Von Christoph Dallach
Vor vier Jahren war sie noch Ersatz. Da saß Adele eines Abends in dem winzigen Hamburger Club namens Grüner Jäger etwas verloren mit ihrer Gitarre auf einem Barhocker vor vielleicht zwanzig gelangweilten Medienvertretern, die nicht gekommen waren, um sie zu hören. Erwartet wurde damals eigentlich ein Knabe namens Jack Peñate, dem gewichtige britische Trendauguren eine glänzende Zukunft prophezeiten, der aber kurzfristig verhindert war. Eine gute halbe Stunde lang verblüffte Adele dann mit ihrer mächtigen Stimme und geglückten Liedern, die, wie man staunend erfuhr, überwiegend selbstverfasst waren. Aber wie ein Star sah die etwas mollige junge Frau eher nicht aus, schon gar nicht wie einer, der es mal mit Showgrößen wie Madonna aufnehmen könnte.
Das scheint eine gefühlte Ewigkeit her. Jack Peñate bereitet vielleicht immer noch irgendwo seine Karriere vor, aber als Adele kürzlich wieder in Hamburg auftrat, waren die gut 1200 verfügbaren Tickets so ratzfatz vergriffen, dass einzelne Karten am Konzertabend vor der Tür für erstaunliche Summen die Besitzer wechselten. Auch alle anderen Deutschland-Konzerte von Adele waren ausverkauft, so wie überall sonst in der Welt. Wie ein Star sieht Adele noch immer nicht aus, aber das ist die 22-Jährige längst, und Madonna hat sie obendrein den Rang abgelaufen.
Deren mehr als zwei Dekaden währender Rekord für die längste Verweildauer auf der Pole-Position der britischen Album-Charts hat Adele mit ihrem aktuellen Album "21", das in England mittlerweile seit mehr als zehn Wochen an der Spitze thront, lässig geknackt. In siebzehn anderen europäischen Ländern, inklusive Deutschland, hat Adele ähnlich abgeräumt. Und selbst in den USA und Japan hat sie es bis ganz nach oben in den Charts geschafft.
Unverschämt normal
Es wäre öde, all die Bestmarken aufzuzählen, die Adele mit ihrem zweiten Album und Hits wie "Rolling In The Deep" oder "Someone Like You" gesetzt hat. Aber interessant ist doch, dass dieser Erfolg von seltener Substanz ist, denn Bestseller sind in diesem Jahrtausend meist schnelllebig; Hits sausen in den Hitparaden meist so rasch herunter wie sie hinaufgerauscht sind. Anders läuft es bei Adeles Album "21"; das erschien Ende Januar und hält sich seitdem weltweit ganz oben, in sicherem Abstand vor Rihanna, Radiohead, Britney Spears und Konsorten. Nur ein anderes Album hat sich zur gleichen Zeit in manchen Ländern, darunter England, ähnlich erfolgreich auf Platz zwei festgesetzt: Adeles vor drei Jahren veröffentlichtes Debüt-Album "19".
Ein Ende dieser "Adele-Mania" scheint nicht in Sicht. Fast vier Millionen Mal wurde "21" bislang verkauft, das ist durchaus eindrucksvoll in Zeiten kollabierender Tonträgerumsätze. Die einzige, die in diesem Jahr noch ähnlich abräumen dürfte, ist Lady Gaga, deren neues Album "Born This Way" für Mai angekündigt ist.
Weil sie eher nicht das Model ist, von dem Jungs aller Alterstufen träumen, sondern eher das Kumpel-Mädchen von nebenan, mit der Jungs gern mal ein Bier trinken und laut über schmutzige Witze lachen, wird Adele daheim in England schon mal als "A-Dull" (A-Langweilig) geschmäht. Eine Künstlerin, die nicht, wie Lady Gaga, irritiert und polarisiert, sondern die alle irgendwie okay, aber letztlich blass finden.
Radikale Maßstäbe
Das ist einerseits richtig, andererseits ein großes Missverständnis. Denn eigentlich ist dieses nette Mädchen aus einem Vorort von London der erste Superstar einer neu geordneten Musikindustrie. So gemütlich und locker Adele auch scheinen mag, was ihre Karriere angeht, setzt sie radikale Maßstäbe in Sachen Unabhängigkeit. Die Absolventin des Londoner Pop-Elite-Instituts Brit School hatte einst Angebote aller großen Major-Plattenfirmen vorliegen, unterschrieb aber bei einem eher kleinen Hipsterladen namens XL Recordings, der unter anderem Tonträger "cooler" Künstler wie The White Stripes, Vampire Weekend, Gil Scott-Heron oder Radiohead unters Volk bringt.
Die Bedingungen, die Adele Laurie Blue Adkins damals aushandelte, waren märchenhaft für eine Debütantin und sie gelten bis heute: Adele hat das Recht, alle ihre Mitarbeiter auszusuchen; sie allein entscheidet, welche ihrer Lieder als Singles veröffentlicht werden und wie ihre Musik vermarktet wird. "Zu den Vorteilen, bei einer kleinen unabhängigen Plattenfirma unter Vertrag zu sein, gehört, dass die dich in Ruhe lassen", erklärte sie vergnügt zu Jahresbeginn. Sie lässt sich schon gar nicht sagen, was sie anziehen soll: "Ich bin nicht so ein debiles Modepüppchen, dem man diktiert, was es anzieht oder was es essen darf. Wenn das ein Manager versuchen würde, würde ich ihn sofort rausschmeißen. Ich treffe alle Entscheidungen in meiner Karriere selber. Ohne Ausnahme."
Eine große, enorm wichtige US-Tournee blies Adele vor zwei Jahren kurzfristig wegen Liebeskummer ab. Ebenso verwarf sie nur Stunden vor Showbeginn einen prominenten deutschen TV-Auftritt bei "Wetten, dass..?"
Geschadet hat ihr das alles nicht. Aber es scheint, als ob der gewaltige Erfolg auch die Künstlerin so beeindruckt, dass sie sich daran gewöhnen muss. Interviews gewährt die Frau mit dem dröhnenden Lachen zur Zeit nicht. Sie will ihre Ruhe. Sie hat sich nicht mal die Zeit genommen, einen Videoclip für ihre neue Single "Set Fire To The Rain" zu drehen. Ein großer deutscher Radiosender hat ihrer Plattenfirma gedroht, dass er diese Single nicht spielen wird, ohne ein Interview mit Adele bekommen zu haben. Bleibt abzuwarten, wie lange er das durchhält.
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