Porno-Rapper K.I.Z.: "Unsere Freundinnen finden das lustig"

Keine Rap-Gruppe ignoriert die Grenzen des guten Geschmacks so konsequent wie die Berliner Formation K.I.Z. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklären die vier Jungs, warum sie lieber über Gangbang als über Liebe rappen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Metaphern sind teilweise überdreht pornographisch. Sehen Sie keine Gefahr, dass Leute solche Dinge ernst nehmen könnten? Manche Mädchen, die Ihre Myspace-Seite besuchen, nennen sich beispielsweise "Schluckmieze".

Tarek: Nicht jeder hat Eltern, die einem differenziertes Nachdenken beibringen. Ich glaube aber nicht, dass jemand sich wegen unserer Musik so einen Namen raussucht.

Maxim: Wenn die Leute sich mit uns unterhalten, wissen sie, dass wir niemanden zur "Schluckmieze" konvertieren wollen. Wir drehen keine Videos mit halbnackten Frauen. Wir haben alle Freundinnen. Die meisten Leute, die so eine Musik machen, auch die, die es sehr dumpf und wirklich sexistisch bringen, sind sehr, sehr lieb zu ihren Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben das also gar nicht? Die Rede ist ja immer von Gangbang.

Maxim: Natürlich machen manche das. Aber warum muss man die Schuld immer auf die Männer schieben?

SPIEGEL ONLINE: Alice Schwarzer nennt solche Praktiken Massenvergewaltigung.

Maxim: Die Frauen machen da ja wohl meist freiwillig mit. Und als Mann fände ich es nicht besonders befriedigend, mir immer mit fünf Typen eine Frau zu teilen. Das ist emotional sehr traurig.


SPIEGEL ONLINE: In der Debatte geht es auch darum, dass die Jugend sexuell verwahrlost. Therapeuten berichten von Zwölfjährigen, die ihre zwei Jahre jüngere Schwester vergewaltigen. Stellen Sie sich vor, Sie würden erfahren, dass jemand das getan hat. Und dann würde berichtet: Der hat immer K.I.Z. gehört.

Maxim: Die Musik hätte diese Person nur begleitet. Wir hätten sie durch unsere Musik nicht so gemacht.

Tarek: Wir überdrehen die Realität extrem. Musik ist Kunst. Dazu gehört Abstraktion. Das darf man Kunst nicht absprechen, sei es im sexuellen Sinne oder sei es, dass jemand erzählt, er sei ein krasser Zuhälter oder Gangster.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Texte sind teilweise schockierend. Da ist von ausgeleierten Genitalien und, wir zitieren, "zerfledderten Arschlöchern" die Rede.

Tarek: Ich wusste, dass das wieder kommt. Es gibt so ein paar Zeilen, für die könnte man uns so richtig an die Wand nageln.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie diese krassen Bilder? Aus Pornos? Sind Sie damit aufgewachsen?

Nico: In unserer Sozialisation kommen sicher auch Horror-, Action- und Pornofilme vor. Und ich vergewaltige trotzdem nicht meine zwei Jahre jüngere Schwester.

SPIEGEL ONLINE: Pornos nehmen Jugendlichen die Zärtlichkeit, sagen Sozialpädagogen. In Pornos küsst man sich nicht, also tun es 15-Jährige auch nicht mehr.

Nico: Ich habe auch mit 15 Jahren Pornofilme geguckt und bin trotzdem ein zärtlicher Mensch. Die haben wir damals nicht im Internet runtergeladen, sondern über Kumpels besorgt, die schon 20 waren. Ob mich das verändert hat, kann ich nicht sagen. Müsste ich mal zum Psychologen gehen, vielleicht weiß der das.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Ihre Freundinnen von solchen Texten?

Maxim: Die finden das lustig. Das ist bei den Leuten, die zu unseren Konzerten kommen ja auch so. Wir reden mit denen. Wenn jemand uns da dieses platt-sexistische Bild aufdrängen will, kann man die schnell überzeugen, dass das nicht so gut ist. Wenn Frauen kommen und sagen: ”Hey, ich mach' dir dies und das." Dann kann man denen das Gegenteil zeigen, indem man einfach nett mit ihnen quatscht und so was nicht macht.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind Ihre Vorbilder?

Tarek: Auf jeden Fall der Berliner Rapper Kool Savas. Als ich dessen Sachen Ende der Neunziger gehört habe, war ich froh, dass endlich mal jemand ein bisschen die Hosen runter lässt. Bei Kool Savas hast du einfach gemerkt, der sitzt in seinem Zimmer, hat kein Geld für ein ordentliches Mikro und flucht einfach über alles und jeden. Ein Einzelgänger: Ich gegen alle. Damit kann sich jeder identifizieren. Das ist auch der Grund, warum Gangster-Rap im Moment so einen Erfolg hat.

SPIEGEL ONLINE: Das Aggressive der Musik gibt den Ausschlag?

Tarek: Es ist einfach motivierend. Wenn du dich ein bisschen schlaff fühlst, hörst du aggressive Musik. Je nachdem, wie du mit dieser Energie umgehst, kann sie positiv oder negativ sein. Wenn ich mein ganzes Leben lang nur gesehen hätte, wie meine Mutter geschlagen wird, dann würde ich vielleicht auch jemanden abstechen wollen, nachdem ich diese Musik gehört habe. Aber meine Eltern haben mir etwas anderes vermittelt.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie Verantwortung für die Jugendlichen, die Ihnen zuhören?

Tarek: Wenn Fans sich so sehr für uns interessieren, dass sie uns auch als Privatmenschen wahrnehmen, dann werden sie schon merken, dass wir ganz normal sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auf Ihrer Internetseite ein Forum mit der Rubrik "Sexuelle Orientierung". Da schreiben Leute dann etwa: "Die F. anal von vorne mit Klatschen."

Nico: Ich glaube nicht, dass die das ernst meinen. Wahrscheinlich haben die keine Freundin und hatten noch nie Sex.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie nicht, dass Sie einen unguten Einfluss auf Ihre Hörer haben?

Nico: Vielleicht verändern wir das Vokabular, aber ich glaube nicht, dass wir das Handeln von Leuten beeinflussen.

Maxim: Und dieses Vokabular dient einfach nur der sprachlichen Distanzierung. Dadurch schafft man sich selbst eine Identität, indem man einen härteren Sprachgebrauch hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal überlegt, über andere Themen zu schreiben - jenseits von Sex und Gewalt?

Maxim: Frieden und Liebe? Nee, für mich muss Musik etwas Bewegendes sein.

SPIEGEL ONLINE: Aggression ist bewegender?

Nico: Darin sind wir geschult, das können wir sehr gut. Liebeslieder sind einfach zu 99 Prozent scheiße. Wenn ich eins machen würde, wäre es auch nicht viel besser.

Maxim: Aggro ist außerdem einfacher, weil man sich keine Blöße gibt. Es ist einfacher, erst mal mit Aggressionen fertig zu werden, als sentimental von sich zu sprechen.

Das Interview führte Johannes Gernert


Das K.I.Z.-Album "Hahnenkampf" erscheint am 24. August bei Royal Bunker/Universal

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