Pop-Vorschau 2011 Auferstanden aus der Rehab

Das bringt das Popjahr 2011: Neue Stars entsteigen der Blogosphäre, Helden der Achtziger und Neunziger kehren in die Stadien zurück, Amy Winehouse will zur Abwechslung mal wieder singen, und Lena wird noch unentrinnbarer.

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Was kommt im Pop 2011? Das ist eine Frage, die sich nicht mehr auf einer einzigen Ebene beantworten lässt. "Was kommt nach Chillwave, Witch House, Hypnagogic Pop?", fragen diejenigen, die Blogs nach ausgefeilten, neuen Mikro-Genres scannen. "Was kommt nach Ke$ha, Bruno Mars, Janelle Monáe?", fragen diejenigen, die im Pop vor allem immer neue Gesichter suchen. Und dann gibt es noch diejenigen, die fragen: "Wann kommt eigentlich die neue Herbert Grönemeyer?"

Zumindest Letzteren kann geholfen werden: Am 18. März 2011 erscheint das erste Studioalbum von Herbert Grönemeyer seit "12" aus dem Jahre 2007 - die aktuelle Seelenlage in Deutschland werde ein Thema sein und die Arrangements gitarrenlastiger als zuletzt ausfallen, verriet Grönemeyer auf einer Pressekonferenz.

Doch schon im Februar wird sich zeigen, ob einer der 2010 meistgebloggten Newcomer es schafft, 2011 zum neuen Gesicht des Pop zu werden. James Blake kommt aus London und entstammt einem Geflecht von Mikroszenen, die so viele Einzelnamen haben, dass sie inzwischen aus Bequemlichkeit unter Post-Dubstep subsumiert werden. Bisher hat er vier EPs veröffentlicht, eine davon schön und auf Deutsch "Klavierwerke" betitelt, auf denen hauptsächlich instrumentale Tracks zu hören waren. Auf seinem Debütalbum, das im Februar erscheinen wird, singt Blake auch: in einem an Antony Hegarty erinnernden Falsett, weniger von Emotionen davongetragen allerdings, dafür kontrollierter und klarer. Mit "Limit To Your Love", einer Coverversion von Feist, hatte er in Großbritannien schon einen kleinen Hit.

Natürlich taucht James Blake auch in der Longlist der traditionellen BBC-Umfrage nach den Newcomern des kommenden Jahres auf. Ansonsten erscheint der "Sound of 2011" dieser Liste zufolge wenig aufregend: Gutgelaunter Gitarren-Power-Pop von The Vaccines, Slacker-Indie-Rock-Revival von Yuck, mäßig inspirierte "große Frauenstimmen" von Anna Calvi und Clare Maguire - und die Favoritin der britischen Musikindustrie, Jessie J, die bereits für den Newcomer-Brit-Award gesetzt ist, klingt wie eine allzu reißbrettartige Mischung aus Lily Allen und Lady Gaga.

Lady Gaga noch größer, Lena noch unentrinnbarer

Apropos Lady Gaga: Der wahrscheinlich einzige neue Popstar der letzten paar Jahre, zu dem von der "Spex" bis zu Stephanie zu Guttenberg jeder einer Meinung hat, hat ihr drittes Album schon fertig. Elton John hat sich in einem Interview mit dem US-Magazin "Entertainment Weekly" bereits überschwänglich dazu geäußert: Der Titelsong "Born This Way" sei "das neue 'I Will Survive'". Eine Vorabsingle wird im Februar kommen, das Album kurz darauf.

Lena Meyer-Landrut, die das Kunststück schaffte, 2010 in Deutschland noch unentrinnbarer zu sein als Lady Gaga, wird 2011 natürlich an ihren Erfolg anknüpfen - mit einer öffentlichen Songauswahl für ihr Titelverteidigungslied beim Eurovision Song Contest. Was, nebenbei bemerkt, den Wettbewerb wieder zu seinen Wurzeln als Komponistenwettstreit zurückführen wird.

Andere Superstar-Sängerinnen haben ebenfalls Pläne für 2011: Britney Spears kündigt ein neues Album für März an, was aber wegen der anscheinend seltener gewordenen Eskapaden eher für Schulterzucken sorgt. Dagegen wäre es schon erstaunlich, wenn es Amy Winehouse tatsächlich gelänge, ihr im vergangenen Juli für 2011 angekündigtes Nachfolgealbum des Riesenerfolgs "Back To Black" tatsächlich fertigzustellen. Ebenfalls noch den Status eines Gerüchts hat die Nachricht von einem neuen Album von Beyoncé im kommenden Jahr.

Mit einiger Spannung erwartet wird ein Projekt von Beyoncés Ehemann Jay-Z, der in seinem gerade in den USA erschienenen Songbook/Autobiografie-Hybrid-Buch "Decoded" sehr ernsthaft und durchaus überzeugend seine künstlerische Größe bekräftigt hat. Insofern ist der Titel "Watch My Throne" nicht allzu vermessen für Jay-Z's gemeinsames Album mit Kanye West, zumal letzterer mit seinem Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" das Jahresende 2010 bestimmt hat. Ursprünglich war das gemeinsame Projekt als EP geplant, doch zuletzt bestätigte Kanye West dem "Interview Magazine", dass ein komplettes Album kommen werde - "very couture hip hop" nach seinen Worten.

Kampf um den Stadionrock-Thron

Ein bisschen schade ist, dass die großsprecherischen Ankündigungen in der Welt des Rock etwas aus der Mode gekommen sind. Ansonsten könnte man durchaus von einem Kampf um den Thron des Stadion-Rock sprechen, in den einige Kandidaten 2011 mit neuen Alben einsteigen wollen. Bereits fest datiert für den 8. März ist "Collapse Into Now" von R.E.M., während neue Werke von Coldplay, U2 (eventuell produziert von Dangermouse), den Foo Fighters und den Red Hot Chili Peppers noch mehr oder weniger vage angekündigt sind.

