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Popkomm-Absage: Angst vor der Flatrate

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Die weltweit größte Musikmesse Popkomm wird dieses Jahr nicht stattfinden - die Branche leide zu sehr unter den illegalen Downloads. Ein fadenscheiniges Argument: Die Plattenfirmen sperren sich gegen innovative Ideen wie die Kultur-Flatrate und üben stattdessen Druck auf die Politik aus.

Tim Renner bracht es im Deutschlandradio auf den Punkt: Wenn es denn wahr sein soll, dass die diesjährige Popkomm ausfällt, weil die Internet-Piraterie die Musikindustrie ruiniere, dann sei der Branche das reichlich spät aufgefallen. Denn die größten Einbußen wegen illegaler Downloads, rechnete der ehemalige Universal-Chef vor, haben die Plattenfirmen zwischen 1998 und 2003 hinnehmen müssen.

Popkomm-Gründer Gorny: Politische Sanktionen statt neuer Ideen Zur Großansicht
dpa

Popkomm-Gründer Gorny: Politische Sanktionen statt neuer Ideen

In der Tat: Die Begründung ist fadenscheinig und ein leicht zu durchschauender Versuch, die Krise der Musikindustrie für eine Kampagne zu nutzen, die Popkomm-Gründer Dieter Gorny schon seit Jahren fährt: "Wir wollen ein Zeichen setzen, dass die Politik nun endlich handeln muss, um den Diebstahl geistigen Eigentums im Netz zu stoppen", erklärte der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie einmal mehr anlässlich der Popkomm-Absage am Freitag.

Die Major-Plattenfirmen, die Gorny repräsentiert, fordern von der Politik Maßnahmen wie in Frankreich: Nach drei Verwarnungen soll jenen, die urheberrechtlich geschütztes Material downloaden, der Internetzugang gesperrt werden. Nur: Das erst im Mai verabschiedete Gesetz ist erst vor ein paar Tagen vom französischen Verfassungsrat kassiert worden - zu Recht. "Die Sperrung von Internet-Zugängen halte ich für eine völlig unzumutbare Sanktion", hatte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries schon während der Diskussion um das umstrittene Gesetz erklärt. "Sie wäre verfassungsrechtlich und politisch hochproblematisch."

Mit der Popkomm-Absage wollen Gorny und Co. jetzt die nötige Alarmstimmung verbreiten, um solche Bedenken vom Tisch zu wischen. Viele Unternehmen könnten es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen - so erklärte Gorny die niedrigen Anmeldezahlen für die Popkomm. Doch die Begründung ist Nebelwerferei.

Natürlich: Dass der Umsatz aus dem Tonträgerverkauf in den letzten zehn Jahren um 41 Prozent zurückgegangen ist, hat viel mit dem Internet zu tun. Wer heute nach neuen Sounds sucht, surft MySpace oder Musikblogs ab. Von der Lieblingsband kauft man auch mal eine CD, alles andere ist ja online immer verfügbar, illegal, aber eben auch ganz legal.

Mit den geänderten Konsumgewohnheiten ist auch das auf CD-Verkauf basierende Geschäftsmodell in die Krise geraten. Dass die Popkomm abgesagt werden musste, beweist nur, dass sie in den letzten Jahren eher der Selbstdarstellung als dem Geschäftemachen diente. Kostspielige Renommier-Messestände und Showcases mag sich die Branche eben nicht mehr leisten.

Und an all dem sollen jetzt die bösen Tauschbörsianer schuld sein? Branchenvisionäre wie Tim Renner verweisen seit Jahren darauf, dass die Peer-to-Peer-Anarchie nicht politisch in den Griff zu bekommen ist und fordern ein Umdenken - etwa in Richtung einer Kulturflatrate für alle: Jeder Internet-User zahlt mit dem Anschluss eine Gebühr an eine Verwertungsgesellschaft, aus dem dann die Urheber ihren Anteil am Download-Kuchen ausbezahlt bekommen.

