Popstar Lily Allen Prinzesschen Paradox

Sie rüpelt gegen Stars und ist selber einer, sie hasst den Ruhm und wird selbst immer berühmter: Auch auf ihrem neuen Album verstrickt sich die Pop-Göre Lily Allen in allerhand Widersprüche. Gut so!

Von Eric Pfeil


Aus dem Konferenzraum des Kölner Hyatt dringen schwere Rauchschwaden. Durch den Zigarettennebel ist schemenhaft die Silhouette einer jungen Frau zu erkennen, bei der es sich gleichzeitig um a) die alleinige Verursacherin all des Rauchs und b) um die britische Pop-Sängerin Lily Allen handeln muss.



Halbanwesend hängt sie im Stuhl, empfängt und verschickt Textnachrichten. Mit ihren anderthalb Metern Körpergröße sieht sie aus wie ein Teenager, der von zu Hause weggelaufen ist und den nun die Polizei aufgegriffen hat. Vor ein paar Jahren hätte man das der heute 24-jährigen Lily Allen auch ohne weiteres zugetraut.

Allen wächst in Hammersmith, London, in einem Künstlerhaushalt auf. Ihre Mutter ist Filmproduzentin, ihr Vater Schauspieler und Musiker, der die Familie früh verlässt. Bis zu ihrem 15. Lebensjahr hat Lily 13-mal die Schule gewechselt und laut eigener Aussage mit massiven Drogenproblemen zu kämpfen.

Schuld daran sei aber nicht sie, sondern vielmehr die durchmedikamentierte, abhängige Gesellschaft gewesen, sagt sie heute: "Man sollte da ehrlich sein: Die Menschen fühlen sich dem Druck des Alltagslebens nicht mehr gewachsen. Drogen bieten oberflächlich betrachtet die Möglichkeit, all dem zu entfliehen." Nach eigener Aussage zieht sie heute eine gute Psychotherapie den Drogen vor.

Musikalisch tritt Allen 2005 in den Popzirkus ein. Gerade 19-jährig stellt sie einige Songs auf ihre Myspace-Seite, und eine beispiellose Karriere nimmt ihren Lauf: Tausende Besucher der Website und ein Artikel im "Observer Music Monthly" sorgen rasch für Aufmerksamkeit bei Plattenfirmen.


2006 erscheint Allens Debütalbum "Alright, Still", auf dem sich Ska-inspirierter Pop und schnodderige Alttagsbeobachtungen gewinnbringend verbinden. In der Folge steigt die Sängerin zur nationalen Pop-Ikone auf. Schon früh wird sie ebenso berühmt für etwas, was früher "loses Mundwerk" hieß; sie gerät wiederholt wegen provokanter Äußerungen und alkoholisierter Ausfälle in die Schlagzeilen und legt sich lautstark mit der britischen Boulevardpresse an, die ihr penetrant nachsteigt.

Selbst, aber nicht kritisch

Im Februar nun erscheint Lily Allens zweites Album. Schon der Titel klingt wie ein trotziger Pauschalvorwurf: "It's Not Me, It's You". Tatsächlich ist die Fähigkeit zur Selbstkritik keine tragende Säule in der Architektur ihrer Persönlichkeit. Aber ihre Vorwürfe sind, wenngleich durchaus altklug, doch erfrischend schonungslos: "Ich habe Angst, dass Kunst, Intelligenz und Kultur von dem zu starken Interesse an Geld, Sponsorentum, Celebrity-Geilheit und Beauty-Gequatsche zurückgedrängt werden." Solche Sätze hört man nicht täglich von Pop-Sängerinnen.

Allens zweites Album hat nicht annähernd die Leichtigkeit des Debüts, strahlt aber einen eigentümlichen Reiz aus: In fast allen Stücken kombiniert sie hochgradig eingängigen, dabei aber oft dunkel schattierten Mainstream-Pop mit Texten von beinah zwanghafter Streitlust. In beschwingten "Fuck You" geht es gegen Homophobie und Rassismus, "Everyone's At It" wendet sich gegen eine bigotte, von Drogen betäubte Gesellschaft, und in "The Fear" reflektiert Allen eine Welt, die mehr auf Celebritys und Schlankheitswahn basiert als auf sinnstiftenden Werten.

Wie immer schimmert hinter jeder Zeile ihr ganz persönlicher Konflikt hervor: "Ich will Sängerin sein – keine Berühmtheit", sagt Allen und guckt patzig. "Ich mag es, wenn man über meine Musik schreibt, aber ich mag es nicht, wenn man darüber schreibt, ob ich zugenommen habe, ob ich am Strand nichts anhatte, wie viel ich dazu getrunken habe und solchen Mist."

Sie redet sich zunehmend in Rage: "Ach, von mir aus soll man ruhig darüber schreiben, wie viel Spaghetti ich esse, aber ich mag es nicht, wenn man mir ohne zu fragen aus zehn Zentimeter Abstand eine Kamera in mein Gesicht hält! Wissen Sie, wie sich das anfühlt?! Es fühlt sich wie Vergewaltigung an!"

Stimmung und Schwankung

Wenn sie so spricht, erweckt Lily Allen den Eindruck einer wandelnden Stimmungsschwankung: Im einen Augenblick flüstert sie, als traute sie sich kaum, eine schreckliche Wahrheit auszusprechen, im nächsten Moment schon kann sie völlig an die Decke gehen. Sie ist eine widersprüchliche Gestalt, die ihr Privatleben begeistert öffentlich thematisiert und sich gleichzeitig wundert, dass sie so zum Lieblingskind der Medien wurde.

Auch das schwierige Verhältnis zum Vater wird auf dem neuen Album besungen – in einem Song namens "He Wasn't There": "Mein Vater verließ uns, als ich noch sehr klein war, er hat meiner Mutter definitiv keinen Unterhalt gezahlt. Er hatte Wichtigeres zu tun, als sich um seine Kinder zu kümmern."

Als sie ihre eigene Bitterkeit bemerkt, wechselt Allen rasch vom Vorwurf zur Analyse: "Meine Mutter musste sehr hart arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren. Wir Kinder wurden dadurch völlig vernachlässigt. Das ergibt eine sehr fintenreiche Situation: Jahrelang wurde für die Gleichberechtigung von Frauen gekämpft. Die Folge in der Realität sind traurigerweise zuallererst einmal vernachlässigte Kinder. Frauen müssen diesen Männern sagen: 'Hör zu, das sind ebenso deine Kinder!'."

Hektisch knibbelt sie an ihrem schwarzen Nagellack. Aber hat Papa, mit dem sie sich offenbar ja ausgesöhnt hat, denn auch Gutes zu verantworten? "Oh ja, er hat mir die wichtigsten Lektionen meines Lebens erteilt. Unter anderem die, dass es im Leben keine Regeln gibt."

Sie grinst und versinkt wieder im Rauch.



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