Pop-Phänomen aus Kanada Grimes' Märchen

Die Szene feiert sie als neue Madonna, ihr Album "Art Angels" soll den Durchbruch bringen. Aber wohin eigentlich? Und wofür? Das fragt sich die kanadische Musikerin Grimes auch.

Rankin

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Sie haben wahrscheinlich noch nie einen Song von Grimes gehört. "Oblivion", 2012 veröffentlicht, ist ihr bekanntestes Stück: eine pulsierende Elektropop-Hymne mit niedlicher Mädchenstimme und der richtigen Mischung Irritation und Vertrautheit. In die Charts gelangte das Stück jedoch nie, und das zugehörige Album "Visions" schaffte es gerade mal auf Platz 98 der US-Hitparade.

Vom einflussreichen Indiemusik-Portal "Pitchfork" wurde "Oblivion" trotzdem zu einem der wichtigsten Songs der aktuellen Dekade gekürt. Grimes, die eigentlich Claire Boucher heißt, aus Montreal stammt und 24 Jahre alt ist, gilt seitdem als Hoffnungsträgerin der Pop-Welt. Am Freitag erscheint nun ihr in Kritiker- und Fan-Kreisen sehnlich erwartetes viertes Album, "Art Angels". Es soll den Durchbruch bringen.

Der "Durchbruch", das ist so eine Formulierung aus dem vergangenen Jahrhundert. Seit den Sechzigern, als Rock'n'Roll kommerziell und populär wurde, also zu Pop, bedeutete den Durchbruch zu erleben: in den Mainstream zu gelangen, erfolgreich zu sein, die Massen zu erreichen. Heute ist das nicht mehr so einfach. Denn Künstlerinnen wie Grimes, die im Internet zu größerer Bekanntheit kamen, sind längst Pop - ohne je viele Platten verkauft zu haben.

Oblivion von Grimes auf tape.tv.

Mehr noch als der in Zahlen messbare Erfolg gilt, neben der Musik selbst, der von der Szene zugeordnete Hip- oder Coolness-Faktor. Kritiker lieben Künstlerinnen, die das verkörpern: Neben Grimes sind das aktuell auch FKA Twigs, Julia Holter, Kelela oder die Berliner Sängerin Balbina - weil sich an ihnen die Hoffnung festmachen lässt, dass kommerzielle Popmusik vielleicht doch Inhalte transportieren kann. Dass sie innovativ, aufregend, kompliziert sein kann - und trotz allem ein Hit, der jeden berührt.

Eremitin und Entertainerin

Verbunden damit ist der missionarische Wunsch, den entdeckten und für relevant befundenen Nischenkünstler einem großem Publikum zuzuführen. Die Krux ist nur: Wenn es dann so weit ist, wächst die Angst des early adopters, das Idol könne als Sklave des Massengeschmacks an Identität und Strahlkraft verlieren.

Grimes befindet sich gerade an diesem schwierigen Punkt. Auf die einst so lobenden "Pitchfork"-Redakteure ist sie nicht gut zu sprechen: "Die sind wie 'TMZ' für Indiemusik", sagt sie beim Interview Anfang Oktober in Paris. "Die hassen mich und tun alles, um mich zu zerstören."

Anlass des Gunstentzugs war offenbar die Online-Veröffentlichung des Songs "Go" vor einem Jahr. Es war das erste musikalische Lebenszeichen von Grimes nach dem Jubel über "Visions" und klang wie ein allzu stromlinienförmiger Charts-Popsong. Kein Wunder, denn geschrieben wurde "Go" ursprünglich für Rihanna und war nie zur Veröffentlichung gedacht. "Aber dann gab es einen Leak, also mussten wir handeln", sagt Grimes mit einem für sie typischen, langen Seufzer. "Fakt ist: 'Go' war nie ein Grimes-Song und nie für ein Grimes-Album gedacht." Die Angst, Boucher könnte ihre Seele verkauft haben, war geboren.

Go von Grimes auf tape.tv.

Warum sich gerade an Grimes so viele Ängste und Sehnsüchte entzünden, erklärt sich aus ihrem Prinzip, unberechenbar und widersprüchlich zu sein: Mal ist sie die in sich gekehrte Schüchterne, die sich wochenlang in ein kanadisches Kaff namens Squamish zurückzieht, um zu sich und zu neuen Songs zu finden; dann wiederum ist sie die exaltierte Entertainerin mit bunt gefärbten Haaren, die auf der Bühne und in Videos ein schillerndes Kunstwesen gibt und von Modemarken als fotogene Muse umarmt wird.

Am schlimmsten, betont sie im Interview, sei es für Boucher, wenn Leute, egal ob Kritiker oder Fans, sie festnageln wollen: "Ich wünschte, sie würden endlich begreifen, dass ich mich nie auf ein Genre festlegen werde. Jedes Album, das ich mache, wird unterschiedlich sein."

