"PopCamp" Die Zukunft der Popmusik ist ganz nah

Immer umkreist die Musikszene die gleiche Frage: Wo sind die neuen Typen in der Popmusik, wie klingt der neue Sound? Fünf junge deutsche Bands wurden ins Trainingslager geschickt - ins PopCamp. Jetzt sind sie noch besser. Und warten auf einen Plattenvertrag.

Von Jochen Schönmann


Berlin - Es gibt Momente, in denen die Wirklichkeit sich verabschiedet. Von der flackernden Leinwand flimmert etwas grünlich das Bild von Claudia Metzner, einer kühlen, zurückhaltenden Frau mit dunklen Augen. In einer schemenhaften Aufnahme aus der DDR der sechziger Jahre singt sie mit klarer, hallender Stimme das "Wiegenlied einer vietnamesischen Mutter". Auf der Bühne peitschen dazu die harten Gitarrenriffs der Berliner Band "HOTEL". Wo endet die Live-Performance, wo beginnt die Digitalisierung der Bühne?

Die Absurdität eines allgegenwärtigen Nebeneinanders verschiedenster Themen, ihre verstörenden Wirkung auf den Einzelnen - das ist der magische Fixpunkt von HOTEL. Bizarr, unkonventionell, aber mitten ins musikalische Herz einer neuen Pop-Avantgarde, die hungrig ist auf frische Ideen.

Eines hat der Freitagabend im gruftigen Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei gezeigt: Es gibt sie - die neue Popmusik, die neuen Ideen, die neuen Gesichter. Alles was man tun muss, ist hinhören. Die Zukunft der Popmusik ist ganz nah. Fünf Bands, die verschiedener kaum sein könnten, standen beim Abschlusskonzert des PopCamps auf der Bühne.

"Jetzt ist die Band reif"

Das PopCamp ist die Spitzenförderung des deutschen Musikrates für Ausnahmetalente im Bereich Pop, Rock und Jazz. Aber es ist kein Wettbewerb. Über 80 Nominatoren aus allen Bereichen des Musikgeschäfts schlagen die ihrer Meinung nach besten Bands und Ensembles für eine Intensivförderung vor. Zwei Wochen lang erhalten die Musiker die Gelegenheit, mit namhaften Größen der Popmusik in eigens auf die Teilnehmer abgestimmten Workshops an ihrem Profil zu feilen.

Fünf PopCamp-Teilnehmer wurden am 10. Juni von einer Jury aus Künstlern, Vetretern des Musikbusiness und der Medien aus diesem großen Pool fürs Trainingslager ausgewählt: das Stuttgarter HipHop-Duo The Titans, die Dortmunder Punkband Pristine, das Jazz-Experiment K.ill Y.our D.arling aus Weimar, die melodischen Landschaften der Berliner Gruppe Erik & Me sowie HOTEL. Ziel des PopCamps ist es, die jungen Bands zur Marktreife zu bringen. Zweimal eine Woche lang, mit einer Pause von sechs Wochen, büffelten sie Urheberrecht oder Musikwirtschaft, feilten tage- und nächtelang an Komposition, künstlerischer Darbietung und Produktion.

Die Zeit war hart. Und es gab Rückschäge. "Die erste Phase hat uns fast gebrochen", erzählt Tobi Tan von den Titans. "Es gab so viel Kritik, wir brauchten Zeit, das alles zu verdauen." Die Stuttgarter haben ihr Gesicht während der Zeit im PopCamp am meisten verändert. Sie kamen als Duo und sind inzwischen um Drummer Thorsten Reeß und Sängerin Sara Jonas gewachsen. Das tut der Live-Performance sichtlich gut: Bisher lebten die Schwaben stark von ihrem intelligenten Wortwitz. Nun stimmen auch die Präsenz auf der Bühne und der künstlerische Ausdruck. "Jetzt ist die Band reif", glaubt Tan. "Vorher war alles schwammig. Wir wussten nicht, wohin mit unserer Musik. Jetzt verstehen wir uns selbst besser."

Doch es geht nicht nur ums Selbstverständnis, sondern auch um die Erreichbarkeit von Zielgruppen, um das Publikum. K.ill Y.our D.arling hat sich durch die vielen Gespräche und Anregungen mit den Dozenten auf den Weg von der Nische des Experimentellen in Richtung Pop aufgemacht. Die Band hat ihren roten Faden gefunden: "Während der intensiven Arbeit hier haben sich viele Einzelprobleme aufgelöst. Unsere Richtung ist plötzlich viel klarer."

Große Plattform für die Talente

Die Auswahl von K.ill Y.our D.arling ins PopCamp spricht besonders für die neue Lust am Ausgefallenen. Und auch für die Idee der Veranstalter. "Gigantisch, dass so etwas in dem ehemals so verschnarchten Musikrat heute möglich ist", sagt Udo Dahmen, künstlerischer Leiter der Popakademie Mannheim und gleichzeitig Ideengeber des Projekts PopCamp. "Da hat sich einfach etwas bewegt. Diese Bands haben ihre Chance verdient, jetzt bekommen sie endlich eine große Plattform dafür."

Und die gilt es zu nutzen. Denn oft entscheidet einfach der Zufall.

Erik & Me brauchen eine halbe Minute, um ihr Publikum im Kesselhaus in eine andere Welt entführen. Sanft, abwechslungsreich, einfühlsam und voller Hingabe strömen die melodischen Landschaften. Einfach Ausgereift. Einfach nur gut. Über 40 fertige Songs haben die Berliner in der Schublade. Alles, was fehlt, ist der Plattenvertrag.

Den haben auch Pristine noch nicht in der Tasche. Ihr Publikum dafür aber allemal. Die Dortmunder Band treibt den Anachronismus zwischen äußerer Erscheinung und Musik auf die Spitze. Einen derart harten Sound erwartet man einfach nicht von den vier zierlichen Mädchen, als sie mit ihren blau-weißen Uniförmchen die Bühne betreten. Der erste Griff in die Saiten kommt darum unvorbereitet wie ein verdeckter Kinnhaken.

Auch Pristine hat das PopCamp gut getan. Die Gruppe hat sich von den anderen Bands inspirieren lassen und ihren manchmal extrem gradlinigen Stil mit Elementen geschmückt, die sie ausgerechnet bei K.ill Y.our D.arling entdeckt haben.

"Das gegenseitige Lernen voneinander ist Teil der Idee", sagt Michael Teilkemeier, Projektleiter des PopCamp. "Letztlich geht es darum, ein kreatives Umfeld zu schaffen, in dem nichts unmöglich ist."

Es geht aber auch darum, einen Stil zu finden, von dem es sich als Musiker leben lässt. Und genau das ist das letzte gemeinsame Problem der fünf PopCamp-Teilnehmer. Denn jetzt heißt es einmal mehr: Warten auf den entscheidenden Anruf.

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