Pop-Vordenker Reynolds "Musik ist die entscheidende Kunstform"

Sixties-Soul, Seventies-Rock, Eighties-Disco: Pop schaut nur noch rückwärts. Der Musik-Vordenker Simon Reynolds hat jetzt ein Buch über diese "Retromania" verfasst. Im Interview spricht der Kritiker über unsere Sehnsucht nach dem Gestern - und den Fluch von Internet und iPod.

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Im Kino läuft die Siebziger-Jahre-Hommage "Super 8", das Radio spielt Amy Winehouses Sixties-Soul, das Fernsehen dreht von "3 Engel für Charlie" bis "Dallas" seine größten Serienerfolge noch einmal, und auf den Straßen tragen junge Menschen den Vintage-Chic von Urban Outfitters: Nie war die Vergangenheit präsenter als heute. Doch was heißt das? Fliehen wir vor der Gegenwart?

Der gefeierte englische Musikkritiker und Pop-Vordenker Simon Reynolds (siehe "Zur Person") beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch "Retromania" (bislang nur auf Englisch bei Faber and Faber erschienen) mit der Vergangenheitsbesessenheit der Popmusik. Sein Bogen reicht dabei von der überraschenden Rückwärtsgewandheit vieler Punk-Musiker bis zum gespenstisch-cleveren Retrosound von Künstlern wie Oneohtrix Point Never.

"Retromania" ist präzise in der Beobachtung und kontrovers in der Analyse. Deshalb startet SPIEGEL ONLINE eine Artikelserie: Stimmt es, dass Popmusik retrofixiert ist? Und was ist mit anderen Kulturbereichen - mit Kino, Fernsehen, Mode, Architektur? Sind auch sie im Griff der Vergangenheit? Zum Auftakt: Simon Reynolds im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reynolds, seit wann leben wir im Gestern?

Reynolds: Das Gefühl überkam mich um 2004, als ich ein Buch über Post-Punk schrieb. Post-Punk als historische Periode franste ziemlich aus, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass diese innovative Phase zu einem Ende kam und zwar als Bands aufhörten, über die Zukunft zu reden und anfingen, sich auf die Sechziger zu beziehen - REM klangen zum Beispiel plötzlich wie die Byrds. Das brachte mich zum Nachdenken über Retro- und Revival-Kultur. Akut stellte sich diese Frage mir aber erst, als diese "Don't look back"-Konzerte aufkamen, bei denen Bands ihr erfolgreichstes Album komplett durchspielen.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn des Buchs zählen Sie in einer fast endlosen Liste auf, was für Künstler alte Musikstile imitieren, welche Bands sich wiedervereinigt haben und welche angefangen haben, wieder altes Material zu spielen (siehe Fotostrecke). Hat Sie die Recherche dafür deprimiert?

Reynolds: Nein, eher noch mehr fasziniert. Ich hatte Rock und Pop immer mit Innovation assoziiert, nie mit Nostalgie. The Who sangen doch "Hope I die before I get old", die Beatles "Tomorrow never knows". Das waren Songs über das Jetzt. Je mehr ich aber recherchierte, desto komplexer stellte sich mir das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Pop dar. Tatsächlich enthielt Pop immer ein nostalgisches Moment. Schon in den sechziger Jahren waren viele überzeugt, dass die Fünfziger die besten Zeiten von Pop waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich auch mit vergangenen Retro-Hypes und zeigen, wie sehr sich Punk beim Garagen-Rock der Sechziger bediente. Das scheint für Sie akzeptabler zu sein. Was ist heute anders?

Reynolds: Ich wollte erkunden, wie sich Pop mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Aber erst, als ich das Buch abschloss, habe ich verstanden, dass Pop nie nur eins ist - modern oder postmodern. Es ist beides zugleich. Es gab immer schon zwei Fraktionen, die um die Seele von Pop und Rock gestritten haben. Die eine ist modernistisch, fortschritts- und zukunftsorientiert, die andere nostalgisch, auf Rückschritt bedacht. Pop war Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger am fortschrittlichsten. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde in der Kunst und der Architektur zum ersten Mal über die sogenannte Postmoderne diskutiert. Während sich die Musik auf dem Höhepunkt des Fortschritts fand, wurde Modernismus in anderen Kultursparten bereits als tot angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen die aktuelle Vergangenheitsfixiertheit vor allem auf das Internet zurück und nennen es "Anarchiv", weil es unendlich viel Material speichert, ohne es zu ordnen. Was genau stört Sie an der Digitalisierung?