Alles fließt, alles geht, alles gleichzeitig

Als Inspiration für diese Herangehensweise nennt sie Nine-Inch-Nails-Frontman Trent Reznor, Sinéad O'Connor und Kate Bush. Vor allem Letztere, ein Vorbild für viele junge, künstlerisch selbstbestimmte Musikerinnen, verkörpere für Boucher das Ideal einer gelungene Karriere: groß und erfolgreich - aber eben nicht zu groß. Den wachsenden Ruhm empfindet Boucher als stressig. "Eigentlich ist im Moment alles gut so, wie es ist." Sie genieße den Luxus, von ihrer Musik leben zu können und sich dank Plattenvertrag verwirklichen zu können, "aber trotzdem bin ich noch in der Lage, unerkannt in den Supermarkt zu gehen".

Entscheiden zwischen Obskurität und Massenakzeptanz will sie sich nicht. "Ich bin eine sehr zurückgezogene Person, aber die Kunst, die ich machen will, beinhaltet auch diese ganzen glitzernden, extrovertierten Dinge", so beschreibt sie den Balanceakt, den sie auf dem selbst produzierten "Art Angels"-Album nun erneut probt.

Flesh Without Blood von Grimes auf tape.tv.

Keines der 14 Stücke des Albums klingt wie das andere. Die ultra-melodiöse Radio-Pop-Single "Flesh without Blood" steht gleichberechtigt neben der Junglebeat-Dubstep-Nummer "Scream", auf der Grimes nur schreit und die taiwanische Künstlerin Aristophanes rappen lässt. Alles oszilliert zwischen Rock und Country, zwischen R&B und Synthie-Elektropop, zwischen Industrial, Geräuschen und antiker Kirchenmusik. Faszinierend postmodern, oft zugänglich, letztlich aber nicht greifbar.

Alles fließt, alles geht, alles gleichzeitig: Vielleicht ist es dieses Flirren und Flattern, das Grimes zum perfekten Popstar unserer Zeit macht. Schon jetzt bemühen sich Kritiker um Vergleiche aus vergangenen, klarer definierten Zeiten, die Namen Madonna und Lady Gaga fallen oft. Grimes aber muss sich nicht als ewig viriler Sex-Vamp oder kunstsinnige Power-Frau gerieren. Ihr kluger Pop kommt ohne körperliche Leistungsschau aus.

Ihren Indie-Fans gegenüber gibt sie sich als Nerd-Mädchen Claire und nutzt Twitter für engagierte Meinungsäußerungen über Sexismus, Umweltsünden oder Politik. Zugleich bietet sie ihren schillernden Avatar Grimes als exotisches Produkt auf dem Massenmarkt an. Ein Widerspruch ist das längst nicht mehr.

Indie oder Mainstream, solche althergebrachten Grabenkämpfe haben für die Grenzgängerin Grimes keine Bedeutung, wenn sie es schafft, auf jedem Level ihres Pop-Rollenspiels wahrhaftig zu bleiben. Es wäre dann eben kein Ausverkauf, wenn "Art Angels" nicht nur Szene-, sondern auch Charterfolg würde. Es wäre die Erfüllung einer Utopie.

Eine ausführliche Kritik von "Art Angels" lesen Sie kommenden Dienstag in unserer Musik-Kolumne "Abgehört" .



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insgesamt 17 Beiträge
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frenchie3 06.11.2015
1. Nie von der gehört
Daher mal auf die DuRöhre gegangen und reingehört. Für mich ein Piepsstimmchen, dünner als Kantinenkaffee. Gut für das Mädel daß die Geschmäcker verschieden sind.
mr.motto 06.11.2015
2. Mädchenmucke
Kenn das Projekt schon länger und bin mir bis heute nicht sicher was ich davon halten soll. Es ist kleiner Mädchenpop mit ein paar schranzigen Beats. Wenn man sie mit Madonna vergleicht, dann spreche ich einigen einen gewissen Geschmack ab oder die Zielgruppe ist 10 Jahre Jünger als Grimme....
Bueckstueck 06.11.2015
3. Nicht mein Ding
Beim lesen der Worte war ich ja sehr gespannt darauf was ich da hören würde - die drei Songs waren dann aber doch nichts für mich: Dubstep und Mini Mouse Stimme klingt wie die Dutzendware die die Charts verseucht. Das könnte auch von Ellie Goulding sein...
spon-facebook-1458183583 06.11.2015
4. Das ist keine neue
Madonna, sondern unterirdisch. Wie kann man daraus einen vollständigen Artikel schreiben. Nur Schrott hätte gereicht. Aber so unterschiedlich sind die Geschmäcker
suppenkoch 06.11.2015
5. Nicht einordnen lassen
Ach, wieder mal eine, die sich nicht in Schubladen stecken läßt, die ihr eigenes Ding macht, die unabhängig ist, usw. Besteht nicht mittlerweile die halbe Pop-Welt aus diesen unabhängigen Künstlerinnen (mit Plattenvertrag) oder sind es nur die Medien, die auf diesem Pferd reiten?
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