Pop-Phänomen "Fraktus": Spacken, schüttelt eure Milzbacken!

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Ohne sie hätte es Techno nie gegeben: Fast 30 Jahre lang waren sie vergessen, jetzt feiern die deutschen Elektro-Pioniere Fraktus mit Album und Tournee ihr Comeback. Zugleich dokumentiert ein Kinofilm die Karriere der Band. Eine Wiederauferstehung, zu bizarr, um wahr zu sein.

DPA

Da stehen sie nun also endlich auf der Bühne des viel zu kleinen Festsaals in Kreuzberg: Fraktus, die lange verschollenen Pioniere des deutschen Techno-Sounds, die Anfang der achtziger Jahre mit Hits wie "Affe sucht Liebe" Szene-Größen wie WestBam, Scooter und Marusha beeinflusst haben. Es ist ein triumphales Comeback, das die drei Musiker Dickie Schubert, Bernd Wand und Torsten Bage am Dienstagabend vor ausverkauftem Haus feiern, fast 30 Jahre hatten sie nicht miteinander gesprochen, dann fasste sich ein findiger Produktmanager einer Hamburger Plattenfirma ein Herz und machte sich auf, die drei vergessenen Popstars wieder zu vereinen.

Seine teils rührenden, teils haarsträubenden, teils aberwitzigen Erlebnisse dabei, diese drei, wie er es nennt, "Querköpfe" der deutschen Musik wieder auf die Bühne zu bekommen, zeigt auch ein hervorragender Dokumentarfilm von Regisseur Lars Jessen, der am Donnerstag in den Kinos anläuft. Ein "Best of"-Album, das die lange verschollenen Aufnahmen von Fraktus in restaurierter Form enthält, erscheint passend dazu am Freitag: "Fraktus: Millennium Edition". Die Woche steht also ganz im Zeichen dieser späten Würdigung einer Pop-Legende, und angesichts der Bedeutung dieses Triumphs schaffen es Wand, Bage und Schubert beim ersten Konzert ihrer Tournee sogar, sich nur wenige Male auf der Bühne in die Haare zu kriegen. Da prallen drei Egos aufeinander, da wird viel kreative Energie frei, da muss man ein paar Spannungen zwischen den Protagonisten schon verstehen.

Vor allem Thorsten Bage, der einzige der drei, der nach dem tragischen Ende der Band 1983, als die Hamburger Konzerthalle "Turbine" während eines Fraktus-Konzerts niederbrannte, als Musikproduzent auf Ibiza weitermachte und dort mit stumpfen Partyhits wie "Geilianer" landete - vor allem dieser Arschgeweihträger Bage muss sich immer wieder dem Spott Schuberts stellen, dem charismatischen Sänger, der sich auf der Bühne nicht zu schade ist, sich als Songwriter der markantesten Fraktus-Stücke in Szene zu setzen: "Warum tun die das?/ Warum sind die da?/ All die armen Menschen", textete Schubert in "A.D.A.M." zur Hochzeit der Neuen Deutschen Welle - damals wie heute ein scharfsichtiger Kommentar zur Zeit. Aber auch Zeilen wie "Affe sucht Liebe/ Affe sucht Halt/ Affe sucht Wärme/ sonst wird Affe kalt" brachten ein bis dato diffuses deutsches Lebensgefühl auf den Punkt. Der alte Hit wird nun, das scheint sicher, ebenso ein Comeback feiern wie diese charakterstarke Band.

Schubert, der nach dem Ende von Fraktus ein Internet-Café mit angeschlossener Bäckerei namens "Surf'n'Schlurf" in Hamburg betrieb, erklärt die Magie der Band im Film anhand eines poetischen Beispiels: Man müsse sich Fraktus wie einen Schmetterling vorstellen, mit zwei schillernden Flügeln, Bage und Wand, die ohne Körper gar nicht wüssten, wo sie hin sollten. Und dieser Körper, so Schubert, dessen Markenzeichen der klagend ausgestoßene Raver-Ruf "Oweeeeyoo" ist, dieser Körper sei er.

