Popstar George Michael Von Elton lernen

Ende der Neunziger war es so weit: Der scheue Popstar George Michael nahm den Platz seines Vorbilds Elton John ein. Doch dann folgten zwei missglückte Singles und der Rückzug in die alte Verkrampftheit. Auch wenn mit "Patience" nun endlich ein neues Album erscheint - der alte Hase Elton hat die Nase längst wieder vorn.

Von Ulf Lippitz


Popsänger Michael: Fehlende Lockerheit

Popsänger Michael: Fehlende Lockerheit

Geduld ist eine Tugend. Als Fan von George Michael braucht man sie besonders. Der britische Sänger veröffentlicht Studioalben im Rhythmus von acht, sechs und drei Jahren. Sein neues Werk trägt daher den passenden Titel "Patience".

Was lange währt, wird nun endlich gut. Oder doch nicht? Auf dem Cover sieht man den 40-jährigen Popstar, wie er auf einer weißen Couch sinniert, den Blick nach unten gerichtet. Drücken ihn die anhaltenden Flops der letzten Zeit ins Sofa oder gar die strahlenden Konkurrenten? George Michael ist 1987 mit der unausgesprochenen Vorgabe angetreten, der neue Elton John zu werden. Inzwischen scheint der um 17 Jahre ältere John seinen Nachfolger in Sachen "Coolness" überrundet zu haben. Beide Künstler vereint dasselbe Ziel: der klassische Popsong mit Strophe, Refrain und viel Harmonien. Während John die Marke von vier Minuten dabei kaum überschreitet, kann sich Michael selten kurz fassen. Titel wie "Freedom" oder "Jesus To A Child" strapazieren die Aufmerksamkeit. Sie sind Epen, großflächig angelegt und dramatisch orchestriert. Über sechs Minuten säuseln Streicher, während Michael gerne amouröse Verstrickungen und biographische Schuldgefühle abhandelt. Die können je nach Laune privater oder politischer Natur sein. Es gibt kaum Distanz zwischen Künstler und Werk. Anders bei Elton John: Die Texte vieler seiner besten Lieder schrieb Bernie Taupin. Seelen-Striptease ist das Terrain von George Michael - und das kann nerven.

Das Problem des scheuen Popstars ist seine fehlende Lockerheit. Nie Interviews geben, immer anderen - seien es Plattenfirmen oder Medien - die Schuld zuzuweisen, das geht an die Substanz des aufrechtesten Fans. Wer öffentlich wettert, muss privat integer sein. Lange Zeit versteckte sich George Michael und pflegte ein widersprüchliches Verhältnis zur eigenen Sexualität. Der Sänger schwieg sich zwar hartnäckig aus, widmete aber ein Lied auf dem Album "Older" seinem verstorbenen Liebhaber.

Michael-Album "Patience": Alles wird gut... oder?

Michael-Album "Patience": Alles wird gut... oder?

Er schien einerseits unter starken Schuldgefühlen zu leiden, kokettierte aber andererseits mit dem schwulen Lebensgefühl. Es machte ihn menschlich, aber nicht sympathisch. "Ein bisexuelles Minenfeld", nannte eine britische Journalistin ein Interview mit ihm 1996. Das explodierte zwei Jahre später: George Michael wurde auf einer öffentlichen Toilette in Los Angeles wegen unzüchtiger Handlungen mit einem Mann festgenommen. Elton John stand dem ins Licht der Öffentlichkeit gezerrten Popstar damals zur Seite. Er hatte selbst ähnliche Erfahrungen gemacht, als das britische Revolverblatt "The Sun" ihn als Dauerkunde eines Stricher-Rings denunzierte. Das war Ende der achtziger Jahre, John hatte sich gerade öffentlich von seiner damaligen Frau Renate Blauel getrennt und kämpfte wie ein Löwe gegen die Vorwürfe. Er gewann - und konnte sein Image nachhaltig verbessern: Er war nun Londons bekanntester Homosexueller, aber auch der Mann, der "The Sun" eine Entschuldigung auf der Titelseite abgerungen hatte. Das imponierte Bauarbeitern genauso wie Club-Kids.

Sein Rat an Michael war einfach: Geh an die Öffentlichkeit! Und der tat, wie ihm aufgetragen: George Michael gab Interviews am laufenden Band, sprühte vor Witz und genoss die Rolle als "Toilet Man". Das langweilige Image eines Armani-Barden bekam Risse - noch besser: erhielt Züge sexueller Verruchtheit. In dem Video "Outside" nahm er den Vorfall auf die Schippe, indem er zwei Polizisten zeigte, die sich küssten. Nicht überall überwog Sympathie: Im puritanischen Amerika knickte die Karriere des Superstars bis heute ein.

Michael-Vorbild John: König der Popper
REUTERS

Michael-Vorbild John: König der Popper

Europa hingegen umarmte den Polizistenschreck, der seine Sexualität fortan ohne Druck ausleben durfte. Plötzlich erinnerte man sich, wie er und Elton John 1990 gemeinsam auf der Bühne gestanden und Johns Klassiker "Don't Let The Sun Go Down On Me" gesungen hatten. Alles ergab einen Sinn. George Michael nahm die Stelle von Elton John ein.

Und heute? In Clubs spielen DJs wie Fatboy Slim den Disco-Hit "Are You Ready For Love", eine 1977 böse gefloppte Single von Elton John, in seiner Heimat stieg sie kürzlich auf dem ersten Platz der Charts ein. Robert Downey Jr. und Justin Timberlake treten in seinen Videos auf - George Michael hat Tony Blair und George W. Bush, aber nur als Cartoon-Figuren.

Elton John ist der König der Popper, George Michael sein Adjutant. Geholfen haben ihm dabei seine letzten Singles: Sie wirkten vorschnell, überproduziert und miserabel. Da half auch der vermeintliche Skandal um besagtes Cartoon-Video zu "Shoot The Dog" nichts. Michael wechselte zweimal die Plattenfirma, um nun doch wieder zu jener Sony zurückzukehren, gegen die er einst prozessierte. Vielleicht braucht er das Geld.

Reich genug sei er jedoch, verkündete er vergangene Woche in einem Interview mit der BBC, nun werde er sogar ganz aufhören. Kein Musiktitel soll nach dem Album "Patience" über den Ladentisch gehen, im Internet würde er künftig veröffentlichen. Elton John hat 2000 behauptet, er würde nie wieder auf der Bühne stehen. Noch im Dezember 2003 spielte er jedoch vor einer ausverkauften Halle in Hamburg, demnächst gibt er eine Reihe von Konzerten in Las Vegas.

George-Michael-Fans ohne DSL-Anschluss können daraus lernen: Man braucht nur ein wenig Geduld. Irgendwann gibt es ein neues Album - und wer weiß, vielleicht steigt "Shoot The Dog" irgendwann doch noch auf Platz eins in die britischen Charts ein.


George Michael: "Patience" ist am 15.3. bei Sony Music erschienen



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