Pop-Legende Radio-DJ John Peel gestorben

Mit seinen "Peel Sessions" machte er David Bowie und The Smiths berühmt: Der legendäre britische Radio-DJ John Peel ist im Alter von 65 Jahren im peruanischen Lima an einem Herzinfarkt gestorben.


Radio-Legende Peel: "Schlicht unersetzlich"
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Radio-Legende Peel: "Schlicht unersetzlich"

Lima/London - Laut Informationen seines Arbeitgebers, der British Broadcasting Corporation (BBC), verbrachte John Peel einen Arbeitsurlaub in der antiken Inka-Stadt Cuzco zusammen mit seiner Ehefrau Sheila. Die genauen Umstände seines Ablebens liegen jedoch noch weitgehend im Dunkeln: "Er ist verstorben. Wir haben keinerlei Details. Wir bekamen um vier Uhr morgens einen Anruf von seinem Bruder, der uns informierte", sagte ein Sprecher der britischen Botschaft in Lima, Jonathan Clare, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Jenny Abramsky, BBC-Direktorin für Radio und Musik zeigte sich erschüttert: "John ist schlicht unersetzlich", sagte sie gegenüber Reuters. "Er hatte ein bemerkenswertes Verhältnis zu seinem Publikum. Alle bei BBC Radio sind am Boden zerstört."

"John Peel war eine Radio-Legende. Ich bin zutiefst betrübt von seinem Tod", sagte Andy Parfitt, Controller bei der Vorzeige-Popstation der BBC, Radio One. "Johns Einfluss schwebt seit fast vier Jahrzehnten über der Entwicklung der Popmusik. Sein Beitrag zur modernen Musik und Musikkultur ist unermesslich. Er wird sehr vermisst werden", so Parfitt in einer offiziellen Erklärung.

Vom Radio-Piraten zur BBC-Legende

John Peel, geboren als John Ravenscroft im August 1939, war Richtschütze in der britischen Armee und Arbeiter in einer Baumwoll-Weberei, bevor er sein Faible für Radio-Moderationen entdeckte. Erste Erfahrungen sammelte der Musikfan Anfang der Sechziger, als er von England nach Texas umzog und dort bei einer kleinen Radiostation in Dallas anfing. Sein derber nordbritischer Akzent und seine rasselnde Stimme machten ihn schnell zu einer lokalen Berühmtheit, denn in Amerika hatte gerade die "British Invasion" mit Bands wie den Beatles und den Kinks begonnen. Alles, was aus dem Vereinigten Königreich kam, galt als cool. Peel wechselte bald zu größeren Stationen wie KOMA in Oklahoma und KMEN in San Bernadino.

1965 kehrte er in seine Heimat zurück. Allerdings nicht ganz, denn Peel ließ sich auf einem Schiff vor der britischen Küste nieder, von wo aus er den immens erfolgreichen Piratensender Radio London ("Big L") betrieb. "Peel" war sein Deckname, den er fortan nie wieder ablegen sollte.

Noch im selben Jahr wurde er von der BBC angeheuert, wo er für die nächsten Jahrzehnte seine musikalische Heimat finden sollte. Die staatliche Sendeanstalt setzte den Piraten 1967 als DJ bei ihrem brandneuen Popsender Radio One ein und gab ihm vorsichtshalber nur einen Vertrag für sechs Monate. Am Ende sollten es fast 40 Jahre werden.

Punkrock statt Led Zeppelin

Peels Erfolg gründete sich auf der schlichten Tatsache, dass der findige DJ den Mainstream links liegen ließ und stets den interessantesten Underground- oder Newcomer-Bands den Vorzug gab. Als andere Sender Motown-Hits spielten, legte Peel den Experimental-Rock von Quicksilver Messenger Service auf. Als seine Konkurrenten Ende der Siebziger immer noch Rock-Dinosaurier wie Led Zeppelin auflegten, begeisterte sich Peel schon längst für die frühen Punkbands.

Immer wieder machte sich der mächtige Discjockey in seiner Abendshow "Top Gear" für Neulinge abseits der Charts stark - und verhalf ihnen damit zu Ruhm und Ehre. Unter anderen verhalf Peel britischen Musikgrößen wie Marc Bolan, David Bowie, The Fall und The Smiths zum kommerziellen Durchbruch. In den Neunzigern widmete sich der notorisch neugierige Peel nicht so sehr den aufkommenden Britpoppern wie Blur und Oasis, sondern setzte sich für HipHop und elektronische Musik wie Drum'n'Bass oder Techno ein.

Zum besten Instrument seiner Talentsuche wurden schnell die inzwischen legendären "Peel Sessions" auf Radio One: Live-Konzerte neuer und junger Bands im Studio, die in voller Länge ausgestrahlt wurden und später zuweilen auch auf CD veröffentlicht wurden. Für seine Verdienste um die Pop-Szene Englands wurde er schließlich mit dem Order of the British Empire (OBE) dekoriert.

Auch wenn seine Lieblingsplatten heute wahrscheinlich schon ein bisschen angestaubt wirken, blieb Peel nicht nur bis zu seinem Tod aktiv, er wurde auch in den letzten Jahren noch regelmäßig von britischen Musikmedien zum besten Radiomoderator gewählt. 1994 erhielt er den Titel "Godlike Genius" (etwa: Gottgleiches Genie) vom einflussreichen Pop-Magazin "NME" verliehen. Zuletzt entdeckte Peel neue Zuhörer mit der Familiengeschichten-Sendung "Home Truths" auf Radio Four.

Sein Credo formulierte John Peel 1999 im SPIEGEL so: "Wenn ich an meine Hörer denke, sehe ich einen Jungen irgendwo auf dem Land, der glaubt, er sei der einzige, der bestimmte Dinge mag. Für den spiele ich meine Sachen. Ich muss dabei nicht viel reden: Vor einem Stück sage ich, von wem es ist, und wie es heißt. Das ist alles, mehr muss mein Hörer nicht wissen, damit er spürt, dass er nicht allein ist."

Nachdem die Nachricht von Peels Tod heute nachmittag auf Radio One verlesen wurde, spielte der Sender den Lieblings-Song ihres legendären Kollegen: "Teenage Kicks" von der irischen Punkband The Undertones.



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