Popsängerin Sia Songs für den Psychiater

Vollblutmusiker leben vom Applaus - und für die Sängerin Sia gilt das ganz besonders. Die Australierin ist krankhaft abhängig von der Aufmerksamkeit anderer. Ihr Trost: Wunderschön melancholische Songs, die Unterwäsche verkaufen helfen und sogar Christina Aguilera gefallen.

Von Thomas Winkler


Sia ist Sängerin, Songschreiberin, Regisseurin, Modedesignerin und nicht zuletzt das netteste Psychowrack der Welt. Fragt man sie, wie häufig sie ihren Therapeuten besucht, bekommt man eine freundliche Antwort: "Ziemlich oft." Und fragt man nicht, erfährt man trotzdem in welcher Frequenz sie Nervenzusammenbrüche erleidet: "Ungefähr alle sieben Jahre. Ich liebe das." Beide Aussagen beschließt sie mit einem schallenden Lachen.

Da erscheint es nur logisch, dass Sia, die vor 33 Jahren als Sia Furler geboren worden ist, ihr musikalisches Schaffen mit Begriffen aus der Psychoanalyse einordnet. "Meine gesamte Arbeit ist geprägt von meiner Co-Abhängigkeit", erzählt sie mit einem Blick, als spräche sie nicht von dem psychologischen Defekt, zwanghaft von der Aufmerksamkeit und Bestätigung anderer abhängig zu sein, sondern von einer gesunden humanistischen Bildung. Kein Wunder, dass sie bereits vor längerer Zeit mit "Speed Dial Number Two" eine Hymne auf ihren Therapeuten geschrieben hat.

"Im Privatleben ist das nicht so toll"

Seit ihrer Kindheit im australischen Adelaide, die sie in einem Durchgangszimmer ihres Elternhauses verbrachte, habe sie Probleme damit, sich unabhängig von anderen Menschen zu definieren. Wenn ständig die gesamte Familie, alle Verwandten und Freunde durchs eigene Kinderzimmer spazieren, wird es schwierig, sich abzugrenzen von fremden Gefühlen. Erst eben habe sie einen übernervösen Journalisten in die Arme nehmen und zusammen mit ihm Entspannungsübungen machen müssen. "Dadurch kann ich zwar prima in fremde Perspektiven schlüpfen", freut sie sich und verknotet dabei ihre Beine wie ein schüchterner Teenager, "aber im Privatleben ist das nicht immer so toll".

Dieses Privatleben hat andererseits aber sehr direkten Einfluss auf ihre Musik. Gerade als sie sich aufgemacht hatte, um nach ersten Erfahrungen als Jazzsängerin das heimische Australien hinter sich zu lassen, ereilte sie das Schicksal: In London wurde ihre erste große Liebe von einem Taxi überfahren.

Diesen Verlust verarbeitete sie in den Songs ihrer ersten drei Alben "Healing Is Difficult" (2000), "Colour The Small One" (2004) und dem in ihrer neuen Heimat USA bereits vor einem Jahr herausgekommenen "Some People Have Real Problems", das erst jetzt hierzulande erscheint.

"Beim ersten Album ging es darum, den Schmerz zu verdrängen", erzählt Sia. "Das zweite handelt davon, den Schmerz zuzulassen und zu fühlen. Und das Thema des dritten Albums schließlich ist es, endlich Abschied zu nehmen von diesem Schmerz. So hat das jedenfalls vor ein paar Monaten mal jemand für mich analysiert."

Unverschämt eingängiges Pop-Album

Tatsächlich lässt sich das bisherige Solo-Werk von Sia Furler, die zuvor als rauchige Stimme des Grammy-nominierten TripHop-Projekts Zero 7 eine gewisse Bekanntheit erlangte, als Wiederzuwendung zum Leben lesen. Mit jedem Album werden die Harmonien heller und die Melodien fröhlicher. "Some People Have Real Problems" ist zwar immer noch melancholisch, aber grundsätzlich ein unverschämt eingängiges Pop-Album mit einem Gastauftritt von Beck und einer Handvoll potentieller Hitsongs, die von so spannenden Themen handeln wie kleinen schwarzen Sandalen, die Leben retten können.

