Popband Jade: Chinas Superstars für Milliarden

Von Stefan Krulle

Popmusikalisch hat China bisher nicht viel zu melden, doch das soll sich schnellstens ändern. Erste Speerspitze der neuen chinesischen Kulturrevolution ist die Popband Jade: Vier reizende und selbstbewusste Mädchen aus der ersten Casting-Show im Reich der Mitte.

Es war der schönste Umschlag, den uns die Post jemals gebracht hat: 13 kunterbunte, großformatige Briefmarken mit exotischen Motiven prangten darauf, abgestempelt in Shanghai. Zwei Tage war er unterwegs aus dem Fernen Osten. Beim Öffnen fiel uns ein hübsches Seidensäckchen entgegen, in dem eine wiederum farbenfrohe CD mit vier lachenden Mädchengesichter lag: "Jade – Flying With The Dragon" - Pop aus dem Reich der Mitte.

Das beigefügte Infoblatt klärte über Ungeheuerliches auf. Maos Erbe kennt nicht nur besetzte Provinzen, schwer zu schätzende Wirtschaftskräfte und eine aufregende Küche, in China gibt es mittlerweile auch Casting-Shows im Fernsehen. In der Boomtown Shanghai traten kürzlich 50.000 Bewerber an, um möglichst als Sieger aus "Sprite – My Show” hervorzugehen. Ein popelig kleiner TV-Sender ist damit sozusagen vom Paria zum Pascha mutiert, und unter Chinas Jugend löste die Show wahre Hysterien aus.

Die vier Siegerinnen heißen Yan, Ting, Jia Jia und Cizzy, und nun sitzen sie zusammen mit ihrem Produzenten und Manager in einem China-Restaurant in Berlin. Der Mann trägt den in China vermutlich nur schwer aussprechbaren Namen Axel Klopprogge und stammt aus Deutschland. Er ist – nur platonisch – verliebt in seine Girls und hat ihnen zu Ehren sein ganzes Leben umgekrempelt. Allerdings nicht zum ersten Mal. Anfang der Achtziger komponierte und produzierte Klopprogge Songs wie "Ich will Spaß” für den NDW-Kurzbrenner Markus, später arbeitete er als Filmproduzent in Hollywood, als Regierungsberater in Peking und als Radiomacher in Shanghai, um nur einige Stationen zu nennen.

In Shanghai war Klopprogge, 49, eher zufällig Gast des "Sprite – My Show”-Finales. Von den vier Mädchen sei er geradezu elektrisiert gewesen: "Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mit diesen unglaublichen Talenten etwas machen zu können”, schwärmt er.

Das hat reibungslos geklappt: Seit Freitag kann man die Debüt-CD von Jade auch in Deutschland kaufen. Bislang wurde der Popmarkt China hierzulande nicht wahrgenommen.

Vor etwa sieben Jahren trafen wir mal eine Sängerin aus Peking, die nach Berlin geflohen war, vorher aber als Chinas größter, weiblicher Rockstar galt. Das Wort "Rock" allerdings ist in China immer noch tabu, und jene Luo Qi hatte damals kein gutes Haar gelassen an den Mädels, die es im Pop-Business ihres Landes zu schaffen hofften. Ihre Augenlider schnitten sie sich ab, so berichtete Qi, um dem Ideal der Frau aus dem Westen näher zu kommen, und sie schrieben auch nie einen Song selbst und seien nur hinter dem Ruhm her. Also fast alles so wie hier, bis auf die abgeschnittenen Augenlider.

Yan, Ting, Jia Jia und Cizzy sitzen jetzt im Hinterzimmer des Berliner Restaurants und verstehen gar nicht so recht, wovon wir da reden. "Wir haben uns gar nichts abschneiden lassen”, sagt Cizzy, "wir mögen das Echte. Morgen sollen wir hier im TV Playback singen, aber wir wissen gar nicht wie so was geht. Wir finden ehrlich gesagt auch, dass es Betrug ist.” Alle nicken. Sie wissen noch nicht so ganz genau, was sie von Europa, von Deutschland, von Berlin nun wirklich halten sollen. "Es ist so still hier.” Das in Berlin zu sagen ist schon ziemlich gewagt.

