Pop-Trend Auto-Tune Rappen wie ein Roboter

Haben Sie's auch im Ohr, dieses metallische Quengeln? Immer mehr R&B- und HipHop-Stars nutzen für ihre Hits den Stimmeffekt Auto-Tune. Warum nur wollen Stars wie Akon, Kanye West und P. Diddy klingen wie ein Roboter?

Von Jonathan Fischer


Er ist derzeit der wohl meistkopierte wie auch meistgehasste Künstler der Popwelt: T-Pain. Nie gehört? Das ist der Mann, dessen metallisch verzerrter Singsang in den Charts allgegenwärtig ist und dessen Lieblingsspielzeug Auto-Tune Radiohörer mit einer Flut von synthetisierten Gesangslinien überschwemmt: Von Lil Waynes "Lollipop" über Snoop Doggs "Sensual Seduction" bis zum aktuellen Album "808 & Heartbreaks" von Kanye West scheint niemand mehr auf den sogenannten T-Pain-Effekt verzichten zu wollen.



Billige Kirmeskunst lästern die Kritiker - und hören nur noch roboterhaftes Quengeln, wo einst menschlich-warme Vokalkunst erklingen sollte. Dem gegenüber steht die Abstimmung an der Ladentheke. Und da scheinen die Fans T-Pain seit seinem ersten Gebrauch des Wunderwerkzeugs Auto-Tune für einen Mixtape-Auftritt im Jahre 2003 recht zu geben.

Was mit der Suche des Sängers aus Florida nach einem eigenen Wiedererkennungseffekt begann, löste einen Trend aus, der die Popmusik der vergangenen Jahre definierte und die Top Ten der HipHop- und R&B-Charts zunehmend wie einen einzigen T-Pain Song klingen lässt. Akon und Chris Brown, P. Diddy und Flo Rida bilden nur die Speerspitze der Nachahmer.

Inzwischen scheint zumindest ein metallisch verfremdetes Gesangsintermezzo Pflicht für einen HipHop-Hit - während die Rapper T-Pain und Kanye West wohl erst dank Auto-Tune überhaupt als Sänger bezeichnet werden dürfen: Schließlich sind beide nicht gerade für ihre Naturstimmen berühmt. Sie benutzen daher Auto-Tune in einer Weise, für die das Gerät ursprünglich gar nicht gedacht war.


Andy Hildebrand, ein Geophysiker von der Michigan State University hatte die Software ursprünglich als unauffälliges Stimmhöhen-Korrektiv für Musiker entworfen. Dabei kam ihm seine jahrzehntelange Arbeit für die Erdölindustrie zugute: Mit elektroakustischen Geräten hatte er seismische Daten gewonnen und ausgewertet. Nun benutzte er Teile der Technologie, mit der er auf der Suche nach Erdöl Echomuster im Inneren der Erde abgehört hatte, für seine Studio-Software.

Als er 1996 einen Prototypen von Auto-Tune auf einer Industriemesse ausstellte, rissen ihm die Kunden seine Erfindung wortwörtlich aus der Hand. Die Musikindustrie adoptierte Auto-Tune umgehend, redete aber kaum darüber: Schließlich forderte sein Verwendungszweck - die Korrektur von nicht ganz getroffenen Gesangsnoten - schon im Sinne des Künstlers äußerste Diskretion. "Auto-Tune", erklärt Hildebrand, "gleicht die Stimmhöhe des Künstlers mit der nahe liegendsten korrekten Note der Tonleiter ab."

Stars mit Zerrung

Doch das ist für T-Pain, Kanye West und Co. mehr Nebensache. Sie manipulieren zusätzlich die Geschwindigkeit, mit der das Gerät seinen Output dem Input anpasst. So entsteht der berüchtigte roboterähnliche Effekt, das erste Mal nachzuhören auf Chers Hit "Believe" von 1998. Da verzerrt Auto-Tune die Gesangslinie von "I Can't Break Through" - und simuliert parallel zum Inhalt des Textes einen kontrollierten Kontrollverlust, ein Abrutschen in die emotionale Kältezone.

Die Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. Kid Rock benutzte den Effekt noch im selben Jahr auf "Only God Knows Why", Madonna setzte ihn auf ihrem Album "Music" (2000) ein und selbst jamaikanische Dancehall-Singles machten davon zunehmend Gebrauch.

Als T-Pain 2005 mit synthetisierter Stimme die Hits "I'm Sprung" und "I'm N Luv (Wit A Stripper)" einspielte, hielten die meisten Beobachter das Phänomen noch für ein kurzlebiges Gimmick. Das gilt sogar für T-Pain selbst: "Ich konnte mir nicht vorstellen, mehr als ein Album auf diese Weise aufzunehmen", erinnert sich der in Atlanta lebende Sänger, Songwriter und Produzent. "Mein Auto-Tune-Einsatz wirbelte so viel Hass auf. Ich fühlte mich nicht akzeptiert und bereitete meinen Ausstieg aus dem Musikbusiness vor."

Heavy Metal in der Stimme

Drei Jahre später aber ist T-Pain besser im Geschäft als je zuvor: Seine metallisch verzerrten Gesangslinien haben ihm bereits ein knappes Dutzend Nummer-Eins-Hits beschert und inspiriert eine immer noch wachsende Schar von Jüngern. Kanye West ließ den "Auto-Tune King" für fünf Tage nach Hawaii zur Produktion von "808s & Heartbreaks" einfliegen. Und P. Diddy beteiligte T-Pain gar mit einem halben Prozent am Gewinn seines neuen Albums - "weil er mir bestimmte Tricks verraten hat".

Dabei ist der Auto-Tune-Effekt im Gegensatz zu der bereits in den achtziger Jahren von Roger Troutman (Zapp) und Teddy Riley benutzten Talkbox äußerst einfach zu bedienen: Beim Vocoder musste der Musiker parallel zum Gesang in einen Schlauch noch auf dem Keyboard oder der Gitarre die gewünschten Noten spielen. Etwa zur gleichen Zeit wurden auch Vocoder-Effekte, bei denen die Stimme über ein Mikrofon und einen Synthesizer elektronisch verfremdet wird, populär. Von Stevie Wonder und Prince bis hin zu Alan Parsons und Jeff Lynnes Electric Light Orchestra nutzten den Auto-Tune-Vorläufer.

Mit Hildebrands Erfindung ist es so einfach wie die Verzerrung einer E-Gitarre geworden. Dessen Firma Antares Audio Technologies hat bereits Konsequenzen aus dem Boom gezogen und rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft eine nur 99 Dollar kostende Billigversion in die Musikfachgeschäfte gebracht.

Ob das nicht bald zu einer akustischen Übersättigung des Marktes führen wird? Auf seinem jüngsten Album "Thr33 Ringz" zeigt sich T-Pain selbst für einen Moment seiner eigenen Masche überdrüssig. Er beschimpft seine Imitatoren als Abstauber und wagt es, einen intimen Song namens "Keep Going" in seiner normalen Singstimme zu absolvieren. Schließlich hat der Sänger schon verraten wie sein nächstes Werk heißen wird: "T-Pain Is Dead".



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