Pop! Rentner, Revival, Recycling

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In nur 14 Minuten wurden alle 150.000 Tickets für zwei Konzerte der Stone Roses verkauft. Das ist nur das neueste Beispiel für das Phänomen des Retro-Reycling-Pop. Die Frage ist: Für wen lohnen Wiedervereinigungen sich wirklich? Für finanzschwache Musiker oder für deren Fans?

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Zweite Chance

Als The Eagles 1980 nach endlosem Zank getrennter Wege gingen, keifte Sänger Don Henley zum Abschied, dass schon die Hölle zufrieren müsste, damit diese Band jemals wieder zusammen finde. 1994 gab es dann doch eine Comeback-Tournee der Eagles, und die hieß konsequenterweise "The Hell Freezes Over Tour".

Ähnlich vehement wie der kalifornische Soft-Rocker beschworen die britischen Lads Ian Brown und John Squire, dass eine Wiederauflage ihrer legendenumwobenen Band The Stone Roses unvorstellbar sei. Auf jede Journalisten-Frage zu diesem Thema folgten unvermeidlich Geschichten über Enttäuschung, Verrat und zertrümmerte Freundschaften. Es erschien glaubhaft, dass das legendäre Rave-Britpop-Quartett aus Manchester, dessen Debütalbum als moderner Klassiker gilt (und deren zweite und letzte Platte als trauriger Witz!) tatsächlich ein für alle Mal Geschichte war.

Bis sich vor zwei Wochen alles änderte: Die Stone Roses kündigten bei einer überraschend einberufenen Pressekonferenz in London für 2012 zwei Reunion-Shows in Manchester und eine anschließende Welttournee in Originalbesetzung an. Dass erstaunlich viele Menschen die Wiederauferstehung dieser Rave-Rentner beglückt, belegt schon die Tatsache, dass die 150.000 Tickets für die beiden Auftritte in Manchester innerhalb von vierzehn Minuten verkauft worden waren.

Selbstverständlich wird nun auch darüber diskutiert, wie würdevoll oder eben würdelos diese Neuauflage ist. Und ob Helden von Gestern ihren guten Ruf heute für eine Handvoll Pfund ruinieren dürfen. Ein unterhaltsamer und interessanter Beitrag dazu findet sich im Blog des "Guardian". Da erinnert der Autor daran, dass nicht jeder bekannte Musiker automatisch Reichtümer angehäuft hat und fordert Verständnis für von Geld motivierte Entscheidungen. Auch an die Chance, zerstörte Freundschaften auf die alten Tage zu kitten, erinnert er zurecht. Aber letztlich ist auch diese Debatte nur ein Puzzleteil im großen Pop-Thema dieser Saison, der Retro-Recycling-Kultur der Gegenwart. Es ist tatsächlich sehr auffällig, wie viele eingestellte Bands zuletzt wieder loslegten: Pulp, Blur, Suede, Pavement und viele mehr. Take That mit Robbie Williams (schon wieder vorbei) oder in Deutschland die Absoluten Beginner.

Bleibt die Frage, welche Künstler sich der Wiedervereinigung verweigern. Abba zum Beispiel, die sich selbst für einen Milliardenbetrag nicht locken ließen. Aber die brauchen eben kein Geld. Auch Morrissey ist reich und pfeift auf die von vielen ersehnte Wiederkehr von The Smiths. Auch auf Led Zeppelin, Talking Heads und Pink Floyd sollte keiner warten. Oder doch?

Zeitlupen-Comeback

Wirklich überraschend kommt nun kurz vor Ende des Jahres ein kaum noch erwartetes Lebenszeichen: Das amerikanische Zeitlupen-Rock-Duo namens Mazzy Star meldet sich zurück. Die kamen in der ersten Hälfte der Neunziger mit Songs wie "Fade Into You" (sogar von Nena gecovert!) zu Ruhm. Aber Ende der Neunziger hatte die schöne Sängerin Hope Sandoval keine Lust mehr und zog sich zurück. Seitdem wuchs die Legende, ihre Alben sind Dauerseller, ihre Songs surren beständig durch Hollywood-Filme und hippe TV-Serien. Nun kündigt Sandoval auf ihrer Web-Seite für den 31.10. eine frische Mazzy-Star-Single an. Ein Album soll folgen. Man darf gespannt sein.

