Pop-Veteran Brian Eno "Meine Generation ignoriert das Alter"

2. Teil: "Erfolg ist immer euphorisierend"


SPIEGEL ONLINE: Paul Simon hat berichtet, dass Sie ihn zum Einkaufen oder Spazierengehen geschickt haben, bevor Sie sich über seine Lieder hermachten. Warum?

Eno: In England gibt es ein Sprichwort, dass frei übersetzt bedeutet, dass man nicht dabei sein sollte, wenn Politik oder Würstchen gemacht werden. Was ich damit sagen will: Die Drecksarbeit immer lieber alleine machen. Dann muss ich nicht erklären, warum ich etwas verändere oder gar aussortiere. Nehmen sie Paul Simon. Paul ist ein sehr nervöser Freund, der sitzt dann neben mir, trommelt mit den Fingern auf dem Tisch, während ich in Ruhe etwas zerlegen will. So etwas kann nicht funktionieren. Also schicke ich ihn dann ein paar Stunden shoppen und arbeite in Ruhe weiter. Bei manchen Melodien, die er mir vorgespielt hat, war nur der Drum Track interessant. Den habe ich dann so lange verfremdet, bis ich wirklich begeistert war. Manchmal reicht ein Ton. Den hört man und weiß, dass er eine aufregende Melodie trägt. Später kann man daraus ein Lied basteln.

SPIEGEL ONLINE: Aller Geldsorgen sollten Sie längst enthoben sein. Wie wichtig ist für Sie noch der kommerzielle Erfolg einer neuen Platte?

Eno: Erfolg ist immer euphorisierend. Das neue Album lief bereits als Download so gut, dass wir in der Gewinnzone waren, bevor es den physischen Tonträger überhaupt zu kaufen gab. Aber auch der sehr überraschende kommerzielle Erfolg meines iPhone-Programms "Bloom" hat mich gefreut, und damit meine ich nicht den finanziellen Effekt. "Bloom" vereint viele Ideen, an denen ich seit Jahren gearbeitet habe. Nun ist es fertig und findet offensichtlich ein großes Publikum - das ist einfach befriedigend.

SPIEGEL ONLINE: Dank "Bloom" kann sich nun wirklich jeder Amateur flauschige Ambientklänge für den Heimgebrauch programmieren. Ihre Kollegin, die Künstlerin und Musikerin Laurie Anderson, hat beklagt, dass moderne, preisgünstige Technik Unmengen an schrecklicher Amateurmusik provoziert. Die Tochter ihrer Therapeutin hätte sie mit grotesken, selbstproduzierten Songs belästigt. Verstehen Sie ihren Ärger?

Eno: Dieses Phänomen erinnert mich an die Evolution der Fotografie. In den Anfangstagen war es sehr schwierig und aufwendig, ein Bild zu fotografieren und zu entwickeln. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte man dann schon Kodak-Einwegkameras. Auf einmal konnte jeder Bilder schießen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass 96 Prozent aller Fotos, die täglich entstehen, absoluter Schrott sind - na und? Mit Musik läuft es genauso. Wir werden bald in Melodien und Liedern schwimmen. Aber letztlich interessiert man sich trotzdem nur für die guten Bilder und Musiken. Trotzdem kann ich Laurie gut verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wer quält Sie mit Amateurmusik?

Eno: Mehr Menschen als Sie sich vorstellen können. Gerade letzte Nacht habe ich wieder so eine CD bekommen. Von einem Freund, der Wissenschaftler ist und zuletzt in einen sehr hässlichen Rechtsstreit verwickelt war. Ein sehr guter und teurer Anwalt hat ihm geholfen da rauszukommen. Und als Honorar haben die beiden ausgehandelt, dass mein Freund eine CD mit Liedern dieses Juristen an mich weiterleitet.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie da je reinhören?

Eno: Widerstrebend, aber ja. Die Hülle lässt Countrymusik erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Sie veröffentlichen nur noch unregelmäßig eigene Platten. Haben Sie noch Freude am Musikmachen?

Eno: Ehrlich gesagt: mehr denn je. Es ist so einfach geworden, Musik zu veröffentlichen, seit man sich nicht mehr mit Plattenfirmen abquälen muss. Und das macht einen gewaltigen Unterschied! Die Direktheit dieser Tage ist aufregend. Keine nervtötenden Meetings mit Büromenschen mehr, die sich beschweren, dass ein Track zu lang oder kompliziert ist. "Bloom" haben ich und Peter Chilvers alleine fertiggestellt, und ein paar Tage später gab's das Tool auf der Website von Apple zum Runterladen. Einfach so! Keine Werbung! Die Leute haben es entdeckt, sich gefreut und es weitererzählt. Ohne ein Interview oder Marketingkampagne wurde das zum Hit. Auf Youtube gibt es schon ein paar Dutzend Filme, in denen Benutzer ihre Tricks vorstellen. Werbung, die andere umsonst für dich machen, und du musst keinen Finger rühren. Davon habe ich immer geträumt. Das ist die Zukunft!

Das Interview führte Christoph Dallach


David Byrne & Brian Eno – "Everything That Happens Will Happen Today" - erschienen bei Essential Music/Indigo



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.