SPIEGEL ONLINE: Ein Aspekt, den Sie in Ihrem Buch streifen, ist die Idee, dass sich manche Leute auf Retro stürzen, um der Hyper-Konsumkultur zu entkommen, die einen dazu bringen will, ständig neue Dinge zu kaufen.
Reynolds: Nur eine Vermutung. Rockabilly-Leute zum Beispiel sind Hyper-Konsumenten - die sammeln wie besessen Platten und sind bereit, sehr viel Geld dafür auszugeben. Die entkommen der Konsumkultur nicht, die steigen nur aus dem aktuellen Markt aus.
SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt soziale Abgrenzung bei Retro-Phänomenen?
Reynolds: Zumindest in den USA und Großbritannien scheinen Retro und Vintage klassenspezifisch zu sein. Je mehr Geld die Leute haben, desto stärker interessieren sie sich für alte Dinge - und je weniger sie haben, desto mehr mögen sie neue Sachen. In Großbritannien begeistern sich die herrschenden Klassen zum Beispiel für die Jagd - also etwas, das dem 17. Jahrhundert entstammt. Dahinter steckt der Wunsch, dass wieder eine Zeit kommt, in der jeder weiß, wohin er gehört.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch fehlt eine tiefergehende Auseinandersetzung damit, wie Pop- und Jugendkultur verzahnt sind. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Alter und Wertschätzung von Pop?
Reynolds: Einen Krieg der Generationen scheint es nicht mehr zu geben. Musiker erzählen häufig, dass ihre Mutter sie auf Velvet Underground gebracht hat. Die Frage ist eher: Was tun, wenn man coole Eltern hat? Eine Option ist es, sich gar nicht für Pop zu interessieren. Mein Sohn ist elf Jahre alt, und ich glaube, dass Musik für ihn verdorben ist - schließlich ist sein Vater Rockkritiker und hört seltsame Musik, zu der er seltsam tanzt. Mein Sohn interessiert sich eher für Computerspiele und Social Media. Musik ist da nur ein Inhalt, den er zwischen verschiedenen Medien hin- und herbewegt. Meine Generation dagegen hat Musik stets als das Zentrum erachtet. Das sieht man auch in anderen Kulturbereichen. Dem Hollywood der Siebziger merkt man an, dass es glaubte, Rockmusik und nicht Film wäre das wahre Ding. Diese Einstellung findet man so nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Beschweren sich also nur noch Ältere über Retro-Hypes - weil sie die Einzigen sind, die noch Erwartungen an Pop- und Rockmusik haben?
Reynolds: Kann sein. Aber ich kenne auch viele junge Leute, die unzufrieden sind. Die haben ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein, was Musik betrifft, und die haben die Legenden über super-innovative Phasen wie Rave oder Post-Punk gehört. Nur Leute, die sich nicht weitergehend für Musik und ihre Geschichte interessieren, sehen keinen Grund zur Besorgnis. Die glauben, dass es schon immer so war.
SPIEGEL ONLINE: Beunruhigt Sie das?
Reynolds: Ja. Die Leute scheinen sich gar nicht mehr vorstellen zu können, dass es mal eine Zeit gab, in der Pop innovativ und richtungweisend war. Heute heißt es: "Die Stones haben sich ihre Blues-Riffs auch nur zusammengeklaut". Aber darum geht es nicht. Ich beschwere mich nicht, dass Leute Einflüsse haben oder Ideen aus der Vergangenheit aufgreifen. Ich beschwere mich, dass ein großer Teil der zeitgenössischen Rockmusik nur die eigene Geschichte nachempfindet und ihr nichts hinzufügt.
SPIEGEL ONLINE: Was motiviert Sie, weiter nach neuer Musik zu suchen?
Reynolds: Ich habe immer geglaubt und tue es noch, dass Musik die entscheidende Kunstform ist - die, an der man sozusagen die Zeit ablesen kann. Jetzt muss man sich fragen, ob es nicht hinfällig ist, Musik so zu betrachten. Die vergangenen zehn Jahre haben Stillstand produziert. Wirtschaftlich überhaupt nicht, da waren die Umwälzungen gigantisch - vergleichbar mit der Industriellen Revolution. Vielleicht muss es da erst wieder eine Angleichung geben. Ich bin neugierig darauf, was passiert. Wenn eine Generation heranwächst, die gar kein Gespür für Geschichte hat, kann es gut sein, dass sie richtig interessante und seltsame Musik produziert.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie versöhnlicher als in Ihrem Buch.
Reynolds: Klar, ich glaube immer noch, dass die Zukunft vor uns liegt. Pop wird den Menschen immer viel bedeuten. Menschen sind außerdem sehr schlau. Sie werden Musik ihren Zwecken anpassen. Und vielleicht passiert es ja auch genau in diesem Moment.
Das Interview führte Hannah Pilarczyk
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