Reynolds: Ich war einer der ersten Rockkritiker mit eigener Website, ich habe wie wild Musik runtergeladen, außerdem habe ich eine absurde Anzahl an Blogs. Aber wie viele Enthusiasten der ersten Stunde habe ich gemerkt, dass das Internet Auswirkungen darauf hat, wie man Dinge wahrnimmt und sie schätzt. Ich bin nicht der Einzige, der denkt: "Ich hör mit dem Internet auf." Viele Leute ziehen sich zurück und schließen ihre E-Mail-Konten, weil sie das Gefühl haben, schlechte Partner oder Eltern zu werden. Sie sind ständig vernetzt, verlieren aber den Kontakt zu ihrer direkten Umgebung.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie es sich als professioneller Musikkritiker überhaupt erlauben, "mit dem Internet aufzuhören"?

Reynolds: Nein, tatsächlich habe ich mir gerade einen neuen, leistungsstärkeren Computer gekauft. Die Digitalkultur hat aber viel von der Freude, die man aus neuen Musikformen ziehen konnte, zerstört. Das liegt daran, wie leicht man heute an Massen von Musik kommen kann. Eine der vorherrschenden Ideologien unserer Zeit ist Bequemlichkeit. Je besser sich ein Produkt unseren Wünschen und Bedürfnissen anpasst, desto mehr wird es geschätzt. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die es sich nicht so leicht machen wollen. Die sich auf altmodische Tonträger stürzen - zum Beispiel Platten oder Kassetten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Problem also gar nicht, dass es nicht genug innovative Musik gibt - sondern dass wir gar nichts von ihr mitbekommen, weil wir mit unseren iPods beschäftigt sind?

Reynolds: In gewisser Weise ja. Das Internet bietet diese verrückte Auswahl an, und das treibt die Menschen auseinander. Du gräbst dich einfach nicht mehr in eine Sache so sehr ein. Jeder hört mittlerweile eine irre Bandbreite an Musik, weil einem das gesamte Archiv und dazu alles, was gerade global produziert wird, sofort zur Verfügung steht.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Musiker? Brauchen wir Künstler, die sich möglichst wenig mit der Pop-Geschichte auskennen?

Reynolds: Man muss schon sehr viel Phantasie haben, um mit der Masse an unterschiedlichen Einflüssen umgehen zu können. Wenn du alles gehört hast, überschreibt sich alles gegenseitig. Die größten Innovationsschübe kommen meistens auch aus relativ abgeschotteten Szenen, so wie Grime, einer der Trends, der mich im letzten Jahrzehnt am meisten begeistert hat.



