Pop-Veteran Brian Eno "Meine Generation ignoriert das Alter"

Väterchen Pop: Brian Eno hat als Musiker und Produzent die Popwelt geprägt - von David Bowie bis Coldplay. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über nervtötende Büromenschen, selbstentwickelte iPhone-Programme - und warum er noch immer nicht Pfeife raucht wie sein Vater.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Eno ...

Eno: Schön, dass Sie mich besuchen. Aber was wollen Sie von mir? Müssen wir über irgendetwas Bestimmtes sprechen? Und wenn ja, über was? Sie könnten sich auch mit meinem Kater Kofi unterhalten und ich arbeite dann solange.

SPIEGEL ONLINE: Die fabelhafte CD "Everything That Happens, Will Happen Today", die sie mit ihrem alten Kumpan, dem Ex-Talking-Heads Sänger David Byrne eingespielt haben, ist gerade veröffentlicht worden. Schon vergessen?

Eno: Ehrlich gesagt: ja! Sobald etwas fertig und abgeschlossen ist, verdränge ich es. Ich habe immer so viel vor, dass da einfach kein Platz in meinem Kopf mehr ist. Außerdem arbeite ich immer sehr intensiv an meiner Musik. Wenn sie dann erschienen ist, mag ich sie mir für eine Weile nicht mehr anhören. Monate oder Jahre später erinnere ich mich dann wieder und beschäftige mich erneut damit.

SPIEGEL ONLINE: Das Album haben Sie mit David Byrne gemeinsam aufgenommen. Er saß in New York, Sie in London. Verbunden waren Sie nur über ihre Computer. Sie schickten ihm Melodien, er schrieb Texte und sang sie ein. Ist das die moderne Art, Musik zu produzieren?

Eno: Exakt. Wir konnten uns beide so viel Zeit für die Arbeit an den Liedern nehmen, wie wir wollten. Und wir haben uns sehr viel Zeit damit gelassen, was enorm entspannend war. Der Nachteil dieser Methode ist natürlich, dass man nicht diese gemeinsamen tollen Geistesblitze haben kann, die entstehen, wenn zwei Menschen sich so gut kennen und verstehen wie ich und David. Zwei Lieder des Albums haben wir am Ende gemeinsam eingespielt. Man hört den Unterschied deutlich.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Jahren verkündeten Sie das Ende der CD und damit der Idee eines Albums überhaupt, weil sich alle nur noch einzelne Songs aus dem Internet laden würden. "Everything That Happens, Will Happen Today" erscheint als reguläre CD. Waren Sie zu voreilig oder sind Sie sentimental?

Eno: Ich bleibe dabei, dass Musik zunehmend individuell zusammengestellt werden wird. Andererseits hören die meisten Menschen ihre Musik immer noch so, wie sie ihnen auf einem Tonträger serviert wird. Diese Tatsache zu ignorieren, wäre dumm. Also haben David und ich wieder eine CD präsentiert. Aber wenn man schon eine Abfolge von Liedern festlegt, muss sie auch stimmig sein, was für uns viel Arbeit bedeutet hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neues Album zählt zu den spannendsten Veröffentlichungen in diesem Jahr. Gerade sind Sie 60 geworden, David Byrne ist auch schon 57. Was sagt das über die vermeintlich ewig junge Popwelt aus, wenn zwei Männer, die auf die Rente zusteuern, noch Akzente setzen können?

Eno: Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, aber so ungewöhnlich ist das gar nicht. Im Jazz zum Beispiel waren die Alten schon immer wichtig. Mit 50, 60 oder 70 konnte man gute und wichtige Jazzplatten machen, ohne weiter aufzufallen. Für Country und natürlich Klassik gilt das noch länger. Pop hat nun aufgeschlossen, was auch daran liegt, dass es ein relativ neues Genre ist und es früher alte Pop-Musiker schlicht und ergreifend nicht gab. Als Pop noch jung war, war ich es ebenso. Außerdem zählt die Altersgrenze nicht mehr so. Alter wird heute von meiner Generation ignoriert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater hat die Rente noch freudig hingenommen?

Eno: Mit 60 war mein Vater Rentner und strahlte die Würde eines Mannes aus, der seine Arbeit erledigt hat und in seinem Lieblingssessel mit einem Pfeifchen seine Tage beschließen will. Damit war er zufrieden. Ich bin noch lange nicht zufrieden, und ich behaupte, dass das für meine ganze Generation gilt. Warum soll man seine kostbare Zeit nutzlos vertun?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also noch nie über den Ruhestand nachgedacht?

Eno: Im Gegenteil, ich zermartere mir täglich den Kopf darüber.

SPIEGEL ONLINE: Ist das jetzt Ironie?

Eno: Ich schwöre, dass es die Wahrheit ist. Ich strebe einen Teilruhestand an. Musik zu spielen und zu schreiben versetzt mich nach wie vor in glückliche Euphorie. Ich will aber damit aufhören, andere Künstler zu produzieren. Es war immer toll, mit U2 und anderen Musikern an ihren Platten zu arbeiten, aber es wird mir leider zu anstrengend. Es ist eine langsame und nervenaufreibende Tätigkeit - auch wenn sie irrwitzig gut bezahlt wird. Aber mit zunehmendem Alter empfinde ich es wirklich als Zeitverschwendung. Dabei haben sie bei den Brit Awards gerade einen Preis für den Produzenten des Jahres eingeführt, den ich durchaus gewinnen könnte.



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