Popsängerin Anna Die Möglichkeit einer Insel

Vor vier Jahren schmiss Anna Depenbusch alles hin und flüchtete nach Island. Fernab der Heimat fand die Hamburger Sängerin zu sich selbst und schrieb Songs für ein mutiges Debüt-Album, das mit großer Intimität überzeugt.

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Vielleicht muss man manchmal einfach abhauen. Raus, dem Alltag entfliehen, den Kopf klarkriegen, wie man in Hamburg sagt. Hier, an Alster und Elbe, wurde Anna Depenbusch im Herbst 1977 geboren, hier verbrachte sie fast ihr ganzes Leben, fuhr Gemüselaster auf dem Deich, spielte in mehreren Bands, sang Jazz in einem Nachtclub auf der Reeperbahn und komponierte Theatermusik am Thalia Theater. Aber Künstlerin zu sein im Medienmekka Hamburg, das ist nichts Besonderes. Zu viele Mucker, Möchtegern-Stars und Sternchen tummeln sich zwischen Schanzenviertel und St. Pauli, nur die wenigsten schaffen den Sprung ins Rampenlicht, der Konkurrenzdruck ist groß.

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Anna Depenbusch: Auf der Suche nach dem Island-Gefühl
Vor vier Jahren, damals war sie 24, wusste Anna nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Nach diversen Jobs als Background-Sängerin, unter anderem bei der Popgruppe Orange Blue, fühlte sie sich leer und orientierungslos. "Ich wusste nicht mehr, was das alles sollte, und brauchte eine Rückzugsgelegenheit, um über alles nachzudenken und herauszufinden, was ich eigentlich will", sagt sie im Interview.

Hals über Kopf verließ sie die Stadt und reiste nach Island. "Das kannte ich nur aus dem Fernsehen, diese Ruhe, die Landschaften und die Bilder von Reykjavik, bei denen ich immer dachte: Sieht das da wirklich so aus?" Im Dezember 2001 bricht sie mutterseelenallein auf, um mehrere Monate lang die Insel und sich selbst zu erkunden. "Ich hatte nur mein kleines, portables Aufnahmestudio und ein paar Telefonnummern dabei". Das Ergebnis dieser Suche ist nun bei einer kleinen Hamburger Plattenfirma als CD erschienen. "Ins Gesicht", Annas Debüt-Album, ist das intime Porträt einer Frau, die ihre eigene Stimme gefunden hat und sich nicht scheut, die Menschen mit Gefühlen zu konfrontieren.

"Ich wollte entdecken, was aus mir rauskommt, wenn ich alleine und total frei bin", sagt sie und schwärmt von der unbefangenen Art der Isländer. Alles dort sei viel offener, "die Menschen gehen aufeinander zu und motivieren einander, statt zu zögern und zu zweifeln. Die Leute dort sagen einfach: Du willst Musik machen? Super, mach doch mal - und überleg dir später, was dabei herauskommt." Eine Atmosphäre, die in Deutschland, wo jeder nur an sich denke und anderen den Erfolg neide, nur schwer zu finden sei. Auf Island, sagt Anna, sei ihr zum ersten Mal aufgefallen, "wie eng es in Hamburg ist, sowohl räumlich als auch menschlich".

Zuerst habe sie die offene Art der Isländer als naiv empfunden, "aber es hat mehr mit Mut zu tun, sich mit einem gewissen Selbstbewusstsein zu präsentieren, zu sagen: Hier bin ich." In Reykjavik, meint sie, passiere so viel, weil es eben ein kleines Dorf ist. "Da bewegen sich Dinge schneller als hier, wo alles oft nur träge Masse ist."

Inspiriert von ihrem Island-Gefühl schreibt Anna im Exil erste Songs über Liebe, Freundschaft und Einsamkeit, aber auch über die Natur und über ihr fernes Zuhause. "Heimat", so heißt auch jener Song auf ihrem Album, der vielleicht am ehesten verdeutlicht, was Anna Depenbusch von anderen Pop-Sängerinnen unterscheidet. Wann immer sich in letzter Zeit Musiker an das Deutschlandgefühl wagten, geriet das Resultat entweder zum pathetischen Schwulst oder zog sich auf den seit '68 bequemen Posten der kritischen Distanz zurück.

