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Pop-News: Grummelnde Rentnerin

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Etwas geht zu Ende: Moe Tucker zeigt, dass alternative Rockmusik nicht für alternatives Denken steht; Technics stoppt die Produktion seines legendären Plattenspielers, und ein Fan sammelt für das Ende von Weezer.

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Getty Images

Rock-Party

Das jemand, der sogenannte alternative Rockmusik spielt, eine konservative Weltsicht hat, ist für viele Menschen offenbar eine Überraschung. Denn unkonventionelle Kunst wird gern mit linker Lebenshaltung gleichgesetzt, obwohl ja gar nicht mehr so klar ist, was noch unter links fällt. Umso größer ist nun die Irritation, dass sich die Musikerin Moe Tucker als Unterstützerin der erzkonservativen US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung präsentiert. Die 66-jährige Maureen (Moe) Tucker wurde berühmt in den sechziger Jahren als Schlagzeugerin von The Velvet Underground, wo sie mit Lou Reed und John Cale den Avantgarde-Rock erfand. In den vergangenen Jahrzehnten fiel Tucker nur sporadisch mit kauzigen Soloplatten und einer kurzlebigen Velvet-Underground-Reunion auf.

Dass sich nun diese Königin der unangepassten Klänge zu den stramm rechten Tea-Party-Patrioten bekennt, sorgt für gehörige Irritationen in der Blog-Welt. Auslöser der teils erhitzt geführten Debatte ist ein TV-Interview eines Provinzsenders, das bereits im April dieses Jahres in Tifton, Georgia aufgenommen wurde. Da murrte Moe Tucker am Rande einer Tea-Party-Veranstaltung in die Kamera, wie empört sie sei, dass Amerika "in den Sozialismus" geführt werde.

Viele verdutzte Fans hielten das Statement zunächst für einen bizarren Scherz oder wenigstens ein Missverständnis. Andere hofften, dass es sich bei der grummelnden Rentnerin um eine andere Maureen Tucker handeln könne, die der berühmten nur erstaunlich ähnelt.

Aber nun entdeckten Journalisten des britischen "Guardian" eine Tea-Party Web-Seite, auf der Tucker verkündet: "I have come to believe (not just wonder) that Obamas plan is to destroy America from within." Seitdem sind alle Zweifel ausgeräumt, und nun laufen die Blogs heiß. Unmengen von Kommentatoren von YouTube bis zur "Huffington Post" jammern darüber, wie sehr ihr Weltbild erschüttert sei.

Dass der Vorzeige-Hippie Jerry Garcia von The Grateful Dead auch ein strenger Republikaner war, sei nur am Rande erwähnt.

Warten auf Kevin

Zu den Figuren des Britpop, um die sich die meisten Mythen ranken, gehört wohl Kevin Shields. Dessen Band My Bloody Valentine transferierte den virtuosen Noise Rock von The Velvet Underground in die Moderne und spielte mit "Isn't Anything" und "Loveless" zwei überragende Alben ein, die heute als Klassiker gelten. Das ist aber nun auch schon fast zwanzig Jahre her, und weil Shields seitdem vor allem mit Gerüchten von sich reden machte, wird er nun als verlorenes Supertalent wie Syd Barrett oder Brian Wilson gehandelt. Fest steht, dass Shields, den das Magazin "Rolling Stone" unter den "100 besten Gitarristen aller Zeiten" führt, Alan McGee, dem Chef seiner damaligen Plattenfirma Creation, so auf die Nerven ging, dass er ihn vor die Tür setzte. Ein flugs bei der Konkurrenz unterzeichneter Vertrag brachte keine neuen Platten. Seitdem munkelt man von gewaltigen Mengen unveröffentlichter Musik, von Drogenabstürzen und Schreibblockaden.

Zuletzt lockte ihn die Regisseurin Sofia Coppola aus der Reserve, der er neue Musik für ihren Soundtrack zu "Lost In Translation" lieferte. Aber abgesehen von einigen unauffälligen Gastauftritten und einer schnellen My Bloody Valentine Reunion Tour 2008, passierte nicht viel. Eine kürzlich angesetzte CD-Neuauflage seiner beiden berühmten Platten blockierte Shields kurz vor Auslieferung. Wahrscheinlich, um die Haushaltskasse aufzubessern und als Fingerübung, produziert der scheue Brite aber seit Jahren regelmäßig tolle Remixe für Kollegen. Oft gelangen ihm faszinierende Neuinterpretationen von Songs der Gruppen Primal Scream, Yo La Tengo oder Mogwai. Daraus haben frustrierte Shields-Fans nun eine Art Ersatz-My-Bloody-Valentine-Album zusammengestellt, das durch die Blogs geistert und daran erinnert, was für ein Talent da versandet ist.