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Michael Giertz, 22.08.2011
1. Musik ist die entscheidende Kunstform GEWESEN
Zitat von sysopSixties-Soul, Seventies-Rock, Eighties-Disco: Pop schaut nur noch rückwärts. Der Musik-Vordenker Simon Reynolds hat*jetzt ein Buch über diese "Retromania" verfasst. Im Interview*spricht der Kritiker über unsere Sehnsucht nach dem Gestern - und den Fluch*von Internet und iPod. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,781008,00.html
Heut wird nur noch immer derselbe Mist aufgewärmt - seit immerhin fast 20 Jahren schon. Respekt! Soviel künstlerische Langeweile im Mainstream verdient schon Achtung! Wirklich "Kunst" wird nur am Rand produziert, von unabhängigen Labels mit relativ unbekannten Künstlern. Heute ist Musik, jedenfalls im Mainstream, ein beliebiger, kulturfreier Wegwerfartikel, "Junk". Wie Fritten und Hamburger bei den Fastfoodketten: Massengeschmack wird bedient, den meisten schmeckt's auch einigermaßen, aber viel Geld ausgeben will dafür niemand. Ein 4-Euro-Hamburger würde sich nicht verkaufen ... Ich jedenfalls verzichte auf den Kauf aktueller Musik: zu oft dudelt die im Radio, bis man sie nicht mehr hören will, zu hoch sind die Preise für Singles, Albums und die tausendfach verwursteten anderen Musiksammlungen. Nun - dafür lade ich aber solche Musik auch nicht runter. Warum auch? Gute Musik wird gekauft, Mainstream läuft im Radio. Bedarf gedeckt.
Sequester 22.08.2011
2. Retro
Mittlerweile fast 40-jährig habe ich mir gestern aus Interesse mal wieder die DDC (Deutsche Dance Charts) angesehen/-gehört. Obwohl ich wohl mindestens 10 Jahre nicht mehr in einem Club war kannte ich einen Großteil der Tracks: es waren Remixes von Remixes aus meiner Jugend. Wenn sich nicht mal auf dieser Front etwas Innovatives tut, woher soll's dann kommen? Es gibt vielleicht die eine oder andere Perle, und ich mag auch nicht auf den Dudel-Rundfunk schimpfen, der hat mit Sicherheit seine Daseinsberechtigung. Aber es fehlen innovative Formate, in denen man förmlich gezwungen wird auch mal was neues und beim ersten Eindruck Fremdartiges zu hören. So ging es mir zum Beispiel mit dem Pop von Mark Ronson, auf den ich nie gestoßen wäre wenn er ich es nicht zufällig im (Inteternet!) Radio gehört hätte. Bezüglich Radioformaten sind übrigens für mich die Österreicher deutlich innovativer als die Deutschen: im Staatsfunk gibt es neben Ö3, der Top 40 Abspulstation, auch FM4, immer für einige Perlen gut. Dafür würde ich sogar (zwar auch nicht gerne) Rundfunkgebühren bezahlen.
Hipster 22.08.2011
3. lol
Auf dem Foto im Artikel: ist das dort Lady Gaga? Die hat mit Musik doch nun wirklich gar nichts zu tun ...
air plane 22.08.2011
4. Mein Profil
als besitzer von ca. 800 LP's und etwa 350 CD's, anspruchsvoller sowie billiger art muss ich leider resümieren: der einzige weg zur musik ist das selber-musizieren. den zug habe ich in meiner jugend leider verpasst. musik kaufen, egal ob bach oder bohlen, ist nur schaler konsum, da hilft auch die ausgebuffteste stereoanlage nicht weiter. ein kleines mädchen, dass blockflöte spielt, hat mehr verständnis und erfüllung von bzw. durch musik als der größte kaufsammler. wir erinnern uns an die schulzeit: da gab es in jeder klasse einen, der hatte zwar nicht hunderte von tonträgern, aber eine gitarre. wenn der also am strand auf klassenfahrt "stairway to heaven" anstimmte, schmolzen die mädel dahin, und wir anderen, die musik-konsumenten und archivare, guckten dumm in die röhre.
I'm a Substitute 22.08.2011
5.
Zitat von sysopSixties-Soul, Seventies-Rock, Eighties-Disco: Pop schaut nur noch rückwärts. Der Musik-Vordenker Simon Reynolds hat*jetzt ein Buch über diese "Retromania" verfasst. Im Interview*spricht der Kritiker über unsere Sehnsucht nach dem Gestern - und den Fluch*von Internet und iPod. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,781008,00.html
Tolles Geschäftsmodell - in der Tat ist Popkultur seit langem auf Nostalgisierung der Jugenderinnerungen kaufkraftstarker Zielgruppen angelegt - während die Jugend Musik längst nicht mehr wichtignimmt... Simon Reynolds ist übrigens kein "Musik-Vordenker", sondern "nur" ein Journalist (http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Reynolds)... also selbst jemand, der bestenfalls aus dem Rückblick auf die Ereignisse in seinem Ressort über Entwicklungen und Tendenzen seines Fachbereiches berichtet.
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