Popstar Lily Allen Süße Schadenfreude

Die Sängerin Lily Allen, derzeit Nummer eins der britischen Charts, wird als neues Web-Aschenputtel inszeniert. Ihre Karriere soll in der MySpace-Gemeinde begonnen haben. Stimmt alles nicht, ist aber egal: Endlich eine Pop-Entdeckung in diesem bisher faden Sommer.

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Mit Lily Allen ist nicht gut Kirschen essen. Im Video zu ihrem Song "Smile" erzählt sie maliziös, wie sie sich an einem Freund rächt, der sie mit einer anderen betrogen hat: Erst lässt sie ihn zusammenschlagen, dann lässt sie seine Wohnung demolieren und seine Plattensammlung zerkratzen. Leider ist der Gute DJ und stellt erst im Club am Turntable stehend fest, dass die Nadel einfach nicht in der Rille bleiben will. "Als ich dich weinen sah, musste ich lächeln", singt Lily Allen dazu mit süßer Schadenfreude auf einen beschwingten Ska-Rhythmus. Es ist der ultimative Rachesong, kein Wunder, dass er den Spitzenplatz der britischen Single-Charts nun schon seit zwei Wochen fest im Griff hat.

Lily Allen ist das It-Girl dieses Sommers, die Entdeckung, auf die in diesen von WM-Hymnen zugedröhnten Wochen viele gewartet haben. Das Besondere an der 21-jährigen Londonerin: Sie ist keine durchtrainierte Tanzmaus, die von einem findigen Manager auf größtmögliche Massenkompatibilität getrimmt wurde. Lily Allen ist rotzfrech, nimmt kein Blatt vor den Mund und beschreibt auf ihrem ersten Album "Alright, Still" mit hinreißender Alltagsprosa das Straßen- und Gefühlsleben der Themse-Metropole. "The Streets in weiblich", titelten daher schon die britischen Pop-Gazetten, weil Lily Allen den gleichen rauhen und authentischen Charme verströmt wie der gefeierte HipHop-Musiker Mike Skinner.

Zudem zählt sie angeblich zu jenen sehr angesagten Künstlern, die nicht von der Musik-Industrie, sondern vom Konsumenten entdeckt wurden. Lily Allens Karriere begann, so wird kolportiert, bei der Internet-Community MySpace, wo die Sängerin den Song "LDN" zum Download anbot, der sich innerhalb weniger Wochen zum Renner entwickelte. Über 56.000 Einträge zählt die Freunde-Liste auf Allens MySpace-Seite - eine coole Graswurzel-Geschichte, die an die Web-Entdeckung Arctic Monkeys erinnert.

Ganz so märchenhaft ist die MySpace-Karriere Lily Allens allerdings nicht verlaufen, wie die Sängerin im Interview freimütig zugibt. "Ich hatte schon einen Plattenvertrag mit EMI, als ich den Song online stellte. Wir wussten nicht so genau, in welche musikalische Richtung ich gehen sollte, also beschlossen wir, es erst einmal im Internet zu probieren." Die Rechnung ging auf. Virales Marketing nennt man diese Art der forcierten Mund-zu-Mund-Propaganda, mit der sich die Plattenindustrie die Verbreitungswege der Web-Community zu eigen machen will. Aber Allen, Tochter des britischen Komikers Keith Allen und der Filmproduzentin Alison Owen, ist sich keiner Schuld bewusst: "Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, wie das alles gelaufen ist."

Eigentlich ist es ja auch egal, ob sie ein Internet-Aschenputtel ist oder nicht. Hauptsache, ein neuer Star ist geboren, der erfrischend anders ist als das, was im Mainstream-Pop zurzeit kreucht und fleucht. Anders sein, das könnte man als den Masterplan Lily Allens bezeichnen. Noch unbedarft im Umgang mit den Medien, teilte Lily Allen in den ersten Wochen ihres Ruhmes nach allen Seiten aus. Zuerst legte sie sich mit den Fans von gefeierten Independent-Rockgruppen wie The Libertines oder Razorlight an, indem sie deren Anhängern krankhafte Obsession vorwarf. Im Interview schwächt sie ab: "Ich bin selbst ein Fan guter Rockmusik, mir ging es darum, den Leuten klarzumachen, dass diese angeblich so großartigen Indie-Bands keinen Deut besser sind als S Club 7 oder andere Girlgroups: Sie käuen ein und denselben Sound wieder, weil er gerade den meisten Erfolg verspricht."