"Monetizing Anarchy" nennt der US-Musikmanager Jim Griffin die Idee: Die illegalen Download-Börsen würden auf diese Weise zu legalen Marktplätzen im Internet, auf denen auch die Plattenfirmen ihren Schnitt machen. Doch Gorny und Co. lehnen das Modell entschieden ab. Man kann nur hoffen, dass die Politik nicht auf ihr Lamento hereinfällt. Denn dass sich die Plattenfirmen durch härtere Verfolgung von Download-Langfingern aus der Krise befreien, bleibt Wunschdenken von Lobbyisten, die sich an ein überholtes Geschäftsmodell klammern, statt neuen Ideen den Weg zu bereiten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Selber Schuld
Martin205 19.06.2009
Haben sich die Plattenfirmen denn nicht selbst in Abseits geschossen mit den immer komplizierteren Kopierschutzmechanismen ihrer CD´s, die selbst viele CD-Player in die Knie zwangen? Wer kauft sich noch eine CD, wenn er a)nicht sicher sein kann, diese auch abspielen zu können und b)gar nicht oder nur mit Mühe auf den MP3-Player kopieren kann. Mir scheint, da haben einige, viel zu hoch bezahlte, Herren den Trend der Zeit verschlafen. Die pauschale Abgabe pro Internetzugang ist auch Blödsinn, da nicht jeder, der ins Internet will, auch Musik herunter lädt. Da hätten wir ja eine zweite GEZ. Vernünftige Preise + kein Kopierschutz + einfacher Zugang ist das Erfolgsrezept um in der heutigen Zeit mit Musik Geld zu machen. Jegliche Form der Gängelei verschreckt nur die Kunden.
2. Wenn die Ente....
dokken 19.06.2009
...nicht schwimmen kann, ist das Wasser dran Schuld! Herr Gorny und die Major-Labels verkennen, wie schon seit Jahren, die Realität und ihre Möglichkeiten. Es geht nur ums Prinzip und nichts anderes. Flexibel, wie ´ne Bahnschranke halt.
3. Schlechter Artikel!
mister_L, 19.06.2009
Wurde da in letzter Minute noch der Artikel umgeschrieben um die "Kulturflatrate" nicht als DIE neue Idee zu benennen? Da hat sich der Autor offenbar noch nicht eingehend mit der Problematik der Vergütungsmöglichkeiten für geistiges Eigentum auseinandergesetzt. Die Kulturflatrate ist kein neuer und schon gar kein geeigneter Lösungsweg. Allenfalls das Unwort des Jahres und ein, in Raubkopiererkreisen und bei Uninformierten oft missverstandener Ansatz. Das gerade einflussreiche Lobbygruppen ein Interesse daran haben diese Form der Vergütung durchzusetzen soll hier ersteinmal gar keine Rolle spielen. Einmal den Ansatz durchdenken und dann wieder verwerfen... Andererseits: Jetzt wo von den Internetprovidern schon Sperrfilter eingerichtet worden sind könnte man den Datenfluss eigentlich gleich komplett kontrollieren lassen. Oder wie wollen SIE einmal für Ihre Tätigkeit entlohnt werden? Jedes Mal wenn hier jemand auf Ihren Artikel klickt, oder doch lieber jedes mal, wenn jemand auf einer von Millionen Homepages die Kopie Ihres Artikels lesen möchte? Oder gar nicht mehr? Weil Ihre geistige Schöpfung vom Auswertungssystem für die "Kulturflatrate" nicht erfasst wird? Oder nur unzureichend erfasst wird? Weil Sie dafür nicht die Definitionsmacht besitzen? Und schon gar nicht die Ressourcen um eine Kontrolle zu gewährleisten? Oder wollen Sie vielleicht doch gar keine "totale Kontrolle"? Anstatt sich in den Chor der "Wir wollen alles umsonst oder zumindest nicht mehr als 5 Euro pro Monat bezahlen"-Schreihälse einzureihen hätte ich an dieser Stelle eine differenziertere Betrachtung des Problems erwartet. Einen konstruktiven Lösungsvorschlag dagegen nicht, denn den hat bisher kaum jemand vorgelegt. Dafür reicht es auch nicht aus, einmal oberflächlich auf der Welle der Masse mitzureiten. Spätestens wenn sich Journalisten um Ihr Lohn und Brot sorgen müssen, weil niemand mehr bereit ist für etwas zu bezahlen, das es überall (und sei es auch "nicht ganz legal") umsonst gibt wird hoffentlich zumindest die Berichterstattung anders werden. Es ist jedenfalls nicht leicht heutzutage Urheber zu sein, oder mit geistigen Schöpfungen sein Geld zu verdienen.
4. ...
Newspeak, 19.06.2009
Gorny soll sterben gehen, wenn er mit nichts zufriedenzustellen ist! Echt schade, was aus diesem Mann, der in jungen Jahren selbst mal einen gewissen Anarchotouch gehabt hat, geworden ist. Ein reaktionärer Geldsack. Solange mir youtube ungefragt ein Musikvideo nach dem anderen in den Cache lädt und die Musikindustrie nichts besseres zu tun hat als alten Pfründen nachzujammern kann die Popkomm meinetwegen ausfallen. Am besten schafft man gleich die Musikindustrie mit ab, die sowieso nur Künstler verwaltet und ausbeutet, aber sonst keinen Anteil an der kreativen Idee hat.
5. Kulturflatrate
fear_my 19.06.2009
Es gibt sie doch schon, die Kulturflatrate. Neben der GEZ eben GEMA Gebühren, fallen beim Kauf aller Güter an, die sich zum Kopieren eignen (Rohlinge, CD/DVD Brenner, Scanner...). Ob man sie letztendlich dafür einsetzt illegal was zu kopieren, interessiert die Musikindustrie auch nicht.....es ist doch jetzt schon, als ob man beim Kauf eines Küchenmessers eine pauschale an seine Krankenversicherung zahlen müsste (ob der Gefahr des Schneidens).
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