Popband Maximo Park "Romantik ist nicht tot"

Frisch aus der Kunsthochschule: Die Band Maximo Park zelebriert die romantischen Pop-Helden der Achtziger und wird als Entdeckung des Jahres gefeiert. Die fünf Briten pflegen ihr selbstbewusstes Dandytum und wissen ganz genau, warum manche sie für die Größten halten.

Von Jan Wigger


Pop-Band Maximo Park: "Die Menschen sind nicht blöd und sie haben Ohren"
Deidre O'Callaghan

Pop-Band Maximo Park: "Die Menschen sind nicht blöd und sie haben Ohren"

Jeder von uns kennt diese trüben, ereignislosen Nächte. Man möchte die leeren Stunden von hinten überrumpeln, mit etwas ausfüllen, das Alltägliche bezwingen. Vor einigen Wochen, als man gegen vier Uhr morgens in einem Club stand und sich an seinem Bier festklammerte, war ein Freund dabei, der still auf die Tanzfläche blickte und auf Nachfrage erklärte, dass er überprüfen wolle, ob das Leuchten noch da sei.

Sicher meinte er nicht das grüne Leuchten von Jules Verne, das Eric Rohmer später für seine gleichnamige Kino-Meditation übernahm, sondern vielmehr ein rötliches, vielleicht auch bläuliches Leuchten. Eines, das dem Film "24 Hour Party People" entstammen könnte und somit einer reuelosen und glamourösen Begegnung im Manchester der frühen achtziger Jahre: Keine Verpflichtungen, nur Leidenschaft und Hedonismus. Da spielte der DJ, ein linkischer Typ mit Nickelbrille, Interpol und "True Faith" von New Order, doch der Freund zog sich schon bald enttäuscht zurück. Kein Leuchten.

"Endlich richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, was nach Punk passierte"

Ein paar Tage später sitzen Paul Smith (Gesang) und Lukas Wooller (Keyboard) von Maximo Park aus Newcastle Upon Tyne leicht übermüdet an einem Tisch des schmucklosen Hamburger Restaurants "Jena Paradies" und wissen ohne viele Erklärungen sofort, was mit dem rötlichen oder bläulichen Leuchten gemeint ist. Es wird ja gerne mal geschrieben, dass eine bestimmte neue Band dieses oder jenes bahnbrechende Debüt aufgenommen oder gar ein neues Zeitalter eingeläutet habe, "ohne es zu wissen". Eine der Besonderheiten des Quintetts (das sich nach einem Park auf der Insel Kuba benannt hat) aber ist, dass sie nicht nur ein fabelhaftes erstes Album namens "A Certain Trigger" gemacht haben, sondern dass sie ganz genau wissen, dass und vor allem warum es so fabelhaft ist.

Besonders der 27-jährige Paul Smith, der singt und textet, nicht aber Gitarre spielt, kann minutenlang am Stück reden und ihn unterbrechen zu wollen, ist ein Unterfangen, bei dem man getrost alle Hoffnung fahren lassen kann. "Die Entwicklung der zeitgenössischen Musik spielt sich in Zyklen ab. Wenn ich also auf der Suche nach neuer Musik bin, schaue ich selbstverständlich auch, was sich in der Vergangenheit so alles abgespielt hat. All die jungen Bands, die jetzt anfangen, Musik zu machen, kommen einfach irgendwann an den Punkt, wo sie herausfinden, wie grandios The Jam, Joy Division, The Smiths oder Gang Of Four waren. Die Menschen sind nicht blöd und sie haben Ohren - wenn sie also die Gelegenheit haben, auf diese Musik zu stoßen, werden sie die Brillanz dieser Bands erkennen. Endlich richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, was nach Punk passierte. Und ich meine nicht nur den Post-Punk, sondern auch die andere Seite: Die poetischen, romantischen Pop-Bands der achtziger Jahre wie Prefab Sprout, Aztec Camera oder die Go-Betweens."

