Popband Pulp: Glamour nein, Pathos ja!

Von Frank Lähnemann

In Zeiten wie diesen, in denen Angst und Panik vor der täglichen Briefpost das Bild prägen, musste ein Zeichen gesetzt werden: "We Love Life" hat die britische Popband Pulp ihr neues Album genannt ­ kurzfristig und nicht nur um ihrem neuen Geist der Hoffnung Ausdruck zu verleihen.

Get on the bus: Pulp brechen in eine glamourlose Zukunft auf

Get on the bus: Pulp brechen in eine glamourlose Zukunft auf

"Nach jedem Schock folgt wieder Schönheit", glaubt Paul Auster nach dem Terroranschlag auf New York, und Pulp behaupten passend dazu, dass man sich, wenn sich alles am Ende befindet, wieder frisch verliebt ("Bob Lind (The Only Way Is Down)"). "Mum & Dad have sentenced you to life", singt Jarvis Cocker in "I Love Life" und fügt hinzu: "You've got to fight to the death for the right to live your life."

Vorbei sind die Zeiten, in denen Pulps spleeniger Frontmann, Sprachrohr aller Andersartigen, sein Leben in einer Art Werbespot für Champagner-Mixgetränke vergeudete ­ mit berühmten Frauen und sich selbst als Mittelpunkt der Erde. Vorbei die Zeiten, in denen er Statements setzte, indem er einen Auftritt Michael Jacksons per Tanzeinlage manipulierte. Der neue Jarvis Cocker spricht lieber mit den Bäumen, seinen neuen Freunden, und verkneift sich den Kommentar zu Kolleginnen wie Britney Spears. Keine Angst ­ er trägt nicht neuerdings einen Holzfällerbart à la E von den Eels, und die CD ist auch nicht in einer Juteverpackung erschienen. Denn auch wenn Pulp zur Natur zurückgekehrt sind, ist "We Love Life" kein simpel gestricktes Songpotpourri fürs Lagerfeuer geworden. Glamour nein, aber Pathos ja!

Pulp-Album "We Love Life": Keine Juteverpackung

Pulp-Album "We Love Life": Keine Juteverpackung

Als die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Produzenten und Wegbegleiter Chris Thomas ("Different Class", "This Is Hardcore") nicht mehr klappen wollte und die Band bereits an den Tracks zu zweifeln begann, erinnerten sich Pulp an einen alten Traum und verpflichteten kurzerhand Scott Walker (der bisher nur Obskuritäten betreut hatte, mal abgesehen von zwei Ute-Lemper-Songs) als neuen Produzenten. Für Walker als Solokünstler wurde eigens der Ausdruck "ideosynkratisch" erfunden, zuvor hatte er mit den Walker Brothers in den sechziger Jahren klassischen Pop neu definiert ("The Sun Ain't Gonna Shine Anymore").

"We Love Life" konnte nun kein (Brit-)Pop mehr werden, aber ebenso wenig ist das Album verschroben und unhörbar wie Walkers letztes Solowerk "Tilt". Musikalisch am bisher ausgefeiltesten (sensationellerweise sorgen die Swingle Singers, in den Sixties bekannt für ihre Klassikinterpretationen, für Backing Vocals!) zwingen einen die elf Songs zum konzentrierten Hören. Es gibt keine plumpen Gassenhauer wie "Disco 2000" mehr, die Songs bauen sich ganz allmählich auf und entfalten ihre wahre Kraft erst nach häufigerem Genuss. So entwickelt die Single "The Trees" (basierend auf einem Sample des zweitklassigen Filmkomponisten Stanley Myers) erst spät ihren ganz speziellen Charme. "Wickerman", eine achtminütige, "Cocker-eske" Ansprache zu einem REM-Backingtrack, lädt ebenso wenig zum ausgelassenen Tanzen ein wie "The Night Minnie Timperley Died", das die Schauerlichkeit eines aktuellen Themas mehr als vermittelt.

Pulp, Frontmann Cocker (r.): Mein Freund der Baum

Pulp, Frontmann Cocker (r.): Mein Freund der Baum

Nach der Dunkelheit jedoch folgt das Licht. Die Vögel zwitschern, und sie fordern einen auf, die Angebetete endlich zu küssen. Es folgen dezente "nananas" und offensichtliche Walker-Einflüsse ("Bad Cover Version"). Am Ende steht der Anfang: der Sonnenaufgang. Mit "Sunrise" schließt sich der Kreis, und man spürt förmlich, wie die Wolken aufgerissen werden. Viele Menschen sollen nach dem Attentat auf New York ein Verlangen nach Sex gehabt haben, las man ­ Sex gäbe einem das Gefühl zu leben. "We Love Life" vermittelt dies auf gleiche Weise.

Pulp: "We Love Life" (Island/Universal), veröffentlicht am 22. Oktober 2001.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback