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Popstar Madonna: Letzter Kraftakt?

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Mit einem Werbeaufwand von mehreren Millionen Euro und einem neuen Image als Disco-Queen will es Madonna noch einmal wissen: Die 47-jährige Sängerin, die schon mehrfach die Popkultur neu definierte, spielt ihr perfektes Spiel mit den Massen vielleicht zum letzten Mal.

Wann immer sich Madonna neu inszenierte, legte sie sich zielgerichtet auf einen neuen Typ fest: Da gab es das mit Ketten und Kruzifixen behängte Girlie, das im Clip zu "Like A Virgin" als Braut posierte; da gab es das burschikose Mädchen, das von "La Isla Bonita" träumte, und den blonden Vamp mit dem Spitzen-BH von Gaultier. Es gab auch den Monroe-Verschnitt und die esoterische Brünette mit der Henna-Malerei auf den Händen. Es folgte das sexy Cowgirl und zuletzt die politisch Aktivierte mit dem Guevara-Barett.

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Madonna: Angriff auf den Tanzmuskel

Und nun? Nach mehr als zwei Jahrzehnten, in denen Madonna gleich mehrfach der Popkultur ihren Stempel aufdrückte, gibt es jetzt zwei Persönlichkeiten auf einmal: Im britischen "Harpers"-Magazin posiert die Sängerin als elegante Lady und erzählt von Kindererziehung ohne Fernsehen, Ehe-Disziplin und makrobiotischer Ernährung. Gleichzeitig zeigt sie sich im Videoclip zu ihrer neuen Single "Hung Up" als Disco-Queen mit pinkfarbenem "Flashdance"-Trikot und blonder Fönwelle. Die Popwelt ist verwirrt: Welches ist die echte Madonna?

Natürlich ist die Frage müßig, denn wann hat es uns je interessiert, wer oder wie die echte Madonna ist? Die New Yorker Göre, die inzwischen mit Ehemann Guy Ritchie und den Kindern in London residiert, war stets Projektionsfläche für die Sucht nach Zeichen und Codes der popkulturell Bewegten in mittlerweile zweiter Generation. Ihre vielfachen Wandlungen, oftmals ehrfürchtig "Neuerfindungen" genannt, waren immer Bündelungen untergründiger Mode- und Trendströme, die von Madonna kongenial personifiziert und massentauglich gemacht wurden. Ob Tüllbänder im Haar oder Cowboystiefel und Chaps - was Madonna an Stilmitteln am Leibe trug, war wenig später auf den Straßen als Jedermann-Mode zu sehen.

So wird dieser Herbst im Zeichen der knallbunten Glitzer-Mode stehen. Wohl niemand würde sich trauen, eine Agnetha-Fältskog-Frisur zu tragen, gäbe Madonna nicht ihre Absolution. Ihr Markenzeichen - und der Schlüssel zu ihrer langjährigen Vormachtstellung in der Popwelt - ist das Setzen von Trends, nicht das Aufspringen auf bereits fahrende Züge. Das Gespür der professionellsten Frau im Showgeschäft für den Zeitgeist scheint untrüglich, zu Not kreiert sie ihn einfach selbst. Spätestens seit ihrem letzten Comeback mit "Ray Of Light" (1998) ist Madonna eine Pop-Ikone, von der selbst Andy Warhol nicht zu träumen gewagt hätte.

Doch alle sieben Jahre ändert sich der Mensch, sagt der Volksmund. Warum soll das nicht auch für Madonna gelten, die sich mit ihrer Parallel-Inszenierung als gutbürgerliche Übermutter allmählich auf eine Rolle als elder stateswoman des Pop vorzubereiten scheint. Bei ihren jüngsten Auftritten in Lissabon (MTV Europe Music Awards) und Mannheim ("Wetten, dass...?") verblüffte sie zwar noch mit einer aufregenden Performance, die Epigonen wie Gwen Stefani alt aussehen ließ, aber wie lange kann man mit beinahe 50 noch glaubhaft das jugendliche, biegsame Sexsymbol verkörpern?

Nicht mehr lange. Sogar ihr Ehemann ließ sich angeblich schon zu leiser Kritik hinreißen und meinte, sie sei inzwischen zu alt für ihren "Sex-Fummel". Die Gattin patzte prompt zurück, sie ziehe an, was sie wolle. Doch auch der Komiker Ali G. lästerte bei der Verleihung der MTV Awards und meinte, in Madonna einen Transvestiten erkannt zu haben. Die Zeichen mehren sich.

So ist "Confessions On A Dancefloor", Madonnas morgen erscheinendes neues Album, vielleicht als letztes Aufbäumen gegen den drohenden Rücktritt zu betrachten. Es ist eine elektrisiert pumpende Tanzplatte geworden, produziert nicht wie zuletzt von dem Franzosen Mirwais, sondern von dem Engländer Stuart Price, der als Les Rythmes Digitales unter anderem die Elektro-Hymne "Jacques Your Body" schuf. Die sanfte Hinwendung zum Singer/Songwriterpop des letzten Albums "American Life" scheint durch diesen Angriff auf den Tanzmuskel konterkariert zu werden. Böse Zungen mögen behaupten, das neue Album solle sich einfach besser verkaufen als das letzte, das Madonnas Stammhörerschaft mit politischen Botschaften verwirrte.

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Welttournee 2004: Madonnas letzte Neuerfindung
Worin die im Album-Titel avisierte Beichte auf dem Tanzparkett besteht, wird nach einem Dutzend Songs nicht ganz klar, denn die Texte drehen sich einmal mehr um Liebe und die Durchsetzung der eigenen Vorstellungen gegen den Partner oder Lover - Madonna war immer schon Egozentrikerin und Narziss. "Like it or not", raunzt sie im Schlusslied. In "How High" reflektiert sie die eigene Karriere mit dem Refrain "Was it all worth it/ How did I earn it/I guess I deserve it/ Nobody's perfect".

Überhaupt durchweht ein kräftiger Hauch Melancholie die eigentlich schönen Popsongs des Albums, die konsequent mit Stampfbeat, technoidem Stakkato und den nicht unbedingt neuesten Elektro-Sounds zerhackt werden. An mehreren Stellen blitzen die von Daft Punk vor Jahren etablierten Vocoder-Stimmen hervor, "Isaac" spielt gar mit den inzwischen allgegenwärtigen Ethno-Elementen und arabischen Gesängen.

Erstmals zitiert sich Madonna auch selbst. Der Refrain von "Push" klingt wie der rückwärts abgespielte Chorus des Achtziger-Jahre-Hits "Like A Prayer"; "Get Together" erinnert an naive Frühwerke wie "Lucky Star". Man merkt schon: Zumindest auf musikalischer Seite kann hier - anders als bei den letzten drei Alben - von State of the Art keine Rede mehr sein. Madonna scheint sich eher anstrengen zu müssen, um den Dancefloor noch mit Leben zu füllen, auch wenn sie in einem Lied bekräftigt: "I make you feel better".

Vielleicht will sie vor allem, dass es ihr selbst besser geht. Mit dem Alter, mit der Mutterrolle, mit dem Ehemann, den sie, wie sie in einem Interview sagt, "aus den falschen Gründen geheiratet" hat - und mit dem langsamen Abschied aus dem Rampenlicht zugunsten der distinguierten Dame.

Fünf Millionen Dollar soll allein die Marketing-Kampagne für "Confessions On A Dancefloor" gekostet haben. Mit diesem finanziellen Kraftakt spielt sie ihr perfektes Spiel der Selbstvermarktung und -Inszenierung nun erneut durch. Man sollte es genießen, es könnte das letzte Mal sein.

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