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21. Januar 2004, 16:50 Uhr

Popband Air

"Französische Musik ist gruselig"

Das französische Popduo Air machte sanfte Elektronikmusik und schwelgerische Ambient-Klänge zum Massenerfolg. Mit SPIEGEL ONLINE sprachen Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel über den Zusammenhang von Schönheit und Gefahr und ihr gestörtes Heimatverhältnis.

Popduo Air: "Franzosen verlassen ihre Heimat nicht"

Popduo Air: "Franzosen verlassen ihre Heimat nicht"

SPIEGEL ONLINE:

Monsieur Godin, Monsieur Dunckel, mit dem verträumten Pop-Album "Moon Safari" wurde Air 1998 über Nacht zur Lieblingsband Europas. Wie sind Sie damit umgegangen?

Jean-Benoît Dunckel: Die Wahrheit ist, wir haben den Erfolg gar nicht mitbekommen. Zumindest nicht am Anfang.

Nicolas Godin: In Frankreich sind wir nicht sehr erfolgreich. Überall sonst bekamen wir damals zu hören, dass "Moon Safari" allgegenwärtig sei - aber bestimmt nicht in Paris! Dort lief in keiner Bar unsere Musik.

Dunckel: Die französische Presse war sehr misstrauisch, weil wir im Ausland Erfolg hatten. Wir waren diejenigen, die die französische Kultur klauten und sie exportierten. In England galten wir als das nächste große Ding. Franzosen mögen das nicht, sie brauchen immer eine Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Verhältnis zur französischen Presse inzwischen gebessert?

Godin: Mit dem Soundtrack zu "The Virgin Suicides" war alles vergessen. Man wollte wohl nur sicher gehen, dass wir kein Marketing-Ding sind. Französische Journalisten sind sehr prätentiös, obgleich sie über schreckliche Musik schreiben müssen: In Frankreich gibt es fast nur fürchterliche Bands. Ehrlich: Französische Musik ist gruselig, sie ist schrecklich, einfach Scheiße! Die ganze Welt weiß das. Wir haben andere tolle Sachen: Wein und Essen, Mode. Aber die Musik... das ist fast schon peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals daran gedacht, Frankreich zu verlassen?

Godin: Nein, nein! Unsere Freunde und Familien sind in Frankreich, allein deswegen könnten wir das nicht. Außerdem: Franzosen verlassen ihre Heimat nicht! Nirgendwo wird man Franzosen treffen außer in Frankreich. Selbst nicht in den USA: Dort leben Einwanderer aus der ganzen Welt, nur keine Franzosen.

Dunckel: Eine Ausnahme ist Quebec, aber dorthin sind die Franzosen schon vor langer, langer Zeit ausgewandert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Musik ist sehr bildlich. Sie haben einen Soundtrack komponiert und im letzten Jahr die Begleitmusik für Alessandro Bariccos "City Reading". Woher kommt diese Affinität zum Beschreiben und Untermalen?

Musiker Godin, Dunckel: "Schüchtern und reserviert"

Musiker Godin, Dunckel: "Schüchtern und reserviert"

Godin: Einer unseren größten Einflüsse ist Filmmusik, insofern sind wir stark vom Kino beeinflusst. Das französische Kino ist ja viel besser als die französische Musik. Als Kind kam mein erster Kontakt zur Musik durch Film und Fernsehen. Wenn man fünf oder sechs ist, kauft man sich für gewöhnlich keine Platten - heute vielleicht schon, aber nicht, als ich jung war. Also habe ich Musik übers Fernsehen mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich denn als Kind am liebsten angesehen?

Godin: Vor allem Science-Fiction-Serien und Western. In Frankreich gibt es ja eine Menge guter Soundtrackkomponisten. Wie gesagt: Französische Rock- und Pop-Bands sind furchtbar, aber auf dem Gebiet der Filmmusik haben wir wirklich gute Komponisten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Musik ist von geradezu kitschiger Schönheit. Trotzdem ist da immer auch eine dunkle Komponente...

Godin: Das kommt wohl daher, dass wir zu viele Filme von John Carpenter gesehen haben. Schönheit bedeutet immer auch Gefahr. Wenn man mit einer wirklich schönen Frau ausgeht, weiß man genau, dass das Probleme gibt. Wenn man etwa einen Ausflug aufs Meer macht, ist das wunderschön. Doch was ist, wenn ein Sturm aufkommt? Und wenn man schwimmen geht: Könnte da nicht ein Hai warten? Wenn man auf einen Berg steigt, kann man herunterfallen. Schönheit ist immer auch ein wenig beängstigend. Sind die Dinge zu glatt, zu perfekt, werden sie langweilig. Ein Beispiel: Ken, der Mann von Barbie.

Dunckel: Noch einmal zum Kitsch: Unsere Songs sind sehr romantisch. Es geht um Liebe, um Zärtlichkeit, um das Erlebnis, mit einem Mädchen im Bett zu sein. Unsere Lieder sind wie kleine Geheimnisse, von denen wir uns nicht trauen, sie unseren Freundinnen zu erzählen.

Neues Album: "Talkie Walkie" (Labels/EMI) wird am 26. Januar veröffentlicht

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SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie sich als Künstler definieren: Rebellen? Visionäre? Träumer?

Godin: Künstler zu sein bedeutet einfach nur, frei zu sein. Darum geht es im Grunde: Nur das zu tun, was man auch tun will. Das ist keine Frage der Einstellung, das steckt einfach in uns. Wir hatten keine Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Woran haben Sie das gemerkt?

Godin: Indem ich ein Instrument gespielt habe und mir das so einfach von der Hand ging. Als ich als Fünfjähriger zum ersten Mal ein Schlagzeug vor mir hatte, wusste ich sofort, wie man das spielt. Es war das einfachste auf der Welt. Das ist ein Geschenk, zugleich aber auch ein dringendes Bedürfnis. Man entscheidet sich nicht für ein Dasein als Künstler, man muss es einfach tun. Es kommt ganz von allein.

Dunckel: Das Problem dabei ist nur, dass man sich nur richtig gut fühlt, wenn man Musik spielt. Das ist kein Witz! Natürlich ist es auch schön, mit meinen Kindern zusammen zu sein oder mit meiner Freundin zu schlafen. Doch nur wenn ich Klavier spiele, fühle ich mich richtig gut.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ja fast, als sei es eine Droge!

Godin: Ja, das stimmt. Stellen Sie sich vor, Sie sind als Tourist in China, und nach drei Wochen treffen Sie plötzlich einen Deutschen. Endlich wieder mit jemandem reden zu können! So geht es uns mit der Musik. Wenn wir Musik spielen, fühlen wir uns zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Von Ihrem Privatleben dringt nur sehr wenig an die Öffentlichkeit - wie stellen Sie das an?

Godin: Wir sind sehr reservierte Menschen.

Dunckel: Reserviert und schüchtern. Vielleicht weiß ja deshalb keiner, ob wir schwul sind oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich eigentlich manchmal fremd in dem ganzen Popzirkus?

Dunckel: Das ist Teil des Spiels. Man muss mitspielen, ob man will oder nicht. Wenn du dabei nicht clever bist, frisst dich das System auf. Deshalb versuchen wir, so viel Kontrolle wie möglich über das, was wir machen, zu behalten. Leider können wir nicht alles selber machen.

Interview: Katrin Meinke

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