Popstar Adele "Ich bin nicht so ein debiles Modepüppchen"

Vom Gruselrock-Teenie zum Soulwunder: Als 19-Jährige sang sich Adele mit ihrem Debüt in die Herzen und in die Charts. Jetzt erscheint ihr neues Album "21". Im Interview spricht sie über die Zusammenarbeit mit Star-Produzent Rick Rubin - und den faszinierenden Akzent ihrer Kollegin Lena.

XL Recordings/ Mari Sarii

SPIEGEL ONLINE: Der amerikanische Produzent Rick Rubin, der bereits mit Johnny Cash, Metallica, Red Hot Chilli Peppers und den Beastie Boys gearbeitet hat, lehnt die meisten Anfragen ab und war nie als Fan britischer Popmusik bekannt. Wie kam der dazu, Ihr neues Album "21" zu produzieren?

Adele: Das habe ich mich auch gefragt. Aber wenn Rick Rubin eines Morgens anruft und vorschlägt, gemeinsam ein Album aufzunehmen, sagst du einfach zu, wenn du noch alle Sinne beisammen hast. Denken kann man dann später noch. Du fliegst nach Malibu, wo Rubins Studio in den Hügeln über dem Meer liegt, da kreischen ein paar Möwen, sonst hörst du nur die Wellen. Dann triffst du dort die Studiomusiker, deren Namen du vom Kleingedruckten auf den Hüllen der von Rubin produzierten Platten kennst und dann spielst du mit dieser Gang erst mal ein Weilchen drauflos, damit man sich kennenlernt. Es war surreal, ein Traum.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich das Besondere an Rick Rubin?

Adele: Dass ihm die Charts total egal sind. Viele andere Produzenten studieren Tag und Nacht, was auf den ersten zwanzig Plätzen los ist, um einen Sound hinzukriegen, der irgendwie erfolgreich ist. Aber Rick Rubin geht es tatsächlich nur um Musik, alles an ihm ist old school. Ich vermute, es hat Rubin fasziniert, dass ich als Person das Gegenteil von ihm bin: Er ist dieser schweigsame, in sich ruhende amerikanische Titan und ich bin diese laute, hysterische und nervöse britische Irre. Er hat mich dann etwas beruhigt, und ich habe dafür etwas Trubel in seinen Zen-Alltag gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen, die ihr erstes Album "19" mit Hits wie "Chasing Pavements" millionenfach kauften, sind nicht unbedingt das Publikum für Rick Rubins Musik. Mussten Sie ihren Stil für Rubin ändern?

Adele: Es war ein Drahtseilakt. Ich bin eine Pop-Sängerin, er ist ein Rock-Country-Metal-HipHop-Produzent. Ich wollte aber nicht die Menschen verprellen, die mein Debütalbum gekauft haben. Immerhin habe ich es allein ihnen zu verdanken, dass ich ein weiteres Album aufnehmen durfte. Was soll ich also mit einer coolen Rock-Platte, die mein Publikum nicht interessiert? Aber andererseits will ich mich auch weiterentwickeln als Musikerin. Um die Songs abwechslungsreicher zu machen, habe ich mit vielen Co-Autoren gearbeitet. Eine schwierige Angelegenheit, aber ich bin mit dem Resultat zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Hat Rick Rubin ihre Songs vorher abgesegnet?

Adele: Bedingt. Ich habe sie in London geschrieben und ihm dann die Demo-Aufnahmen nach Malibu gemailt. Was die Texte angeht, hat er sich rausgehalten, da hätte ich auch keine Eingriffe geduldet. Rick ist eher für den Sound zuständig, da ist sein Rat Gold wert. Er entscheidet zum Beispiel, ob Klavier oder Gitarre ein Lied dominieren, manchmal bestimmt er auch das Tempo. Außerdem hatten wir zu viele Songs. Er hat dann vorgeschlagen, welche auf das Album kommen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Ihr erstes Album "19" wurde mehr als zwei Millionen mal verkauft. Arbeitet es sich unbequemer mit Erfolgsdruck?

Adele: Zu den Vorteilen, bei einer kleinen unabhängigen Plattenfirma unter Vertrag zu sein, gehört, dass die dich in Ruhe lassen. Ich habe ihnen nach dem letzten Album gesagt: Ich bin gestresst, und wenn ich gestresst bin, kann ich keine Lieder schreiben. Also haben sie geduldig gewartet, bis ich wieder entspannt war.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihre erste große USA-Tournee kurz vor Start abgeblasen, weil Sie auch in Ihrer Beziehung gestresst waren. Gab das keinen Ärger?

Adele: Logisch, da hat es schwer gerummst hinter den Kulissen. Aber was sollte ich machen, ich hatte Liebeskummer! Na und? Ich bin nun mal ein emotionaler Mensch. Natürlich war mir das peinlich und ich habe Abbitte bei meinen amerikanischen Fans geleistet mit einer viel längeren Wieder-Gut-Mach-Tournee. In Amerika kann man als Brite nur Erfolg haben, wenn man vor Ort ist. Die wollen sehen, dass man arbeitet und schwitzt und überhaupt Einsatz zeigt. Das habe ich getan, seitdem läuft es.

SPIEGEL ONLINE: Was entspannt Sie, wenn Sie unter Strom sind?

Adele: Essen und kochen. Schauen sie mich an! Ich bin eine Meisterin im Backen von Cupcakes. Zu Halloween und Weihnachten habe ich meinen Wohnungsnachbarn Kekse vorbeigebracht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Pop-Elite-Institut Brit School in London absolviert, wo auch Amy Winehouse, Leona Lewis, Katie Melua, The Kooks und Kate Nash ihr Handwerk lernten. Was war die wichtigste Lektion, die Sie dort bekamen?