WestBam nickt wohlwollend im Publikum

Thorsten Bage, der clevere Beat-Fabrikant, Bernd Wand, der in sich gekehrte Bastler, der einzigartige Instrumente wie die legendäre Lichtmangel erfand, und Schubert, der einst androgyn wirkende, heute etwas zottelige Frontmann, zeigten im vor Vorfreude vibrierenden Festsaal ihr ganzes Spektrum, das auch ein Abbild deutscher Musikidentität ist: Der elektronische Minimalismus von Kraftwerk trifft energischen Technopop trifft Rammstein in den martialischen Kostümen der drei Bühnen-Enigmas. Bei Fraktus vermählt sich kühle teutonische Ingenieurskunst mit der Lust, auch mal bei Marschmusik die Sau rauszulassen; das zeigte sich vor allem in der tobenden Begeisterung, die Gastsängerin Yazz auslöste, als sie den rechtzeitig zum Fraktus-Comeback von Star-Produzent Alex Christensen erstellten, sehr zeitgemäßen Dance-Remix von "Affe sucht Liebe" darbot.

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Musik-Satire "Fraktus": Irres Comeback der Techno-Pioniere
Fraktus, das demonstrieren auch die zahlreichen Statements von Musikgrößen wie Blixa Bargeld, MTV-Legende Steve Blame oder Yello-Sänger Dieter Meier im Film, haben die deutsche und internationale Musikszene tiefgreifend beeinflusst. Einen so reduzierten, minimalistischen Sound habe er mit Trio nicht hinbekommen, gibt Stephan Remmler unumwunden zu. Und auch Mayday-Initiator WestBam, der beim Konzert wohlwollend kopfnickend im Publikum steht, erklärt in der Doku bereitwillig, wie Fraktus seinen wohl größten Hit "Sonic Empire" inspiriert hätten.

T-Shirt-Fehldruck zum moderaten Preis

Klar, nicht alles läuft perfekt bei einer so schwierigen Operation. Am gut besuchten Merchandising-Stand zum Beispiel gab es nicht nur das später von der Raver-Bewegung zum Smiley umgedeutete "Smirkey"-Emblem zu kaufen, sondern, zu moderaten Preisen, auch Fehldrucke von T-Shirts, auf denen "Fratus" statt "Fraktus" zu lesen ist. Ein Rechtschreibfehler, der selbst den Bandmitgliedern immer wieder unterlaufen ist, wie im Film herzergreifend geschildert wird.

Fraktus - "ASL 2.0"
Mehr Videos von Fraktus gibt es hier auf tape.tv!

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen.

In Jessens Doku ist auch zu sehen, wie Bernd Wand, "das wahre Genie hinter Fraktus" (Steve Blame), im Hinterzimmer des elterlichen Optikerladens, wo er als Typberater jobbt, mit Mutter und Vater Fraktus II betreibt. Ein schier unermüdlicher Klangtüftler und Instrumente-Erfinder, obwohl er von Krankheiten wie Kongo-Zunge, Brombeerkopf und entzündeten Milzbacken gepeinigt wird. Diesen Elektro-Pionier, der auch im fortgeschrittenen Alter noch eine extremistische Popper-Frisur pflegt, musste der Plattenfirmenmann Roger Dettner (im Film von Devid Striesow verkörpert) nicht lange zu einem Fraktus-Comeback überreden. Auch Dickie Schubert war schnell bereit, es noch einmal mit seinen alten Kollegen zu versuchen. Ohne auch private Mühen zu scheuen, Dettners Frau "Lutschi" war damals gerade hochschwanger, reiste er mit Wand und Schubert nach Ibiza, um letztlich auch noch den millionenschweren Bage zu überzeugen. Mit Erfolg - nach Irrungen, Wirrungen und einigen sehr hässlichen Prügelszenen.

Wie Fraktus von Dettner zum Comeback gedrängt werden, wie sie in die Verwurstungsmaschinerie der Plattenindustrie mit ihrer Sucht nach Achtziger-Nostalgie gepresst werden, all das zeigt Lars Jessens Film ohne moralisch erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Leichtigkeit und anarchischen Freude des lachenden Dritten.