Vielleicht zum Glück nie so ganz Stadion-Rock-Status haben die Strokes erreicht, deren Mitglieder kürzlich das Ende der Aufnahmen zum vierten Album twitterten - eine leise Hoffnung bleibt, dass sie noch einmal an ihr großes Debüt "Is This It" anknüpfen können. Wenig Hoffnung auf Großtaten machte hingegen vor einigen Wochen die erste publikgemachte Aufnahme von Beady Eye, dem neuen Bandprojekt von Oasis-Sänger Liam Gallagher - ein Album kommt trotzdem im März. Derweil haben sich Oasis' Zeitgenossen Pulp in der Besetzung ihrer großen Britpop-Hits wiedervereinigt und werden im Sommer einige Festivalkonzerte spielen.

Während Pulp noch keine Pläne für neue Musik geäußert haben, sind bei anderen Stars von einst konkrete Comebackpläne bekannt geworden. So bringt das schwedische Duo Roxette schon im Februar sein erstes Studioalbum seit 2001 und seit der überstandenen Hirntumor-Erkrankung von Sängerin Marie Frederiksson heraus. Die jüngsten Erfolge der wiedervereinten OMD werden der Human League Mut machen, die im März mit dem Album "Credo" nachziehen. Den inzwischen schon fast klassischen Weg, sich von Produzent Rick Rubin aufs Wesentliche konzentrieren zu lassen und damit ein neues, jüngeres Publikum zu erreichen, wollen die Langbart-Träger ZZ Top auf ihrem 15. Album gehen. Paul Simon, zuletzt als Einfluss von Vampire Weekend wieder ins Gespräch gekommen, hält sein für April angekündigtes Album "So Beautiful Or So What" für sein "bestes Werk seit 20 Jahren".

Vorfreude löst auch "Let England Shake" aus, das Album von PJ Harvey, das im Februar erscheinen wird, sowie "Wounded Rhymes" von der talentierten Schwedin Lykke Li.

Und dann wäre da noch jene Band, die bei einer deutschen "Sound of 2011"-Umfrage, so es sie denn gäbe, ganz sicher im Vorderfeld dabei wäre: Sizarr kommen aus dem pfälzischen Landau und mischen Indie-Rock, Elektronik und weltmusikalische Einflüsse auf erstaunlich smarte Art und Weise. 2010 begeisterten sie auf etlichen Festivals, für 2011 stehen Abitur und Debütalbum an - wir freuen uns darauf.



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rudig 01.01.2011
1. gut,
Zitat von sysopDas bringt das Popjahr 2011: Neue Stars entsteigen der Blogosphäre, Helden der Achtziger und Neunziger kehren in die Stadien zurück, Amy Winehouse will zur Abwechslung mal wieder singen, und Lena wird noch unentrinnbarer. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,736885,00.html
toll wenn Amy Winehouse wieder singen wird, sie ist wohl momentan das größte Talent.
Rockaxe 01.01.2011
2. Neues aber wenig bewährtes
wird in dem Artikel beschrieben. Es kann auch mit Leuten wie Bruce Springsteen gerechnet werden, die alten Aufnahmen wurden nicht nur aus Geldgeilheit veröffentlicht. Gut bei Lady GAGA kann man sagen, sie hat von ihrer Art zu provozieren und vom Sound her die Möglichkeit Madonna zu beerben. Die kopiert sich auch nur noch selber, aber die anderen unbekannten Eintagsfliegen....
reinsge 01.01.2011
3. Beady Eye hat schon einen zweiten Song in's Netz gestellt
Zitat von sysopDas bringt das Popjahr 2011: Neue Stars entsteigen der Blogosphäre, Helden der Achtziger und Neunziger kehren in die Stadien zurück, Amy Winehouse will zur Abwechslung mal wieder singen, und Lena wird noch unentrinnbarer. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,736885,00.html
Netter Artikel, aber die Recherche war wohl schon zu früh vorbei. Am 26.12. hat nämlich Beady Eye bereits das Video zu einem zweiten Song namens "Four Letter Word" in's Netz gestellt und der ist mal um längen vielversprechender als das 50er-Jahre-Geschrammel vom ersten Song "Bring the Light".
lesezeichen68 01.01.2011
4. Adele und Paloma Faith
Das erste Highlight des Jahres könnte wohl die neue CD von Adele "21" werden, die Ende Januar rauskommt, mit folgender Europa-Tour im März und April. Die beiden schon bekannten Titel "Rolling in the Deep" und "Someone like You" sowie alle Gerüchte lassen auf einen absoluten Oberhammer hoffen. Zum Glück hat inzwischen auch das deutsche Radio die 22-jährige Londonerin entdeckt.... Auch eine andere Londonerin, Paloma Faith, hat ein neues Album für dieses Jahr angekündigt. Auch hier lassen die beiden neuen Titel "Just Be" und "Me and My Cellulite", die sie während ihrer letzten Tournee schon vorgestellt hat, auf einiges hoffen...
djhouseman 05.01.2011
5. Drittes Album ?
"Apropos Lady Gaga: Der wahrscheinlich einzige neue Popstar der letzten paar Jahre, zu dem von der "Spex" bis zu Stephanie zu Guttenberg jeder einer Meinung hat, hat ihr drittes Album schon fertig." Wieso drittes Album ? Meines Wissens hat die völlig überschätzte Hype-Lady nicht mal das zweite Album fertig. DAS ist nämlich "Born This Way" und wird weltweit am 23. Mai 2011 erscheinen. Trotzdem überflüssig.
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