Der Preis ist heiß

Die US-College-Rock-Band Weezer hat ihren Zenit zweifelsohne überschritten. Auch das neue Album "Hurley" ist kein großer Wurf. Ein Amerikaner namens James Burns ist mittlerweile so genervt von Rivers Cuomo und seiner Gang, dass er ihnen zehn Millionen Dollar bieten will, damit sie endlich aufhören. Einsammeln will er die Summe im Netz. Seine Idee: Wenn die 852.000 Käufer des letzten Weezer-Albums jeweils 12 Dollar spenden, kommt die Summe dicke zusammen. Aber so wie es aussieht, wird er noch einige Weezer-Platten ertragen müssen...

Absolut Bruni

Als wenn Nicolas Sarkozy noch nicht genug Sorgen hätte, kündigt nun auch noch seine Gattin Carla Bruni für das kommende Jahr ein neues Album an. Ihr letztes Werk "Comme Si De Rien N'était" landete in Frankreich immerhin auf Platz eins der Charts und wurde weltweit eine halbe Millionen Mal verkauft. Tourneen absolviert Bruni aus Sicherheitsgründen nicht mehr, und über das neue Album sollen des Präsidenten Berater auch nicht glücklich sein. Madame wird das kaum abhalten. Zur Einstimmung schnurrt sie auf einem neuen Tribut-Album für David Bowie eine hübsche Version von dessen "Absolute Beginners".

The End

Unbeeindruckt davon, dass überall von einem Vinyl-Comeback geschwatzt wird, verkündete das Unternehmen Technics nun das Ende seiner legendären Plattenspieler SL-1200 und SL-1210 - Geräte, die in DJ Kreisen als heilig gelten und in London längst im Museum stehen. Schallplatten-Freunde dürfen trauern - oder aber flott bei Ebay zuschlagen, wo die Geräte derzeit für rund 300 Euro angeboten werden. Noch.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Konservatiusmus als Droge...
Berliner Löwe, 08.10.2010
Es gibt ja den Spruch "Wenn man jung ist ist man (fast) automatisch links"... Links suggeriert, speziell für Jugendliche, Aufbruch, Veränderung, Modernität etc... Es hat was verlockendes...aber spätestens mit 20 ist man dann von der Realität eingeholt und landet dann vielleicht bei den Grünen und wer die Realität ausblendet bei der LINKEN. Wie oft sehen wir, dass früher stramme Linke Genossen im laufe ihres Lebens zu Konservativen, Erzkonservativen oder ins Nationalistische abdriften. Linkes und rechtes Gedankengut passen oft gar nicht schlecht zusammen... Das Mo Tucker manche Leute mit ihrer Aussage in eine Krise führt ist vielleicht gar nicht mal so schlecht...
2. Politik und Musik
GfranzM 08.10.2010
Ich verstehe die Aufregung darüber nicht. In der amerikanischen "alternativen" Musikszene ist eine konservative politische Einstellung bzw. Nähe zu den Republikanern keineswegs so aussergewöhnlich, wie im Artikel suggeriert wird. Prominente Beispiele gefällig? Johnny Ramone (Ramones), Jesse Hughes (Eagles of Death Metal), Ted Nungent, Moby usw. usf. Ich vermute, dass die Verteilung der politischen Einstellungen von Musikern (selbst im alternativen oder Indie-Lager) nicht signifikant von der in der Gesamtbevölkerung abweicht. Warum sollte dies überhaupt der Fall sein?
3. "that's the real American way, and that's baaad"
Montcerf 08.10.2010
Also, wenn ich die Texte von einigen von Moe Tuckers Songs anhöre (z.B. "That's B.A.D." oder "Spam Again") in Erinnerung rufe, dann hätte ich von ihr doch eine etwas reflektiertere Einstellung zu Barack Obamas Politik erwartet, jenseits von Sozialismusvorwürfen. Aber vielleicht habe ich sie damals falsch verstanden, oder sie hat ihre Ansichten seitdem grundlegend geändert. Soll ja vorkommen, und schließlich sind ihre Soloplatten auch alle schon ein paar Jährchen alt. Muss wohl nochmal reinhören...
4. "...verkündete das Unternehmen Technics nun..." ???
pannenbaker 08.10.2010
Dann haben die aber 'ne ganz schöne lange Leitung; meines Wissens werden der 1200 und der 1210 schon seit Februar nicht mehr hergestellt. Die "Verkündung" dazu gab's vor ziemlich genau einem Jahr - beim Googlen nicht genau hingeguckt? ;-)
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