Pop-Phantom PeterLicht "Utopien, das sind so Nebelbänke"

PeterLicht ist der politische Konzeptkünstler unter den deutschen Popmusikern. Im Interview spricht der Mann, der sein Gesicht nicht zeigt, über Altersvorsorge als kafkaesken Witz, Pop als Mogelpackung und seine Liebe zu Slogans.

Christian Knieps/ MotorMusic

SPIEGEL ONLINE: 2006 sangen Sie Ihr "Lied vom Ende des Kapitalismus" mit der Refrainzeile "Jetzt ist er endlich vorbei". Ein Soundtrack für die aktuellen "Occupy"-Proteste?

PeterLicht: Das Lied beruht auf der Vorstellung, dass der Kapitalismus vorbei ist - was für mich eine gute Vorstellung ist. Damit ist zwar verbunden, dass man auch nicht weiß, was danach kommt; aber ich finde, das sind zwei unterschiedliche Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neues Album heißt nun "Das Ende der Beschwerde", obwohl Sie über Dinge singen, über die man sich durchaus beschweren könnte. Ist der Titel eine Mogelpackung?

PeterLicht: Pop ist ja immer Mogelpackung. Hauptsache, die Packung funzt. Man könnte auch sagen: Es gibt kein mogelfreies Leben im wahren Pop. Allerdings ist das jetzt auch schon wieder gemogelt, damit es gut klingt. Denn im Ernst: Es geht darum, eine Wahrheit zu treffen. Und es gibt immer einen wahren Grund für "Yeah Yeah Yeah" oder so. Mein Album ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Beschwerde. Die allgemeine Beschwerdelage. Irgendeine Beschwerde an mich, meine Beschwerde an irgendwen. Wie der Sternschritt beim Basketball. Auf einem Fuß stehenbleiben, mit dem anderen in alle Richtungen tanzen. Es werden Beschwerden angerissen, und es geht um den Versuch, sich darüber hinwegzusetzen. Der Versuch reicht schon, finde ich, auch wenn es ein gescheiterter Versuch ist.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt geradezu utopische Momente auf dem Album, an einer Stelle reden Sie vom "neuen Menschen" - aber warum bleibt das alles so vage?

PeterLicht: Nenn mir einen Punkt, der nicht vage ist, und ich hebel dir die Welt aus den Angeln, hat irgendwer mal gesagt, ich glaube, das war jemand im "Big Brother"-Container, als man gerade eine Spülplan verabschieden wollte, oder die Hauptfigur aus "Endlich Prinzessin", oder Pumuckl zu Meister Eder, oder Guido Westerwelle, ich hab's vergessen. Meine Arbeit entsteht aus der Betrachtung der Welt, in der ich bin. Aber es ist natürlich sehr interessant, sich vorzustellen, was danach kommt. Das ist spannend, aber es ist sehr schwierig, dafür Worte zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Wobei ja eine der Stärken von PeterLicht gerade ist, schöne Worte für das Vage zu finden...

PeterLicht: Ich habe ein Lied auf der Platte, "Meine alten Schuhe", da geht es um das Verhältnis von Utopie und Realität. Meine Haltung dazu ist, dass es auch schön ist, wenn der Traum endet, wenn man in der Realität ankommt. Die Orientierung auf eine Utopie hin hat auch eine düstere Kraft - und aus dieser Fixierung herauszukommen, hat etwas Befreiendes und Schönes: Ich bin angekommen am Ende des Traums, ihr könnt gehen, ihr Träume, ich brauche euch nicht mehr. Utopien, das sind so Nebelbänke, die man in der Ferne sieht, so Zaubergestade - und keiner weiß, wie es aussehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja auch viele rückwärtsgewandte Utopien. Weil man für das Zukünftige keine Worte findet?

PeterLicht: Ja, das ist richtig. Und für mich ist die schlüssigste Reaktion darauf, ein Lied zu singen. Ein Lied ist ja eine Landschaft, eine Welt, die sich auftut. Da taucht ein Gedanke auf, der wird gegengeblendet mit einem anderen Gedanken, der im Refrain daherkommt. Wenn's funktioniert, ergibt sich daraus eine schlüssige Welt. Für mich jedenfalls - ob sich das so nach draußen transportiert, das weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Eines Ihrer Themen ist das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Im Song "Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses" heißt es: "Ich wüsste niemanden, der sich selbst gehörte". Das spielt auf die Debatte um die Privatsphäre im Internet an, die manche für spezifisch deutsch halten.