Die Aufnahmen zu dieser letzten Platte liegen nun allerdings schon wieder so weit zurück, dass allzu viele Fragen zu "Some People Have Real Problems" nur dazu führen, dass Sia Furler "langsam aber sicher von sich selber gelangweilt ist". Tatsächlich hat sie längst die Lieder für ein nächstes Album fertig geschrieben, die Aufnahmen sollen demnächst beginnen. Außerdem steht ab kommender Woche die ehrenvolle Aufgabe an, Christina Aguilera beim Songschreiben unter die Arme zu greifen. Danach wartet schon Natasha Bedingfield auf die Dienste von Sia.

Ob sie selbst mit ihren eigenen Songs in die kommerziellen Sphären ihrer Auftraggeberinnen wird aufsteigen können, da ist sich Furler nicht sicher. Bislang hat sie mit dem klassischen musikalischen Kerngeschäft, also dem Verkauf von CDs und Konzerttickets, angeblich "noch keinen einzigen Cent verdient". Das Geld komme vor allem herein durch Lizensierungen: Sias Songs sind beliebt bei Produzenten von TV-Serien, Filmen und Werbeclips. Vor allem seit das wundervoll depressive "Breathe Me" ausgerechnet in der Bestatter-Serie "Six Feet Under" Verwendung fand, wollen nicht nur Softdrink- und Unterwäsche-Hersteller mit ihren Liedern werben.

Hoffnungslose Aufrichtigkeit

Damit liegt Sia Furler nun, da wir Abschied nehmen dürfen von der klassischen Musikindustrie, voll im Trend. Sie selbst sieht sich sowieso weniger als Musikerin, sondern eher "als visuelle Künstlerin". Ihrer Band schneidert sie höchstpersönlich die extrovertierten Bühnenkostüme und für ihre durch die Bank sehenswerten Videoclips führt sie oft selbst die Regie.

"Meine Musik ist manchmal ja ein bisschen kitschig", sagt sie, "also muss ich umso mehr auf meine visuelle Erscheinung, auf mein Image achten." So naiv das klingen mag, Sia Furler weiß wie das Geschäft läuft und hat kein Problem damit, sich selbst als "Produkt" zu bezeichnen.

Zu diesem Produkt gehört auch ein sorgloser Umgang mit privaten Informationen. Furler beantwortet nicht nur jede noch so intime Journalistenfrage mit hoffnungsloser Aufrichtigkeit, sondern auch sämtliche Fan-Anfragen auf ihrer Internet-Seite selbst.

Vor fast einem Jahr erwähnte sie in einem Interview mit einem Schwulen-Magazin, dass sie gerade in eine Frau verliebt sei. Eine Information, die ihr eigener, selbst schwuler Manager, gern geheim gehalten hätte. "Aber was soll's?", sagt sie nur, "ich hab ja nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich bisexuell bin. Soll ich jetzt damit anfangen, nur weil ich ein bisschen bekannter werde?"

Tatsächlich scheinen die Zeiten vorbei, in denen eine Künstlerin wie K.D. Lang nach ihrem Coming-out von der schwulen Gemeinde umso inniger ins Herz geschlossen und im Gegenzug vom Mainstream-Publikum ignoriert wurde.

Nein, Sia Furler hat da keine Bedenken, ihr könnte ähnliches widerfahren. "Sollte ich denn?", fragt sie und lacht natürlich wieder laut - und natürlich hat sie Recht: Warum sollte sich ausgerechnet jemand Grenzen setzen, der keine Grenzen kennt.