Maximo-Park-CD "A Certain Trigger": "Sound ist Sound und gute Musik ist gute Musik"

Maximo-Park-CD "A Certain Trigger": "Sound ist Sound und gute Musik ist gute Musik"

Von allem ist ein bisschen im dringlichen und verspielten Sound von Maximo Park, der übrigens auch deshalb neu klingt, weil Gitarre, Schlagzeug und Bass auf eine Art und Weise zusammenspielen, wie man sie nur auf ganz wenigen Platten neueren Datums finden kann. Zudem schreibt Paul Smith doppelbödige Texte über Sex, Ohnmacht, Eifersucht und Verlangen: "You know that I would love to see you next year/ I hope that I am still alive next year/ You know that I would love to see you in that dress/ I hope that I will live to see you undressed!" ("Apply Some Pressure"). Professionellen Zweiflern, die sich von der Fülle der New-Wave-beeinflussten neuen Musikgruppen erdrückt fühlen, sei noch Folgendes gesagt: Maximo Park haben sich vor über drei Jahren gegründet, als von Franz Ferdinand noch keine Rede war, der "NME" hat sie bislang alles andere als hofiert und über die meist dümmliche Lyrik der artverwandten amerikanischen Band The Killers können Maximo Park ganz zu Recht nicht mal mehr lachen.

"Wir bezeichnen uns selbst einfach als Pop-Band"

Steckt hinter dem fintenreichen Art-School-Pop von Maximo Park eigentlich auch das Konzept, Stil und Dandytum wieder zurück in die Popmusik zu bringen? Paul Smith, der auf der Bühne Anzug und Krawatte trägt und Bryan Ferry bewundert, ist mit der Deutung absolut einverstanden, fügt aber auch noch etwas anderes hinzu: "Eine Menge der Bands, von denen hier die Rede ist, werden gemeinhin als 'Indie-Bands' bezeichnet, aber ich mag dieses Kategorisieren nicht. Deshalb bezeichnen wir uns selbst einfach als Pop-Band. Sound ist Sound und gute Musik ist gute Musik." Lukas Wooller ergänzt: "Die Beatles haben damals angefangen, dem Rock'n'Roll eigene Ingredienzien hinzuzufügen und einen Sound kreiert, der absolut eigenständig war. Die Pop-Bands der Achtziger haben mit denselben Bestandteilen gearbeitet, aber wurden marginalisiert und in die 'Indie-Ecke' abgeschoben. Das verstehen wir nicht und einer solchen Szene wollen wir auch nicht angehören."

Da passt es auch wunderbar ins Bild, dass Maximo Park die erste klassische Rock/Pop-Band sind, die einen Vertrag beim renommierten Elektronik-Label "Warp Records" (Aphex Twin, Autechre) erhielten. Die veröffentlichten die Maximo-Park-Single "The Coast Is Always Changing" in einer Auflage von 850 Stück. Innerhalb kürzester Zeit war der hübsch an die Dexy's Midnight Runners gemahnende Song vergriffen und wird nun zu Höchstpreisen im Netz angeboten. Was auch noch zum Konzept gehört: Alle drei Singles sowie das Album "A Certain Trigger" erscheinen im selben Design (tanzender, in schwarz gekleideter Mensch vor weißem Background), nur die Schriftfarbe auf dem Cover wechselt kontinuierlich.

"Die Romantik des Alltags muss ja nicht gleich so überzogen dargestellt werden wie diese herumfliegende Plastiktüte in 'American Beauty'"

Aber kommen wir noch einmal auf die idiosynkratischen, unbesungenen Helden der Achtziger zurück: War es nicht auch der Wunsch nach Romantik, von der die nicht selten zagen Texte dieser Bands handelten? "I'll do graffiti if you sing to me in french/ what are we doing here if romance isn't dead?", singt Smith in "Graffiti". Und sagt: "Natürlich ist Romantik nicht tot. Du kannst sie finden, wo immer du auch willst. Wenn ich im Bus sitze, aus dem Fenster schaue, die Leute beobachte, die draußen vorbeilaufen und mich frage, was sie wohl für ein Leben haben, hat das für mich schon viel mit Romantik zu tun. Die Romantik des Alltags muss ja nicht gleich so überzogen dargestellt werden wie diese herumfliegende Plastiktüte in 'American Beauty'".

Dann stehen Paul und Lukas auf, denn sie müssen ihren Zug noch erwischen. Die Leute sollen zur Musik von Maximo Park tanzen und sich zu diesem Zweck ruhig so fein herausputzen wie nur möglich, sagen sie noch im Weggehen. Wenn wir das nächste Mal in den Club gehen und der DJ Maximo Park auflegt, schauen wir ganz genau auf die Tanzfläche und konzentrieren uns so lange, bis wir es sehen können: das Leuchten.


Maximo Park: "A Certain Trigger" (Warp/Rough Trade) wird am 17. Mai veröffentlicht



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