PeterLicht: Puh. Ja, gut, ich bin deutsch, und ich kann mich nicht rausdenken. Aber vielleicht ist das auch richtig so. Die deutsche Geschichte hat ja auch ganz extreme Erfahrungen mit totalitären Systemen. Wenn man die Aufhebung von Privatheit sieht, und dass in zunehmendem Maße Lebensäußerungen fixiert sind, in irgendwelchen Archiven abrufbar, dann fühlt man sich natürlich erinnert an dieses ganze Stasi-Wesen, die akribische Erfassung von Welt und Individualität, von kleinteiligem Lebensgeschehen. Wenn ich jetzt an einem Tag "Rucksäcke" google oder "Pferdehufe", dann habe ich am nächsten Tag plötzlich eine Werbung, die sich auf "Pferdehufe" bezieht, Wo dann klar ist, dass meine ganzen Kundendaten, die irgendwo mitlaufen, gespeichert sind und so ihren Weg finden in ein riesenhaftes Archiv.

SPIEGEL ONLINE: Regen Sie sich da nicht etwas zu sehr auf?

PeterLicht: Man kann mit Coolheit reagieren oder mit Hysterie. Ich finde etwas Hysterie manchmal aber nicht schlecht. Ich würde ja auch nicht sagen: Das geht gar nicht, ich bin der totale Gegner davon, zurück zur Wachstafel. Aber ich finde sehr interessant, mir diese ganzen Logarithmen vorzustellen, die da Handlungen statistisch erfassen. Was bedeutet das eigentlich? Man kann dann im Prinzip Demokratie so verstehen, dass nicht mehr gewählt wird, sondern dass der Logarithmus wählt.

SPIEGEL ONLINE: So als gäbe es beim Wahl-O-Mat unten noch einen Knopf: "Jetzt wählen"?

PeterLicht: Nein, man muss überhaupt nicht mehr wählen. Es wählt sich permanent von selber. Wenn sich daraus, dass man Fleisch isst und den 1. FC Köln gut findet, mal bei Aldi war, und man sein stählernes Balkongeländer blau angestrichen hat, ein so treffsicheres soziologisches Konstrukt ergibt, dass zweifelsfrei herauskommt: An diesem Tag, bei dieser Wahl, wählst du die CDU oder was auch immer. Das finde ich sehr interessant. Dann könnte man auf die Urnenfolklore verzichten. Aber das lehne ich ab. Ich liebe diesen demokratischen Geruch der Innenräume in den Grundschulen am Sonntagnachmittag. Wenn ich wähle, bin ich immer gerührt. Und ich wähle immer. Ich bin ja der Souverän.

SPIEGEL ONLINE: Popmusik wagt ja im Zweifel immer eher den Slogan als das abgewogene Argument.

PeterLicht: Mich faszinieren diese Schriftzüge, diese Slogans, die wie beschriebene Zeppeline durch die Straßen gleiten. Da stehen Sachen drauf, die stehen an den Wänden, die kann man überall lesen. Zum Beispiel der Satz "Du musst dein Leben ändern". Darüber zu singen, sich daran abzuarbeiten, die ad absurdum zu führen oder zu versuchen, sie auszuradieren, oder sie extra so richtig zu betonen: Das finde ich gut. Das passt auch zu der Situation, auf der Bühne zu stehen. Weil dieser Satz ja sowieso überall gesungen wird, kann ich mich auch noch hinstellen und singen: "Du musst dein Leben ändern."

SPIEGEL ONLINE: Sie tun es aber mit der Einschränkung: "Wenn ich nur wüsste, welches Leben ich ändern müsste und welches besser nicht"...

PeterLicht: Mit der Einschränkung, klar. Ich finde bei diesem Slogan auch interessant, welche Perversion dahintersteckt, dass überall und ständig Leben geändert werden muss. Dass es nicht okay ist, wie es ist. Dass das eine Zwangshandlung ist, die ich aber selber auch an mir durchexerziere. Es ist auch mein Credo, natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Eine andere Zeile, die sich möglicherweise auf Sie selbst beziehen ließe, ist: "Bestattet eure Altersvorsorgeaufwendungen". Ein kreativ Tätiger hat ja tendentiell wenig übrig für die Altersvorsorge, oder?

PeterLicht: Man wird nicht Künstler oder Sänger wegen der geilen Altersvorsorge, in deren Bewusstsein man dann später die Hände reibend durch den Park spaziert mit hochgeklapptem Mantelkragen. Und ich fände es deplatziert, mein Altersvorsorge-Leid als aktuell tätiger Liedersänger zur Verfügung zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es dann?

