbrettfahrerei zu unterstellen. Denn der 1970 geborene Jazzer, Theater-Performer und von Schamanen beeindruckte Stimmkünstler schielt nicht auf den Markt, sondern tut, was ihn bewegt. Stücke von AC/DC hatte Thomas seit Kindheitsjahren in den Ohren. Sein älterer Bruder ließ damals Platten der australischen Popband voll aufgedreht laufen, während der Vater wütend über die Lärmbelästigung schimpfte. Dass Thomas nun "Highway to Hell" als verträumte Ballade darbietet, ist originell. Lippegaus aber kanzelt die Umsetzung als "verkitschten Dachkammerjazz" ab, der "das australische Schwermetall zur Unkenntlichkeit vermurkst".

Der Branchenriese Saturn hat seine Jazzabteilungen dramatisch reduziert

In seiner Abrechnung mit dem Jazz in Deutschland erwähnt Lippegaus, dass auch Count Basie, Duke Ellington und Ella Fitzgerald "an Tiefpunkten ihrer Karriere" populäre Songs in ihr Repertoire aufgenommen hätten. Nur an Tiefpunkten? Musiker von Charlie Parker bis Pat Metheny haben immer wieder über bekannte Stücke improvisiert. Denn Standards aus dem Great American Song Book, Beatle-Songs und Pop-Hits von heute reizen Jazzmusiker, eigene Versionen zu finden. Und dem Jazzpublikum macht es Spaß, die Stücke in ihrem neuen Gewand wiederzuerkennen.

Dieses Publikum ist nach Lippegaus' Beobachtung "in Deutschland älter als sonstwo auf der Welt". Das ist schwer nachprüfbar. Aber Recht hat der Autor, wenn er berichtet, dass der Branchenriese Saturn seine Jazzabteilungen dramatisch reduziert hat. Dieser Rückgang illustriert die "Randexistenz" des Musikgenres, ein Thema der eingangs erwähnten "Initiative für einen starken Jazz in Deutschland". "Weder gesellschaftlich noch kulturpolitisch" werde der Jazz "ausreichend anerkannt", monieren die Musiker. Sie schreiben, dass Deutschland über 84 öffentlich geförderte Opern- und Konzerthäuser in 81 Städten verfüge und folgern: "Es sollte ebenso viele öffentlich geförderte Spielstätten des Jazz und der improvisierten Musik geben."

Für Tourneen ins Ausland fordert der "JazzMusikerAufruf" Zuschüsse, wie sie in den Niederlanden, in Frankreich und Skandinavien üblich sind.

Deutschlands Jazz will raus aus der "Randexistenz". Happy New Year!