Sia: "Some People Have Real Problems", erschienen bei Hear Music/ Universal



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Melchior Berton 02.02.2009
1. Sia KCRW
Sehr zu empfehlen sind auch diverse Radio-Konzerte (z.B. KCRW http://www.youtube.com/results?search_type=&search_query=sia+kcrw&aq=f ) mit ihr. Melchior
multiplexer, 02.02.2009
2. Sia...
Fantastische Musik!
claptomane 02.02.2009
3. Nicht aus Berlin?
Nach Lektüre des ersten Satzes "Sia ist Sängerin, Songschreiberin, Regisseurin, Modedesignerin und nicht zuletzt das netteste Psychowrack der Welt." dachte ich zunächst, es handele sich um eine von den gefühlten 8 1/2 Millionen Sängerin bzw. "Performerinnen" aus Berlin/Prenzlauer Berg/Mitte (Männer inbegriffen, Unterschiede gibt's da eh kaum noch), die sich mit ihrem Therapeuten-Geschwurbel interessanter machen wollen, weil ihnen von Hause aus weder Phantasie noch ein bewegicher GEist vermacht wurden. Zum Glück ist sie es nicht und ich werde mir gerne die Platte anhören.
deroptimist, 02.02.2009
4. Große Zukunft
Sia tourte letztes Jahr erstmalig durch England und die USA. Schade, dass ich es verpasst habe! Endlich mal eine Stimme und Musik, die noch nicht durchkommerzialisiert wurde und sich vom Mainstream angenehm abhebt. Eine echte Entdeckung!
Großstädter 02.02.2009
5. Für mich war Sia eine Entdeckung ...
... als im vorigen Frühsommer im Radio oft eine Dance-Version von "The Girl You Lost To Cocaine" ("Jens O. Remix") lief, die mir sehr gut gefiel - allerdings sagte mir der Name "Sia" überhaupt nichts. Aber in solchen Fällen hilft ja heutzutage YouTube schnell weiter... Und dann habe ich also Stunden wie gebannt vor dem Monitor verbracht und mir Videos angeschaut (sonst nicht so mein Ding ...), konnte es kaum fassen, was da für eine fantastische Sängerin mit unglaublicher "Sangesfreude", und mit einer ganz außergewöhnlichen Stimme zu entdecken ist - meiner Meinung nach derzeit wirklich einzigartig. Ich hoffe sehr, dass ihre Platte auch in Deutschland Erfolg haben und sie hier Konzerte geben wird - ein Konzert in Glasgow im vorigen Jahr (im Rahmen ihrer UK-Tour) hat mir zwar sehr gut gefallen, aber man kann ja nicht ständig 1.500 Kilometer weit reisen, um Sia live zu erleben ... Es war außerdem schwierig, Karten zu bekommen, da das Konzert schon Monate im Voraus ausverkauft war (zum Glück hatte ein freundlicher Glasgower dann doch noch 2 Tickets zu verkaufen, und hat sie uns direkt vor dem Konzert dort vorbeigebracht - auch ein nettes Erlebnis :-) ) - in UK ist Sia ja längst eine "etablierte Größe", auch durch ihre Zeit bei Zero 7. Und sie ist tatsächlich live genau so wie in den Videos: Charmant, aufmerksam, dem Publikum zugewandt, aber auch verspielt und eigensinnig - von ihrer grandiosen Stimme, die in kleineren Clubs auch problemlos ohne Mikro auskäme, mal ganz abgesehen... Man kann bei den oben verlinkten KRCW-Aufnahmen aus verschiedenen Jahren schon sehen, wie viele unterschiedliche Facetten Sia in sich trägt - man mag teilweise kaum glauben, dass es sich da immer um die selbe Frau handelt; manchmal wirkt sie wie eine verspielte und charmante 16jährige, manchmal wie eine 40jährige. Ich finde besonders die "akustischen" Versionen, bei denen ihre Stimme im Vordergrund steht, gut - mein Favorit ist "Day Too Soon" (http://www.youtube.com/watch?v=dmMjOOhgwso), da hier Sias sicherlich ziemlich komplexe Persönlichkeit erkennbar wird - das Lied ist zugleich kraftvoll und melancholisch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.