PeterLicht: Ich finde allgemein diese Vorstellung von Altersvorsorgeaufwendungen interessant: Dass Biografien mit der Zielorientierung Altersvorsorge gelebt werden. Eine Transponierung des Lebens in eine Rentnerzukunft, die man sich gar nicht vorstellen kann. In Verbindung mit diesem kafkaesken Wirtschaftssystem hat das einen riesengroßen Humor. Ich stelle mir vor, dass man die Bank betritt, das Kundengespräch führt und sagt: "Alle haben mir gesagt, ich muss eine Altersvorsorgeaufwendung tätigen. Gib mir einen Hinweis." Und dann betritt man dieses kafkaeske Reich. Dann merkt man, dass man in so eine Züchtungsanlage geraten ist, wo Angst gehandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

PeterLicht: Ja, da gibt es so kleine Agar-Schalen auf einem luftdichten, sterilen Testgelände, in jeder eine kleine Angstkultur. Da stehen dann auf so Klebeschilderchen mit Filzstift geschrieben die Namen drauf. Am Ende werden dann Angstbakterien abgeseiht oder Vorsorgebakterien, und das ist dann der Ertrag, den sich die Altersvorsorgeaufwendungsanstalt reinzieht. Oder die Bank.

Das Interview führte Felix Bayer



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
jetlag chinaski 06.11.2011
1. olafur eliasson
guter mann und nah am zeitgeist. PeterLicht: Ich habe ein Lied auf der Platte, "Meine alten Schuhe", da geht es um das Verhältnis von Utopie und Realität. Meine Haltung dazu ist, dass es auch schön ist, wenn der Traum endet, wenn man in der Realität ankommt. Die Orientierung auf eine Utopie hin hat auch eine düstere Kraft - und aus dieser Fixierung herauszukommen, hat etwas Befreiendes und Schönes: Ich bin angekommen am Ende des Traums, ihr könnt gehen, ihr Träume, ich brauche euch nicht mehr. Utopien, das sind so Nebelbänke, die man in der Ferne sieht, so Zaubergestade - und keiner weiß, wie es aussehen kann. die ausstellung dazu: http://tinyurl.com/3ur6fkh
angst+money 06.11.2011
2. könnt ich mich drüber aufregen
Zitat von jetlag chinaskiguter mann und nah am zeitgeist. PeterLicht: Ich habe ein Lied auf der Platte, "Meine alten Schuhe", da geht es um das Verhältnis von Utopie und Realität. Meine Haltung dazu ist, dass es auch schön ist, wenn der Traum endet, wenn man in der Realität ankommt. Die Orientierung auf eine Utopie hin hat auch eine düstere Kraft - und aus dieser Fixierung herauszukommen, hat etwas Befreiendes und Schönes: Ich bin angekommen am Ende des Traums, ihr könnt gehen, ihr Träume, ich brauche euch nicht mehr. Utopien, das sind so Nebelbänke, die man in der Ferne sieht, so Zaubergestade - und keiner weiß, wie es aussehen kann. die ausstellung dazu: http://tinyurl.com/3ur6fkh
Stimmt. Nur schade dass seine Musik so langweilig ist (Ausnahme: siehe Betreffzeile). Und dass er konsequent Loga- und Algorithmus verwechselt.
systemfeind 06.11.2011
3. Wenn ich wähle, bin ich immer gerührt. Und ich wähle immer. Ich bin ja der Souverän.
Zitat von sysopPeterLicht ist der politische Konzeptkünstler unter den deutschen Popmusikern. Im Interview spricht der Mann, der sein Gesicht*nicht zeigt, über Altervorsorge als kafkaesken Witz,*Pop als Mogelpackung*und*seine Liebe zu Slogans. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,795229,00.html
grober Unfug .
urban_grandier 06.11.2011
4. unsere liedermacher
---Zitat von peter licht--- Mein Album ist eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Beschwerde. Die allgemeine Beschwerdelage. ---Zitatende--- wow - ganz schön stoned ... aber pop geht eher so: Lykke Li - Complaint Department (http://www.youtube.com/watch?v=EL7KEK0Zgzg&feature=related)
exkeks 06.11.2011
5. Logarithmus??
Hat der Gute wirklich "Logarithmus" gesagt? Gemeint hat er hoffentlich "Algorithmus".
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