Anna jedoch, die den Text für ihr "Heimat"-Lied kurz nach ihrer Rückkehr aus Island schrieb, ließ einfach ihren Empfindungen freien Lauf. Begleitet vom Piano singt sie darin romantische Zeilen wie diese: "Weil ich hier hergehöre/ ob ich will oder nicht/ Ich habe keine Wahl/ Sie hat mich/ Ganz egal wo ich bin/ Meine Heimat und ich/ Sind verwandt für den Rest dieser Zeit".

War sie sich der heiklen Nebentöne des Themas bewusst? "Ich hab da gar nicht viel drüber nachgedacht", lacht sie, "der Song kam einfach so aus mir heraus. Später bekam ich dann Skrupel und wollte noch eine dritte Strophe schreiben, aber das ging nicht. Da passte nichts mehr rein." Ob es in "Heimat" wirklich um ein unbedarftes Nationalempfinden geht, will Anna lieber offen lassen: "Der Song handelt vielleicht von einem Menschen, also einer Beziehung, die meine Heimat ist, es kann aber auch Hamburg sein oder eben Deutschland."

Auf Island bleiben, das kam trotz aller positiven Erfahrungen nicht in Frage. "Ich hatte da ein Verbundenheitsgefühl, das mich überrascht hat. Also dachte ich: Ich muss da leben, ich muss dableiben. Aber das war dann auch nicht richtig. Ich gehöre schon hierher." Was sie jedoch mitgenommen habe, "ist das Gefühl, dass es eigentlich nichts zu befürchten gibt".

Zurück in Hamburg verstörte sie mit ihrem neuen Selbstbewusstsein sogar die Mitglieder ihrer aus Freunden und lokalen Musikern zusammengesetzten Band. Als sie an den Anfang des Refrains von "Ins Gesicht" die unverblümte Zeile "Ich liebe Dich" setzte, meinten einige, "das sei zu persönlich, das könnte man nicht machen". Dass sie es trotzdem wagte und sich damit der Öffentlichkeit stellte, findet sie mutig, aber auch provokant: "Es ist spannend zu beobachten, wie die Leute damit umgehen", sagt sie, es gebe die unterschiedlichsten Reaktionen auf ihre Musik, bis hin zu purer Abwehr. "Manche sagen: Damit will ich nichts zu tun haben. Da kann ich nur sagen: Das ist aber schade!"

Bei einem kleinen Club-Auftritt, den die Plattenfirma Mitte Oktober anlässlich ihres Geburtstages in Hamburg ausgerichtet hatte, konnte Anna vor rund 300 Gästen testen, wie ihre intime Popmusik ankommt. Die verzauberten Gesichter im Publikum, der aufrichtige Applaus und die Sympathie, die der gut aussehenden Sängerin mit der dunkelblonden Lockenmähne dort entgegengebracht wurde, scheinen ihr Recht zu geben. "Ich möchte Menschen dazu inspirieren, sich ihren Gefühlen zu öffnen", sagt sie, "wenn die Leute so eine persönliche Platte hören, hoffe ich, dass die Leute sich an etwas erinnert fühlen, was sie von sich selbst kennen."

So viel Ernsthaftigkeit sorgt allerdings auch für eine Schwere, die von der Musik aufgefangen werden sollte. Ursprünglich, erzählt Anna, hatten alle Songs einen fast Techno-artigen Sound: "Ich war fasziniert von der Kombination meiner Stimme mit synthetischen Loops". Doch dann entschied sie sich für eine, wie sie sagt, zeitlosere und zärtlichere Variante. Leider ist die Produktion dabei oft ein bisschen zu bieder geraten. Wo hemmungslos gerockt werden müsste, im optimistischen "Leinen los", wird zu zaghaft gezupft, wo Soul-Gefühl aufkommen soll, ist der Sound manchmal zu jazzverliebt und kalt. Die elektronischen Versionen mancher Songs sollen nun im kommen Frühjahr veröffentlicht werden. Aber ob als Jazzpop oder Minimal-Elektro - Annas Texte sprechen für sich selbst.

Die Sängerin, die auf dem Cover ganz metaphorisch aus einem Kokon schlüpft, will sich stilistisch nicht auf ihr Debüt festlegen lassen. "Es gab jetzt diese Pause, in der ich nur für dieses Album da war, aber jetzt kann ich mir auch wieder vorstellen, andere Sachen auszuprobieren". Was immer sie macht, wohin die Reise auch geht, bewahren will sie sich dieses magische Island-Gefühl - die Möglichkeit einer Insel.

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