Pop-Projekt Burka Band "Wir waren die afghanischen Dieter Bohlens"

Drei vermummte Frauen sorgen mit "Burka Blue" für den Szene-Sommerhit der Saison: Afghanistans erster Pop-Export, die Burka Band, spielt ironisch mit gesellschaftlichen Traditionen und Konventionen und ist das Resultat eines kleinen, unbürokratischen Hilfsprojektes des Düsseldorfer Labels AtaTak.

Von Mario Sixtus


Burka Band: "Erste afghanische Frauenpopband"

Burka Band: "Erste afghanische Frauenpopband"

Die Wahl zum Szene-Sommerhit des Jahres 2003 ist offensichtlich gelaufen. Seit Wochen wird der Song "Burka Blue" nun zwischen In-Clubs, Indie-Zeitschriften und Videoclip-Sendestationen hin und her gereicht, und auch so mancher Feuilletonist fühlte sich mittlerweile zur Stellungnahme berufen.

"You give me all your love, you give me all your kisses, and then you touch my Burka and do not know who is it" wird in "Burka Blue" von einer Frauenstimme radebrechend über ein holpriges Schlagzeug geabzählreimt, während ein flockiger Knurpsel-Bass eifrig hüpfend damit beschäftigt ist, das fragile Konstrukt am Auseinanderfallen zu hindern.

Das dazugehörige Video zeigt harsche Handkamera-Schwenks, enge Proberaumsituationen und triste Wüstenkulissen, angereichert mit drei Figuren, deren Körper hinter traditionellen blauen Ganzkörper-Gewändern verborgen bleiben. Die Burka, Pflicht-Uniform für Frauen zu Zeiten des afghanischen Taliban-Regimes, mutiert hier zu einer Requisite im Spiel mit Verkleidungen und Masken, das seit jeher zum Popmusik-Universum gehört.

"Darf man das?", fragen einige miesepetrige Multikulti-Moralisten besorgt, beschwören bereits einen Ausverkauf des Morgenlandes durch abendländischen Kulturimperialismus und rufen entsetzt "Medien-Hype", während der Rest der Republik sich in den Szene-Discos der Metropolen mit den Burka-Beats durch das Sommerloch tanzt.

Die Entstehungsgeschichte des ironischen Pop-Juwels hat dann auch ausgesprochen wenig mit Kommerz, Medien- und PR-Maßnahmen zu tun, dafür umso mehr mit praktischer Aufbauhilfe und einem kleinen Spaß unter neuen Freunden.

Labelmacher Fenstermacher in Kabul: "Wir waren halt die afghanischen Dieter Bohlens"

Labelmacher Fenstermacher in Kabul: "Wir waren halt die afghanischen Dieter Bohlens"

"Der Song spiegelt natürlich nicht die Spannung wider, die dort in der Bevölkerung herrscht," erklärt Frank Fenstermacher, einer der Geburtshelfer der Burka-Band, "aber das ist auch gut, und ist auch so gewollt. Immer nur ausschließlich auf die Abgründe und die gesellschaftlichen Katastrophen zu schauen verbaut einem auf Dauer den Blick in die Zukunft."

Fenstermacher befand sich mit seinem Musiker- und Label-Kollegen Kurt Dahlke und der Schlagzeugerin Saskia von Klitzing im Oktober 2002 für einige Wochen auf Vermittlung des Goethe-Institutes in Kabul, um mittels eines Workshops für das afghanische "Department of Music" die einheimischen Popmusiker mit modernen Produktions- und Aufnahmetechniken vertraut zu machen.

Die Herren Fenstermacher und Dahlke braucht man Freunden intelligenter deutscher Elektronik- und Popmusik wohl nicht mehr vorzustellen, für alle anderen sei hier auf die Projekte Der Plan, Pyrolator, und a certain frank verwiesen, um nur die bekanntesten zu nennen. Auf dem gemeinsamen Düsseldorfer Label AtaTak tummelten sich so illustre Zeitgenossen wie Wirtschaftswunder, Holger Hiller, Andreas Dorau und Element Of Crime, und ganz nebenbei bilden die beiden gemeinsam mit von Klitzing einen guten Teil der aktuellen Fehlfarben-Besetzung.

Doch zurück nach Kabul: Existiert überhaupt eine Popmusik-Szene in einem Land, in dem jahrelang jegliche Form von nichtreligiöser Musik verboten war und in dem selbst der Besitz von Musikinstrumenten mit der Todesstrafe geahndet wurde?

"Die meisten Musiker haben die Zeit der Taliban-Herrschaft im Ausland verbracht und kehren jetzt langsam zurück", berichtet Kurt Dahlke. "Ein Problem ist sicherlich, dass der gesamte Tonträger-, sprich: Audiokassetten-Markt durch indische und pakistanische Importe überschwemmt wird, da die afghanischen Musiker weder über Aufnahme- noch über Vervielfältigungs-Geräte verfügen. Das ist ungefähr so, als würden in Deutschland auf einmal nur noch französische Chansons oder italienische Schlager laufen."

