Pop-Oper in Manchester Gib dem Affen Albarn

Musik von Blur-Sänger Damon Albarn, Animationen von Gorillaz-Künstler Jamie Hewlett: In Manchester feierte die Opern-Version des chinesischen Märchens "Monkey: Journey to the West" Premiere - ein wilder Trip zwischen Pop- und Hochkultur, westlicher und asiatischer Bühnenkunst.

Von Edgar Klüsener, Manchester


Von China aus gesehen liegt Indien im Westen. Und dorthin, nach Indien, das Land Buddhas, das Land der Weisheit, geht die Reise des Affenkönigs als Begleiter des jugendlich-reinen Mönches Tripitaka. Für den Affenkönig, einst aus einem Ei geschlüpft, das über Jahrtausende in einen Felsbrocken gehüllt war, ist diese Reise eine Bewährungsprobe. Denn in seiner Vergangenheit hat er Menschen und Götter herausgefordert und auf seiner Suche nach Unsterblichkeit eine wüste Spur von Chaos und Gewalt hinterlassen, bis ihn schließlich Buddha höchstpersönlich für 500 Jahre aus dem Verkehr zog.

Die Geschichte vom Affenkönig ist Jahrhunderte alt, sie ist eine jener althergebrachten chinesischen Legenden, die selbst Maos Kulturrevolution überlebt haben. Als eben diese Kulturrevolution tobte und das Land einmal mehr ins Chaos stürzte, war Chen Shi-Zheng im Hause einer Freundin seines Vaters untergebracht worden. Während draußen in den Straßen die Kugeln flogen, hatte er unter deren Bett ein schmales Bändchen entdeckt, in dem der Klassiker Xi You Ji (Reise nach Westen) niedergeschrieben war. Er las die Geschichte in einem Rutsch durch.

Seitdem ist Chen von China in die USA umgesiedelt und hat sich einen Namen als Regisseur, Autor, Schauspieler und Sänger im Westen wie in China gemacht, sein Film "Dark Matter" mit Meryl Streep wird gerade auf den Festivals gefeiert. Aber die Geschichte von der Reise in den Westen hat ihn nie wieder losgelassen. Vor drei Jahren traf er Jean Luc Choplin vom Pariser Théâtre du Châtelet, erzählte ihm die Geschichte und erhielt postwendend den Auftrag, sie in eine Bühnenproduktion umzuwandeln. Wenig später brachte ihn Alex Poots, Direktor des Manchester International Festivals, mit den britischen Popstars Damon Albarn und Jamie Hewlett zusammen. Und wieder begann der Affe eine Wanderung.

Britpop auf Mandarin

Im altehrwürdigen Palace Theatre im Herzen Manchesters drängte sich gestern Abend ein durchaus verwöhntes Premierenpublikum, in dem sich neben Kritikern von der "New York Times" auch Filmstars wie Jude Law oder örtliche Popgrößen wie Smiths-Gitarrist Johnny Marr fanden. Auf der Bühne tobte eine perfekt choreographierte Kung-Fu-Massenschlägerei, hoch darüber schwebten Götter und Feen.

Das spektakuläre Bühnenbild wird bestimmt von prallen Farbspielereien, comichaft überzeichneten Kulissen und grandiosen Lichteffekten. Die Bühne wird konsequent in allen Dimensionen genutzt. Schauspieler schweben an Seidenbändern oder Nylonseilen hoch über den Brettern, landen auf dem Boden, nur um dann seitwärts wieder hoch zu driften. Vorhang und Rückwand dienen als Projektionsflächen, in die hinein sich bei Bedarf auch das Geschehen verlagert. Die Übergänge zwischen zweidimensionaler Projektion und dreidimensionaler Aktion verschwimmen auf beinahe magische Weise.

Das Bühnenbild stammt von Jamie Hewlett, dem Londoner Zeichner, der mit seinem Comic "Tank Girl" zum Kult und mit dem Comic-Band-Projekt Gorillaz zum Star wurde. Die Dekoration wurde nach seinen Anweisungen in Bukarest, Berlin, Paris und Manchester gebaut, programmiert, genäht und gefilmt.

