Von Christoph Dallach
Ein Boot, robustes Schuhwerk und eine gewisse Grundfitness brauchten alle, die das Konzert des Norwegers Moddi erleben wollten. Denn der junge Barde musizierte nicht in irgendeinem coolen Metropolen-Club, sondern beim Træna-Festival 2010, in einer abgelegenen Höhle am Polarkreis. Also ging es zuerst auf einem Boot von der Insel Husoy zur Grotteninsel Sanna und dann einen langen, steilen, rabenschwarzen und nur sporadisch von Fackeln erhellten Bergtunnel empor. Kein Vergnügen für Menschen mit Platzangst und ähnlichen Phobien.
Wer das hinter sich gebracht hatte, genoss zwar einen spektakulären Panoramablick über das Arktische Meer, war aber noch lange nicht am Ziel. Stattdessen ging es die jäh abfallenden Felsen in anderer Richtung wieder hinunter, über allerlei Gestein, durch hohe Gräser und Matsch. Ohne den Halt und die Orientierung, die ein an der Route gespanntes Seil bot, wären einige Musikliebhaber wohl abhandengekommen.
Schließlich fanden sich die Fans verschwitzt, verschmutzt und glücklich überwältigt vor der wohl denkbar ungewöhnlichsten Konzertbühne: einer imposanten Grotte, tief in den Felsen gefräst, die schon ohne Musik ein Ereignis ist. Kirkeheleren nennen die Einheimischen den Ort, was sich als Kathedralen-Höhle übersetzen lässt. Moddi, unterstützt von einem einheimischen Chor, hatte es nicht schwer, an diesem märchenhaften Ort sein Publikum zu euphorisieren.
Große Träume in der Grotte
Die Grotte ist nur einer von vielen spektakulären Orten, an denen seit dem Sommer 2003 alljährlich an einem langen Juli-Wochenende das "Trænafestivalen" stattfindet. Es ist das wohl abgelegenste und unglaublichste Pop-Spektakel der Welt. Und eines der letzten, an denen die Ursprungsidee des Openair-Festivals noch spürbar ist: Es ging da ja mal um Freiheit, Abenteuer und den Traum vom wilden und gefährlichen Leben.
Erlend Mogard-Larsen, Chef und Erfinder des Festivals, sieht aus wie ein Statist aus "Der Herr der Ringe", ein eher wortkarger Hüne mit zum Zopf geflochtenem, blondem Haar und einer Vorliebe für dicke, kratzige Wollpullover. Ihm kam die Idee, Musiker zum Polarkreis zu locken, als er im Alter von zwölf Jahren vor der Grotte rumkraxelte, auf der Suche nach Möweneiern. "Ich kletterte da mitten in der Nacht herum, so gegen drei Uhr morgens, und als ich mal einen längeren Blick auf die Grotte warf, überkam mich diese Vision, wie großartig es sein müsste, da tolle Musik zu hören", erinnert sich der 41-Jährige, dessen Großmutter auf der Grotteninsel lebte.
Insgesamt umfasst die norwegische Gemeinde Træna, durch deren geografische Mitte der Polarkreis verläuft, mehr als tausend Inseln. Vor mehr als 9000 Jahren sollen hier die ersten Menschen gesiedelt haben, heute sind noch vier der Inseln dauerhaft bewohnt. Viele der Einwohner leben von der Fischindustrie, angeblich sollen unter dem Meeresboden große Ölvorräte lagern. An diesen entlegenen, tausend Kilometer von Oslo entfernten Ort lotste Mogard-Larsen bereits Größen wie Richard Hawley, Spiritualized, Kings of Convenience und Damien Rice.
Die Natur als Haupt-Act
Andererseits ist es fast egal, was für tolle Namen die Programmmacher jedes Jahr aufbieten, denn der größte Star in Træna ist die Natur: die Sonne, die um Mitternacht so unbeeindruckt strahlt wie mittags, die Felsen, die majestätisch in den eisblauen Himmel ragen, und die einsamen Strände, die vom türkisblauen Wasser umspült werden. Aus aller Welt, von Japan bis Deutschland, von Frankreich bis aus den USA kommt das Publikum, um diese Show zu erleben.
Rockfestivals sind die letzten intakten Gelddruckmaschinen der strauchelnden Musikindustrie: monströse Entertainment-Spektakel wie das Glastonbury-Festival, Rock am Ring, Bonnaroo, T in the Park, Pinkpop oder Roskilde, bei denen Eintrittspreise von mehr als hundert Euro keine Seltenheit sind. Dazu kommt der ausufernde Kommerz-Zirkus, der jede dieser Großveranstaltungen mit T-Shirts, Verpflegung, Alkohol und anderem Krimskrams begleitet. Events, die immer mehr den Charakter einer All-inclusive-Reise an die türkische Südküste haben.
Das Træna-Festival ist eine stille, wundersame und atemraubende Alternative zu all diesen Mega-Spektakeln. Nur 2000 Tickets werden pro Jahr verkauft; Geld ist dort nicht der Motor der Verantwortlichen.
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© KulturSPIEGEL 7/2011
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