Mit unseren alten Klischees vom Reich der Mitte aber kommen wir bei Chinas Jugend keinen Schritt weiter. Das Heer getreuer Mao-Freunde in mittelblau haben diese jungen Frauen gar nicht mehr erlebt. Wenn Jade in ihrer Heimat aus einem Hotel ins Freie treten, dann recken sich ihnen Handy-Kameras entgegen, und vor den Konzerthallen, in denen sie auftreten, werden Plakate ohne Parteirot und Mao-Antlitz hochgehalten, stattdessen prangen auf ihnen die kindlichen Konterfeis der Sängerinnen. "Manche von uns", sagt Yan, "haben wie ich noch Eltern, die während der Kulturrevolution aus der Stadt aufs Land vertrieben wurden. Aber ansonsten hat das alte China auf unseren Alltag keinen Einfluss mehr. Und meine Eltern sind auch längst wieder zurück in die Stadt gezogen.”

Dass Fortschritt in China allein in den Metropolen stattfinde und es auf dem Lande unvorstellbar archaischer zuginge, mögen die vier jungen Damen auch nicht gelten lassen. "Wir stammen schließlich eher aus der Provinz”, sagt Cizzy, "meist aus Kleinstädten mit gerade mal zwei Millionen Einwohnern." Gut, über die Dimensionen müssen wir später noch mal reden. "Aber China", ergänzt auch Klopprogge, sei eben "ein unglaublich schnelles Land. Wenn am Montag die Turnschuhmarke XY zum neuen Trend ausgerufen wird, trägt sie am Freitag das ganze Land, und zwar nicht bloß in den Großstädten.”

Drei Stunden nachdem wir die vier Schönheiten aus China kennen gelernt haben, fällt uns nur noch eines ein, was sie von den Teens und jungen Twens hierzulande unterscheidet: Ihr Interesse am Essen. "Ooh, jajajajaja”, sagt Yan, "das scheint uns doch zu unterscheiden.” Sie und alle ihre Freundinnen "lieben es, zu kochen, zu essen, übers Essen zu philosophieren. Als wir hörten, dass bei euch manche Leute manche Sachen gar nicht essen, kam uns das sehr seltsam vor.” Ihre Kolleginnen knabbern währenddessen gerade an Hühnertatzen, Rinder-Innereien und diversen anderen, in Deutschland gern verschmähten Gaumenfreuden herum. "Wir würden auch niemals im Auto essen, um so Zeit zu sparen", lächelt Yan, "wir arbeiten lieber etwas schneller, um Zeit fürs Essen zu gewinnen.” Das mit dem Essen im Auto übrigens wäre im boomenden China inzwischen durchaus vielen Menschen möglich. Ting etwa, die "nebenher ein bisschen modelt”, chauffiert einen nagelneuen Audi durch Shanghai, mit gerade mal 22 Jahren ein netter Lebensstandard.

Allein über Musik zu reden ist ein bisschen schwierig mit den Damen, Chinas restriktive Kulturpolitik der letzten Jahrzehnte hat Spuren hinterlassen. Der popmusikalische Horizont beginnt erst jetzt, mit der Umgestaltung des eher der politischen Nachricht und der Volkspädagogik verpflichteten Staatsrundfunks zum Unterhaltungsmedium, etwas weiter zu werden. Das aber ist es nicht allein, auch Japans Popszene nährt sich ja bis heute vom Eklektizismus, weil der Ferne Osten nun mal keine Baumwollfelder am Mississippi und ergo keinen Blues hatte.

Trotzdem könnte die Aufholjagd Chinas, wie in so vielen anderen Bereichen auch, auf dem Feld der Musik durchaus gelingen. Zumal die jungen Chinesinnen und Chinesen über eine Tugend verfügen, die uns in diesem Lande inzwischen fast schon Angst einjagt: Sie glauben an sich und noch dazu auch an ihr Land. "Eure Autos bauen wir ja schon”, meint Cizzy, "und es gibt inzwischen eine ganze Menge ausländischer Musikproduzenten und Plattenfirmenleute bei uns. Aber in ein paar Jahren können wir das alles selbst.” Und dann? "Dann kommen eure Musiker zu uns und nehmen da ihre Platten auf. Ich glaube, die werden viel Spaß bei uns haben, wir sind fröhliche Leute. Und wir können sehr gut kochen.” Wollte sie nicht "besser" sagen? Cizzy kichert und wendet den Blick ab. Höflich sind sie nämlich auch noch, die Chinesen.


Jade: "Flying With The Dragon" ist bei Universal Music erschienen

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Jade: Casting und Kulturrevolution