Es wird auch gesprochen auf der Bühne. Und gesungen. Aber nur in Mandarin. Weswegen am Bühnenrand weiß auf schwarz englische Untertitel mitlaufen. Hier passiert auch die einzige offensichtlich erkennbare Panne in dieser Premiere: Untertitel und Handlung laufen gelegentlich nicht synchron, der Zuschauer muss dann raten, was wozu passt.

Es ist chinesische Oper, die hier dargeboten wird. Nein, ein psychedelisches Popkonzert. Eine klassische europäische Oper. Oder doch eher Fantasy-Musiktheater und eine Zirkusveranstaltung. Es ist all das, und noch erheblich mehr. Ein etwa 30 Jahre alter Zuschauer nennt es später im Foyer die "erste zeitgemäße interkulturelle Oper des 21. Jahrhunderts", und bittet dann Johnny Marr um ein Autogramm.

Vor Beginn der Arbeiten an "Monkey: Journey to the West" hatte Chen Shi-Zengh Damon Albarn und Jamie Hewlett nach China entführt, in die rasant wachsenden Städte, in immer noch unberührte Gegenden auf dem Land, in die Berge und in die Klöster. Eine Pilgerfahrt nennen die Briten diese Reise heute. Dem Blur-Frontmann und Gorillaz-Sänger Damon Albarn hat sie eine Vorstellung gegeben von der Macht der Erzählung, von ihren verschiedenen Handlungs- und Gedankenebenen. Diese in Musik umzusetzen, gibt er zu, war eine riesige Herausforderung.

Kung-Fu und Comics

Das Opus ist wie die visuelle Umsetzung ein einziger, wilder und doch überraschend harmonischer Grenzgang. Albarn schöpft aus der chinesischen Klassik, aus europäischer Klassik, verwebt nur vordergründig schlichte westliche Popmelodien mit fernöstlicher meditativer Musik, überzeichnet schamlos, nur um dann übergangslos subtile Klanglandschaften zu erschaffen, in denen sich die auf der Bühne handelnden Figuren mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen können. Das Orchester unter der Leitung von André de Ridder ist der Herausforderung in jeder Phase gewachsen. So wird "Monkey: Journey to the West" zur grandiosen, atemberaubenden Mischung aus chinesischer Oper und westlicher Popmusik, aus faszinierender Zirkusartistik und Kung-Fu-Spektakel, aus Underground-Comic, Hollywood und buddhistischer Weisheit.

Ohne die Dalian Circus Company wäre das Stück allerdings nur ein leere Hülse. Zwei Jahre habe er gebraucht, um die perfekte Zirkusgruppe zu finden, sagt Chen Shi-Zengh. Die lange Suche hat sich gelohnt. Was die Akrobaten und Kung-Fu-Spezialisten in der Luft und am Boden an akrobatischem Geschick zeigen, wirft so manches Konzept von den Belastungs- und Dehnungsgrenzen des menschlichen Körpers über den Haufen. Die eigentliche Stärke der Gruppe ist jedoch das ebenfalls vorhandene schauspielerische und tänzerische Talent, das sie im Rahmen der Produktion beinahe universal einsetzbar macht.

Und dann wäre da noch der Affe: Der chinesische Schauspieler Fei Yang ist die perfekte Wahl. Er spielt den wilden, suchenden, in sich zerrissenen Affen überzeugend und gleichzeitig augenzwinkernd humorvoll. Er ist es, der dem Stück am Ende seine Seele gibt.

"Monkey", Damon Albarns erste Opern-Komposition, ist eine Produktion für das erste Manchester International Festival (MIF), das ausschließlich auf Erstwerke setzt und den Ehrgeiz hat, sich zu einem der wichtigsten Festivals der Welt zu entwickeln. Schon mit dieser Eröffnung sind sie diesem Ziel wohl ein erhebliches Stück näher gekommen: als sich der Vorhang für die Weltpremiere senkte, stand das "Palace Theatre" bereits Kopf. Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Sitzen; minutenlange Beifallsstürme brachten das Auditorium des alten Theaterhauses zum Beben.

Hinter der Produktion steht übrigens nicht nur das MIF, sondern auch das Pariser Théâtre du Châtelet und die Berliner Staatsoper Unter Den Linden, so dass "Monkey: Journey to the West" eine chinesisch-englisch-deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion ist, die nach Ende des Festivals auf eine Tournee geht, die sie auch nach Berlin bringen wird.



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