Hat sich das alles tatsächlich so zugetragen? Oder sitzen wir einer brillanten Mockumentary auf? Das Schöne an diesem ganzen Märchen ist auf jeden Fall, dass es eine Band wie Fraktus wirklich geben könnte. Dass sie nun wirklich zu einem späten, umjubelten Revival ansetzen wie derzeit gerade viele Krautrock-Bands der späten Siebziger von jungen Musikern entdeckt und gewürdigt werden. Aber "Fraktus", ob auf der Leinwand, auf Platte oder im Konzertsaal, bleibt ein böses, wahnsinnig komisches Märchen, erdacht und umgesetzt vom Hamburger Künstlerkollektiv Studio Braun, das einst mit witzigen Telefonstreichen bekannt wurde: Rocko Schamoni spielt den trotteligen Schubert, Jacques Palminger glänzt als hypochondrischer Irrer Bernd Wand und Heinz Strunk verkörpert Thorsten Bage mit blondem Zottelhaar und DJ-Ötzi-Mützchen

Jessens Film ist ein grandioser Hoax, eine Fake-Doku im Stile der großen Heavy-Metal-Parodie "This Is Spinal Tap" und das vielleicht lustigste Filmerlebnis, das das deutsche Kino dieses Jahr zu bieten hat.

Der wahre Coup besteht jedoch darin, aus der Satire einen echten Pop-Erfolg zu machen. Angesichts des umjubelten, musikalisch einwandfreien und durchaus mitreißenden Tournee-Auftakts und dem von "Erobique" Carsten Meyer produzierten Album, das mit "Affe sucht Liebe", "A.D.A.M." und "Computerliebe" einige handfeste Hits im Retro-Gewand enthält, könnte das Unternehmen Fraktus zum realen Pop-Ereignis des Winters werden. Zusätzliche Konzerttermine wurden wegen der großen Nachfrage bereits für kommenden Februar gebucht, dann werden auch die Hallen größer sein - und Dickie Schuberts "Oweeeeyoo" ein Standard-Ausruf in Hipster-Kreisen. Wenn der Hype so lange hält.

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1. !
jerzick 07.11.2012
Mal im Ernst. Als Produzent und Komponist vieler Trance- und Technoplatten: diese Tracks sind einfach grottenschlecht. Und schon gar kein Techno. Das ist schade, die ganze Aktion ist ziemlich lustig, da hätte man sich bei der Mucke ein bisschen Mühe geben können.
2.
secret77 07.11.2012
habe den trailer im kino sehen müssen. trotz heinz strunk wirklich grottenschlechter film, beim trailer NICHT EIN LACHER, eher betretenes schweigen. seht euch lieber "immer nie am meer" mit strunk, grissemann und stermann an.
3. Ohne sie hätte es Techno nie gegeben:
GSYBE 07.11.2012
Neben anderem gehört Musik seit 45 Jahren zu meinem Beruf und zu einem meiner grössten Interessen, aber von denen habe ich noch nie was gehört. Sagt wahrscheinlich etwas über mein Unwissen aus...
4. Es hilft oft
grafheini2 07.11.2012
Zitat von GSYBENeben anderem gehört Musik seit 45 Jahren zu meinem Beruf und zu einem meiner grössten Interessen, aber von denen habe ich noch nie was gehört. Sagt wahrscheinlich etwas über mein Unwissen aus...
den ganzen Artikel zu lesen.... Um ihnen die Mühe zu ersparen: Die Band gabe es nie.. Ist ein Mokumentary
5.
jerzick 07.11.2012
Zitat von GSYBENeben anderem gehört Musik seit 45 Jahren zu meinem Beruf und zu einem meiner grössten Interessen, aber von denen habe ich noch nie was gehört. Sagt wahrscheinlich etwas über mein Unwissen aus...
Lesen Sie zu Ende! Das Ganze ist ein (wenn auch schlechter) Witz, ein Fake.
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