Das eigentliche Ziel der germanischen musikalischen Eingreiftruppe war es dann auch, vor Ort eine kleine Produktionsstätte aufzubauen. Ein Kassettenkopiergerät, ein kleines Mischpult, ein Mehrspur-Kassettenrekorder und ein Harddisc-Recording-System wurden dort installiert und die Musiker im Umgang damit geschult.

Musiker Dahlke in Kabul: "Das war mit mehr Aufwand verbunden, als ich gedacht hatte"

Musiker Dahlke in Kabul: "Das war mit mehr Aufwand verbunden, als ich gedacht hatte"

"Der Burka-Song war genau genommen eine Test-Produktion, ein Beispiel-Track um den Leuten dort die Möglichkeiten der Mehrspurtechnik zu veranschaulichen", sagt Dahlke. Die rhythmische Grundlage von Burka Blue besteht dann auch aus den geloopten Anfängerübungen einer jungen afghanischen Frau, die sich zu spontanem Schlagzeugtraining entschloss, inspiriert durch die ungewöhnliche Situation, dass mit Saskia von Klitzing ausgerechnet eine Frau den jungen Männern Instrumentalunterricht gab.

Eine weitere junge Afghanin, die als Dolmetscherin fungierte, bemächtigte sich des Mikrofons und als schließlich ein drittes Mädchen zu den Instrumenten griff, war die "erste afghanische Frauenpopband" komplett.

"Wir waren halt die afghanischen Dieter Bohlens", witzelt Fenstermacher, "sozusagen die Anti-Star Searchers."

"Eines Abends unterhielten wir uns mit einem afghanischen Mann, der uns vorschwärmte, dass das schönste Blau der Welt das Blau des Himmels über Kabul sei", erinnert sich Dahlke, "Das sei auch die Farbe der Burkas. Burka-Blue. Das fanden wir so toll, dass wir alle gemeinsam kurz darauf den Text geschrieben haben."

Der Videodreh gestaltete sich allerdings hindernisreicher als erwartet. Obwohl sich mittlerweile eine gewisse Liberalität in dem Wüstenstaat ausbreitet, ist das Filmen einer Frau, die eine Burka trägt, immer noch ein absolutes gesellschaftliches Tabu. So musste der ursprüngliche Plan, die Mädchen in den blauen Umhängen über den Basar tanzen zu lassen, schnell wieder fallen gelassen werden, da dies für alle Beteiligten zu gefährlich gewesen wäre. Die Außenaufnahmen wurden daher kurzerhand vor die Stadt verlegt.

Burka-Band-Gitarristin (im Videoclip): Spiel mit Masken und Verkleidungen

Burka-Band-Gitarristin (im Videoclip): Spiel mit Masken und Verkleidungen

Aber auch die Filmsequenzen, die die Mädchen in Burkas an den Instrumenten zeigen sollten, kamen nicht ohne Schwierigkeiten in den Kasten. Frank Fenstermacher: "Wir hatten den Proberaum abgeschlossen, um in Ruhe filmen zu können, alle drei Minuten trommelten nun aber die draußen stehenden jungen Männer gegen die Tür, da ihre Vorstellungen, was ein paar Männer mit ein paar Mädchen hinter verschlossenen Türen wohl treiben würden, doch sehr eindimensional waren. Wir mussten sie also alle paar Minuten hereinschauen lassen, damit sie sich vergewissern konnten, dass alles in Ordnung war."

Letztlich war das Spaßprojekt um die blauen Gewänder aber nur ein kleiner Teil des Know-how-Transfers am Hindukusch: Afghanische Musiker wurden im Crash-Kurs zu Musikproduzenten geschult und erlernten das Schneiden und Arrangieren von Tonstücken an modernen Harddisc-Recordern, obwohl sie niemals zuvor an einem Computer gesessen hatten. "Das war mit mehr Aufwand verbunden, als ich gedacht hatte", gesteht Kurt Dahlke.

Zurück in Deutschland übergab man die Aufnahmen von Burka Blue schließlich dem befreundeten Label Monika Enterprise, das eine Serie Vinyl-Singles davon pressen ließ, und eigentlich hätte die Geschichte hier zu Ende sein können, wenn die Aufmerksamkeitsökonomie nicht doch ab und zu einmal seltsame Wege nehmen würde.

So brodelte und gärte das kleine Liedchen wochen- und monatelang im Untergrund vor sich hin, geriet Club- und Radio-DJs in die Hände und fand seinen Weg schließlich in die Hörerherzen, bis diesen Sommer die Wüsten-Welle schließlich an die Oberfläche schwappte. Bis auf weiteres wird dieses Unikum wohl auch ein Unikat bleiben: Der staatlich geförderte Stabilitätsfond Afghanistan, der Projekte wie den Kabuler Musik-Workshop ermöglicht hatte, läuft dieses Jahr aus.

Somit ist Burka Blue zwar ein Beweis für das Funktionieren kleiner, unbürokratischer, kulturübergreifender Aktionen, bleibt aber andererseits auch lediglich ein Souvenir. Gute Popmusik hatte indes noch nie Angst vor großen Gefühlen, und wer genau hinhört, der kann auch bei dieser afghanogermanischen Pop-Miniatur, zwischen Sprechgesang und Stolperrhythmus spüren, wie dort ein großes Gefühl mitschwingt: Hoffnung.



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