Adele: Fragen Sie besser, welche Lektion ich dort überhaupt gelernt habe! Mein Problem war, dass ich mich total langweilte. Der Schwerpunk des Unterrichts dort ist Theorie: Schnarch! Ich stand meistens rauchend vor der Tür. Mein Pech - ich war Teenager. Aber wahrscheinlich habe ich dort Toleranz gelernt. Man hat dort praktischen Unterricht in Gruppen von vier bis fünf Schülern, man muss Aufgaben bewältigen, beispielsweise gemeinsam einen Blues-Song schreiben. Da muss man aufeinander zugehen, sonst klappt das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren damals angeblich Heavy-Metal-Fan?

Adele: Das war alles Show. Ich trug nur schwarze Sachen, schwarze Fingernägel, fluoreszierende Totenköpfe, glitzernde Kruzifixe, ein Hundehalsband und manchmal so merkwürdige Horror-Masken wie die Band Slipknot. Also das ganze Grusel-Rocker-Repertoire, herrlich. Der Witz war, dass ich die Musik scheußlich und unheimlich fand; Korn, Slipknot und so: Entsetzlich! Ich tat aber immer so, als wenn ich diesen Mist super fände. Einfach, weil ich es für cool hielt und es lässig fand, mich so anzuziehen. Zu Hause hörte ich heimlich Destiny's Child und Eva Cassidy. Wissen Sie, ich habe als Teenager jeden verdammten Modetrend mitgemacht, ich war Grunge-Girl, Skate-Girl, einfach alles. Das ist ausgestanden, jetzt bin ich erwachsen und trage nur noch Schlabber-Look.

SPIEGEL ONLINE: Geht das als Popstar?

Adele: Leider nicht immer. Ich wollte so auch zu den Grammys gehen. Aber man sagte mir, dass mich da die Türsteher nicht reinlassen würden. Ich wollte absagen, aber dann hat mich die "Vogue"-Chefin Anna Wintour umgestimmt und beraten, was ich anziehen soll. Die war charmant, deshalb habe ich mitgespielt, denn damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht so ein debiles Modepüppchen, dem man diktiert, was es anzieht oder was es essen darf. Wenn das ein Manager oder so versuchen würde, würde ich ihn sofort rausschmeißen. Ich treffe alle Entscheidungen in meiner Karriere selbst. Ohne Ausnahme.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich mitbekommen, dass die deutsche Eurovision-Siegerin Lena sich unter anderem mit einem Song von Ihnen qualifizierte?

Adele: Logisch, "My Same". Das merkte ich allein daran, dass auf einmal ganz überraschend meine Plattenverkäufe in Deutschland total anzogen. Ich bekam dann einige E-Mails, in denen mir die Geschichte erklärt wurde. Ich habe es mir später im Internet angeschaut und fand Lenas Version faszinierend. Sie singt in einem sehr besonderen Englisch.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie mögen ihren Akzent?

Adele: Oh ja! Lenas Akzent macht ihr Charisma deutlich - und darum geht es doch letztendlich, oder?


Adeles Album "21" erscheint am 21. Januar bei XL Recordings/Beggars Group/Indigo

Mehr zum Thema


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
picknikker 17.01.2011
1. Lena?
Zitat von sysopVom Gruselrock-Teenie zum Soulwunder: Als 19-Jährige sang sich Adele mit ihrem Debüt*in die Herzen und in die Charts.*Jetzt erscheint ihr neues Album "21". Im Interview spricht sie über die Zusammenarbeit mit Star-Produzent Rick Rubin - und den schrägen Akzent ihrer Kollegin Lena. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,738686,00.html
Lena's Akzent macht das ganze erst richtig gruselig, wie ich finde. Das kann man sich doch nicht anhören ...
big_zampano 17.01.2011
2. Lena!
Zitat von picknikkerLena's Akzent macht das ganze erst richtig gruselig, wie ich finde. Das kann man sich doch nicht anhören ...
Nun, ich gebe da mehr auf die Meinung der Komponistin, ihrem Urteil messe ich da mehr Wert bei...
DefTom 17.01.2011
3. Nett
Zitat von sysopVom Gruselrock-Teenie zum Soulwunder: Als 19-Jährige sang sich Adele mit ihrem Debüt*in die Herzen und in die Charts.*Jetzt erscheint ihr neues Album "21". Im Interview spricht sie über die Zusammenarbeit mit Star-Produzent Rick Rubin - und den schrägen Akzent ihrer Kollegin Lena. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,738686,00.html
Ein sehr erfrischendes Interview. Aufgrund der gewonnenen Sympathiepunkte bei mir werde ich ihr neues Album mindestens Probehören.
Smartpatrol 17.01.2011
4. Schwamm drüber
Zitat von big_zampanoNun, ich gebe da mehr auf die Meinung der Komponistin, ihrem Urteil messe ich da mehr Wert bei...
Dann lassen Sie es sich von einem Songwriter sagen, der die frischen 21 langer hinter sich gelassen hat: Lena's Englisch ist in der Tat schmerzhaft, stört aber auch nicht weiter. In 10 Jahren redet kein Mensch mehr über solche Musik-"Produkte".
big_zampano 17.01.2011
5. Bla
Zitat von SmartpatrolDann lassen Sie es sich von einem Songwriter sagen, der die frischen 21 langer hinter sich gelassen hat: Lena's Englisch ist in der Tat schmerzhaft, stört aber auch nicht weiter. In 10 Jahren redet kein Mensch mehr über solche Musik-"Produkte".
Na, hauptsache über Ihre "Musikprodukte" wird geredet... wird doch, oder...? Oder ist das etwa der Neid der Erfolglosen, der da aus Ihnen spricht...? ;-) Sicher auch schmerzhaft...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.