Indie oder Major, in solchen Kategorien denkt Lily Allen nicht. Für sie war es gar keine Frage, einen Vertrag beim Plattenmulti EMI zu unterschreiben, denn auf die große Karriere als Musikerin und Popstar hat es die Prominententochter ohnehin nicht abgesehen. "Ich mache jetzt vielleicht noch ein oder zwei Alben und dann steige ich aus, baue mir ein Haus und gründe eine Familie", erklärt sie bodenständig. Im Hintergrund des Musikbusiness zu arbeiten, als Talentscout einer Plattenfirma, das kann sie sich für die Zukunft vorstellen.

Bis dahin muss Geld verdient werden. Lily Allen hat zwar berühmte Eltern, bezeichnet ihre Kindheit jedoch als "normal". Nach einer frühen Scheidung wuchs sie von klein auf allein mit ihrer Mutter auf. Abgesehen von Besuchen auf mehreren Privatschulen, von denen die renitente Lily regelmäßig suspendiert wurde, reichte es kaum für übertriebenen Luxus. "Es kann nicht angehen, dass man sich in London einfach keine Wohnung leisten kann", schimpft Allen. Vielen Leuten werde eine strahlende Zukunft mit luxuriösen Statussymbolen vorgegaukelt, die sie sich im Leben nicht leisten werden können. "Viele junge Leute rebellieren nicht dagegen, weil sie durch den täglichen Kampf um einen Job und eine ungewisse Zukunft viel zu ausgelaugt sind", meint Allen und redet sich ein bisschen in Rage über das marode britische Gesundheitssystem und die verfehlte Sozialpolitik Tony Blairs. Dabei sei sie eigentlich gar nicht übermäßig politisch, sagt sie, um dann kokett kurz innezuhalten. "Na ja, vielleicht gibt es auf dem zweiten Album eine Überraschung".

Derart kess und selbstbewusst erobert Lily Allen die Herzen der britischen Mittelklasse-Kids im Sturm. Dass sie inzwischen schon nicht mehr unerkannt durch London lustwandeln kann, findet Allen jedoch befremdlich, dass sie die Entdeckung des Sommers sein soll, kommt ihr "strange" vor. Und dass Teenager-Girls sie als neues Rollenmodell anhimmeln, bereitet ihr Sorge. "Ich bin kein Role Model, ich bin einfach ich", sagt sie genervt. Aber es sind Verantwortlichkeiten, die sie selbst provoziert hat.

Denn nicht nur gegen geklonte Rockbands ätzt sie mit Vorliebe, sondern vor allem auch gegen die Victoria Beckhams und Nelly Furtados der Popwelt. Mit ihren strengen Fitnessprogrammen, ihrer offen zur Schau gestellten Magersucht und ihren Waschbrettbäuchen gaukelten die den Mädchen ein Sex- und Schönheits-Ideal vor, das krank mache und dazu führe, "dass sich Neunjährige einen BH umbinden und 11 Jahre alte Kinder mit dicker Schminke herumlaufen." Sie selbst habe lange genug unter solchen Vorbildern gelitten. "Was immer auch passiert, so werde ich ganz bestimmt nicht", sagt sie.

Der Freund, den sie in "Smile" so unsanft vorführt, hat sich inzwischen übrigens seinerseits gerächt. Er erzählte einem britischen Boulevard-Blatt intime Details aus seiner Beziehung mit Allen. 10.000 Pfund soll er dafür bekommen haben. "Lächerlich", sagt Allen, die zunächst schockiert, nach einem klärenden Gespräch mit ihrem Ex-Lover jedoch wieder besänftigt ist. "Ich hätte mindestens 100.000 verlangt", scherzt sie. Sorgen machen muss man sich um Lily Allen ganz bestimmt nicht.


Lily Allen: "Alright, Still" ist bei Regal/EMI erschienen



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