Jens Thomas/Verneri Pohjola: Speed of Grace - A Tribute to AC/DC. ACT; 17,50 Euro. Erscheint am 27. Januar.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Die ewige Debatte ...
sandmantalking@gmx.de 07.01.2012
Es ist schon war. Nichts wirkt so rasch wie Gift ... Und das Gift kommt immer aus einer Richtung. Dieses Gift ist der ständig vergriffene Ton, wenn es um die Beurteilung und/oder Bewertung des Jazz ist Deutschland geht. Eine Bewertung oder Beurteilung an sich wäre ja nicht weiter schlimm. Aber es geht leider immer in die gleiche Richtung. Mann (in der Regel sind es Männer) hackt ständig auf den Erzeugnisse der Protagonisten rum. Will ein Jazzer in diesem Landes Geld verdienen, wird ihm Vaterlandsverrat vorgeworfen. Nicht jeder neue Jazzliebhaber konnte mit 15 Jahren schon die Welt des Free Jazz verstehen, wie die großen Kritiker unserer Zeit. Da ist in jungen Jahren eine Album wie dieses - welches ich auch schon gehört habe, da ich die Präsentation in Köln im Februar machen werde - hilfreicher im Entwicklungsprozess als zum Beispiel Coltranes modale Werke. Nur nie für die Kritiker. Sie erwarten das die nächste Entwicklungsstufe des Jazz in deutschen Landes entsteht und sie diese dann großzügig besprechen. Ein Aufruf wie der der neuen Initiative wäre nicht notwendig, würde sich die Presse mit dem Thema als solches beschäftigen. Soweit ich rekapitulieren kann hat Charlie Parker den Bop weitgehend mit Evergreens "erfunden". Gönnen wir der Entwicklung mal eine Pause und beschäftigen uns mit der lebendigen Landschaft des Jazz. Dann wird auch der Purist wieder etwas neues entdecken ... Vielleicht sogar, das der Hörer nicht so spiessig ist, wie er selber ...
2. dat dat dat daaf ...
Gerdd 07.01.2012
Jaja, was man alles darf, kann man auch feststellen, wenn man sich mal "Twist And Shout" von den Mamas und Papas anhört - ca. 196x-1970. Da wird der Rock&Roll zu harmoniereichem Chorgesang. Provokation? Vielleicht - aber das war der Rock&Roll selbst ja zunächst auch. Es gäbe noch mehr Beispiele - zum Beispiel, wenn Linda Ronstadt Songs von Elvis Costelloe covert. Oder Diana Krall - obwohl, die ist ja noch einen Schritt weitergegangen und hat ihn geheiratet. Auch jede Form von Pop-Classik-Crossover müßte kritisiert werden, wenn "Highway To Hell" auf dem Piano nicht erlaubt wäre. Und, bitte, nicht vergessen - wir hätten das Stück ja beinahe für Posaunen-Chor arrangiert hören dürfen. Aber dann hat Herr zu Guttenberg ja beschlossen, daß die Nummer zuviel Platz für Kommentare geben würde und hat sich dann "Smoke On The Water" gewünscht. Aber auch das berühmteste Hard-Rock-Gitarrenriff klang als Posaunen-Choral ein wenig bizarr - aber durchaus machbar ...
3. Mal wieder typisch
lacronna 07.01.2012
Zitat von sysopDarf man das? AC/DC-Hits zu verträumten Klavier-Balladen uminterpretieren? Das neue Album des Pianisten Jens Thomas erbost Jazz-Puristen und findet sich mitten in einer Debatte wieder, in der über den Zustand des Jazz in Deutschland diskutiert wird. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,807378,00.html
Und wieder mal wird der Jazz durch solche Puristen-Dogmen in die elitäre Ecke gestellt, was wohl nirgendwo so häufig und deutlich geschieht wie hier in Deutschland. Aber ich glaube, es wird bei uns auch nicht anders gehen, denn zu stark sind hierzulande die Unterschiede zwischen E- und U-Fraktion: Erstere zeichnet sich meist durch versonnenes Zuhören mit verschränkten Armen oder aufgestützem Kopf aus (niemals wippen oder überhaupt bewegen!), während der Rest penetrant und unbeirrbar bei allem, was ihm an die Ohren kommt, sofort in Klatschen auf jedem Viertel-Schlag verfällt, gleich dem berühmten Duracell-Häschen. Grenzüberschreitungen, egal ob erfrischend, originell oder auch mal daneben, werden mit äußerstem Misstrauen bedacht. Dabei ist Jazz seit jeher das alles-überwindende Medium, schon immer wurde auf Gassenhauern und Schlagern improvisiert, und auch die Grenze zur Fahrstuhlmusik war seit jeher fließend. Es geht doch gerade um das Spielen mit Arrangements auf bekannten Melodien. Eine Sammlung mit einigen gelungenen Beispielen zum Thema "Jazz und Rock-Klassiker" befindet sich übrigens im Album "Hell's Kitchen" der Jazzkantine, mit illustren Gästen wie z.B. Tom Gaebel, Xavier Naidoo, Max Mutzke und anderen. Ich liebe den Jazz, muss mir aber nicht jeden Tag Charlie Haden antun.
4. spielen tut die mucke woanders...
ähmja... 07.01.2012
Ich finde es eher nervig, dass bei solchen sachen das Rock/Metal Reptertoire fast immer auf wenige Uraltbands wie AC/DC oder Motörhead reduziert wird, und selbst deren Katalog wiederum auf Highway To Hell bzw Ace Of Spades. Wer sich ernsthaft für Schnittstellen zwischen Jazz und Metal interessiert hört sich ohnehin gänzlich andere Bands an, die Norweger Shining zum Beispiel. Auch wenn deren "Blackjazz" Album zugegebenermaßen nur was für Leute ist die sich auch John Zorn anhören können. Alle anderen gehen dann besser zurück zu Muzak ;)
5. Stop Beggin'
gra.pelli 07.01.2012
Über die Frage, inwiefern kulturpolitische Förderung gesellschaftliche Akzeptanz erzeugt, steht der Nachweis meines Erachtens aus. 84 Häuser, die hätte ich auch gern für den Hip Hop, ich könnte mir 84 Autorenkinos vorstellen, 84 große Lesebühnen für Lyrik und zeitgenössische Prosa, 84 Staatsgalerien, in denen es nichts als Streetart zu sehen gibt und da hab ich über Sport noch gar nicht nachgedacht. Was mich an dieser Debatte seit Jahren ärgert, ist die Selbstgefälligkeit mit der sie geführt wird. Dreht erstmal den Geldhahn auf, dann wird schon alles gut. Ich hab das Gefühl, dass es so nicht mehr läuft. Interessant: die Diskussion dreht sich nicht um Qualitätsfragen, hier scheint alles in Ordnung zu sein. Es geht ums Geschäft. Es geht um CD Verkäufe für 17.50 Euro (siehe oben!!). Das machen viele Leute seit einigen Jahren nicht mehr mit, egal ob Jazz oder Nichtjazz. Warum? Weil sie's können. Stichwort Filesharing. Ich empfinde es als absurd zu glauben, die gesellschaftliche Position des Jazz würde sich verbessern, indem wir eine öffentlich finanzierte Jazztheke im Saturn (??!!??) einrichten. Gerade dem Jazz in Deutschland müsste angesichts der digitalen Möglichkeiten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Beispiele dafür, dass so etwas ohne die Funktionslogik der 80er Jahre (vor allem ohne größere Verlage und interessant: ohne Gema) funktioniert, gibt es mittlerweile genug. Raus mit dem Jazz aus den Nischen und rein in die Welt, dort kommt er doch auch her! Ab ins Netz und seine Communities. Macht doch Wirbel für den Jazz und - pardon - geht nicht ständig betteln! Übrigens: Gerade im Falle Jens Thomas kann ich mich auch noch gut an die Loblieder der Jazzpresse erinnern, als er (Ende der 90er??) kam. Das böse Kind hieß zur damaligen Zeit Till Brönner. Jarrett und Marsalis hat man damals wie heute ihre ewig neu aufgelegten Standards vorgeworfen. Na und? Dann ist es halt Pop. Und jetzt?
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