Madonna Protest

Dass Madonna-Hits mal als Protestlieder taugen, hätte man auch nicht gedacht. Aber inmitten des "Occupy Wall Street"-Gewusels tauchten jüngst Sean Ono Lennon und sein Kumpel Rufus Wainwright auf und trällerten zur Freude der Protestler Madonnas "Material Girl", was auf YouTube zu bestaunen ist. Auch John Lennon wäre begeistert!

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Komisch
avada~kedavra 28.10.2011
muss jede "Wiedervereinigung" von Künstlern/Bands automatisch in die Schublade Retro-Revival gestopft werden? Sehen "wir" es doch als das was es ist: ein legitimer Versuch sich über den Ruhm vergangener Tage nochmal das Finanzpolster zu erhöhen. Was hören wir dann demnächst von/über U2, wo Bono im Rolling-Stone Magazine nebulös orakelte, "ihm sei nicht ganz klar wohin sich U2 weiterentwickelt und er mehr Zeit mit Frau und Kindern verbringen will." Auch Edge äußerte sich ähnlich: "kann sein, dass man demnächst was neues von U2 hört, kann aber auch sein, dass nicht." Heißt dass für die schreibende Zunft U2 lösen sich auf und in einem Jahr - wenn dann was erscheint - sind sie im Retro-Revival frisch vereint? Lötzinn und Schwachfug!
2. Geldmacherei
!!!Fovea!!! 28.10.2011
Zitat von sysopIn nur 14 Minuten wurden*alle 150.000 Tickets für zwei Konzerte der Stone Roses verkauft. Das ist nur das neueste Beispiel für das Phänomen des Retro-Reycling-Pop. Die Frage ist: Für wen lohnen Wiedervereinigungen sich wirklich? Für finanzschwache Musiker oder für deren Fans? http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,794431,00.html
Die Rolling Stones machen doch alle Jahre wieder "ein Comeback" bzw. eine "definitve letzte Worldtour" und es zahlt sich aus..... Damit ist doch die Frage beantwortet, wem es nützt...., oder? Hut ab vor "Abba", deren große Mio. - Beträge versprochen wurden, damit es eine Re-Union gibt und die haben abgelehnt. Und da ist noch keiner gestorben, es gibt halt doch Bands, die ihren Ruf nicht mehr beschädigen wollen! Wer will den R. Plant von Led Zeppelin tatsächlich sehen bzw- hören....mit fast 70 Jahren...!
3. Titel startet Comeback
tomkey 28.10.2011
Zitat von !!!Fovea!!!Wer will den R. Plant von Led Zeppelin tatsächlich sehen bzw- hören....mit fast 70 Jahren...!
Ich ! Als Solo-Künstler ist der immer noch sehr erfolgreich! Und gibt tolle Konzerte! Wobei es aus bedauerlichen Gründen kein Revival oder Comeback von Led Zeppelin geben kann. Außerdem besteht für mich ein Unterschied zwischen einem Revival und einem Comeback. Starten Bands wie "Stone Roses" eine Revival, um ihre Wiedervereinigung mit einer Tour zu feiern, ist ein Comeback für mich eher ein Neustart einer bestehenden Band (z.B. Mazzy Star, My Bloody Valentine). Neuveröffentlichungen gehören zwangsläufig dazu. Geldschneiderei würde ich den Bands meist nicht vorwerfen. Es kommt eben darauf an, ob man die Bands mag oder auch nicht. Auf die Stone Roses Tour u. die neue Mazzy Star Single bin ich schon gespannt.
4. The Jam
nidst 28.10.2011
Einer fehlt noch in der Auflistung legendärer Bandgründer die niemals ihre Band, die sie berühmt machte, wiedervereinen würden, auch wenn es die anderen Mitglieder sich sehnlichst wünschen: Paul Weller und The Jam Weller gebührt Dank, dass er somit das Erbe hochhält und den Mythos am Leben lässt.
5. ....
Heinzel 28.10.2011
Zitat von !!!Fovea!!!Wer will den R. Plant von Led Zeppelin tatsächlich sehen bzw- hören....mit fast 70 Jahren...!
Vielleicht alle, die im gleichen Alter sind wie er selbst, und sich noch immer für RocknRoll interessieren?
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Zur Person
Isa Kreitz
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.
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