Posthumes Michael-Jackson-Album Thrill des Unerhörten

Muss man den Leuten geben, was sie wollen? Oder ist es manchmal besser, die Archivschränke geschlossen zu lassen? Das erste posthum veröffentlichte Album mit aufpolierten und fertig produzierten Skizzen und Demos des "King of Pop" Michael Jackson gibt auf diese Fragen eine bedrückend deutliche Antwort.

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Egal, was hier zu lesen ist, egal, was andere Kritiker schreiben: "Michael", das erste nach dem Tode Michael Jacksons veröffentlichte Album wird ein Megahit und das Weihnachtsgeschäft mit Tonträgern dominieren, das signalisierten allein schon die Vorbestellungen beim Internethändler Amazon.

Ist ja auch in Ordnung, der Mann ist seit mehr als einem Jahr tot. Die Fans trauern noch immer, nicht so sehr um den Mensch oder den Musiker, sondern um seinen Mythos des kindlichen, missverstandenen Messias, der die Welt "a better place" machen wollte. Insofern hätte man dieser Masse glühender Verehrer auch eine weitere Best-of-Sammlung in die Läden stellen können. In Zeiten, da iTunes nun endlich Beatles-Alben anbieten darf und die alten Dinger sogar sehr begehrt sind, trotz neu gemasterter Neuveröffentlichungen vor Jahresfrist - warum nicht einfach Deluxe-Editionen mit unbearbeiteten Demos und anderem Spielkram von "Off The Wall", "Thriller" oder "Bad" auf den Markt werfen? Würde funktionieren, zumal in der Geschenke-Saison - jede Wette.

Aber es gilt die alte Regel, dass Geld gut ist, mehr Geld aber noch besser. Rund 250 Millionen Dollar hat die Erbengemeinschaft Michael Jacksons angeblich dafür kassiert, in den kommenden Jahren bis zu neun Alben via Sony Music zu veröffentlichen. Solche Summen rechtfertigt man nicht mit dem Aufwärmen alter Hits, für so viel Kohle müssen Nähkästchen und Archivschränke geplündert werden, damit der Thrill des Unerhörten noch mehr Käufer zur Leichenfledderei motiviert. Sie finden, das ist ein zu harter Begriff? Beteuert die Plattenfirma nicht eifrig, dass Jackson 2008, als die meisten der Demos und Skizzen für "Michael" entstanden, in Top-Form war und darauf brannte, seinen Fans neue Songs zu schenken? Die Videos von den Probeaufnahmen zu den geplanten Londoner Konzerten, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden, sprechen eine andere Sprache: Körperlich angeschlagen und stimmlich nicht wirklich auf der Höhe präsentierte sich der einstige "King of Pop" da.

König mit rostiger Krone

Wer sich nur ein bisschen mit Michael Jackson beschäftigt hat, weiß, dass er ein geradezu manischer Perfektionist war, der Dutzende Versionen eines Songs aufnahm, immer wieder zögerte, haderte, verwarf, andere Wege einschlug, bevor er etwas für würdig erachtete, veröffentlicht zu werden.

Es hat ja einen Grund, warum 2001 mit "Invincible" das letzte Studio-Album Jacksons erschien. Entweder das eigene Material, ob aus der Schublade oder neu geschrieben, war ihm nicht gut genug, oder aber der hochsensible Musiker nahm wahr, dass sich sein ureigenstes Genre, der Soul und R&B, mal wieder häutete und neu erfand. Hyperkreative Kraftmeier wie Kanye West und die Neptunes hatten die Bühne betreten und die Musik nach neuen Maßstäben geformt, einen modernen Sound und Produktionstechniken etabliert, die einen Michael Jackson reichlich "old school" aussehen ließen. Warum sich also mutwillig als König mit rostiger Krone offenbaren und Material veröffentlichen, das an aktuelle Produktionen von West und grandiose Jackson-Epigonen wie Janelle Monáe niemals heranreichen würde?

Genau das ist nun mit "Michael" geschehen, einer Sammlung unfertiger Songs, die von langjährigen Jackson-Vertrauten und -Produzenten wie Teddy Riley oder Ron "Neff-U" Feemster poliert, aufgemöbelt und im vermeintlich richtigen Spirit vollendet wurden. Genau darin liegt das größte Problem des Albums: Es gibt viel Grund zur Annahme, dass der Perfektionist Jackson es so niemals veröffentlicht hätte. Aber Tote können sich nicht wehren und müssen im Grab erdulden, dass wohlmeinende Menschen und Freunde versuchen, ihren künstlerischen Impetus zu erahnen und ihr musikalisches Gespür nachzuahmen. Dieses Schicksal teilt Michael Jackson mit vielen anderen früh verstorbenen Popstars, darunter Elvis Presley und Jimi Hendrix.

Jackson zum Fluch wird jedoch die Modernität seiner Musik. Während man ein kratziges Hendrix-Demo, wie hundertfach geschehen, klangtechnisch zum Funkeln bringen kann, ist es nicht möglich, aus dem Spätsechziger-Rock des Gitarristen am Produktionstisch aktuelle Tanzmusik zu machen. Wird das versucht, wie vor einigen Jahren bei einigen Elvis-Hits, klingt das Ergebnis wie ein Witz. Jacksons Song-Skizzen tragen jedoch die DNS durchaus aktueller R&B-Produktionen in sich - und können daher am Computer beliebig auf Zeitgeist getrimmt werden. So gesehen ist "Michael" mit seinem eher nach Anfang als nach Ende des Jahrzehnts klingendem Sound vielleicht sogar noch das kleinere Übel. Einen Kanye-West-Remix mit Jacksons Stimme will wohl wirklich niemand ernsthaft hören.

Wie aus dem Frankenstein-Labor

Überhaupt ist vieles auf dem Album nicht misslungen. "Behind The Mask" etwa, ein Überbleibsel aus den Achtzigern, als Jackson kurzzeitig mit Ryuichi Sakamotos Yellow Magic Orchestra zusammenarbeitete, erzählt die Geschichte einer unerfüllten Liebe und klingt mit seinem treibenden Groove wie ein Zwitter aus "Billie Jean" und "Dirty Diana". Auch die Ballade "Much Too Soon" stammt aus "Thriller"-Zeiten; Jackson fand bezeichnenderweise nie das richtige Album, um sie zu veröffentlichen.

Auf beiden Tracks klingt Jacksons Stimme so vital und energisch, wie sie nun einmal Mitte der achtziger Jahre klang. Das schafft trotz aller produktionstechnischer Versuche, das Album homogen klingen zu lassen, eine Diskrepanz zu der veränderten Stimmfarbe von erst 2008 entstandenen Songs wie der Single "Hold My Hand", auf der Rapper Akon sich als unzulänglicher Duettpartner erweist. Oder "Monster", ein schnelles Funkstück, auf dem HipHop-Brutalo 50 Cent mitrappen durfte, ohne wirklich viel zur Qualität des Stückes beizutragen. Es brauchte schon dereinst hervorragende Sänger wie Paul McCartney ("Say Say Say"), um ein Duett mit dem markanten Stimmwunder Jackson funktionieren zu lassen. Angeblich war es aber Jacksons ausdrücklicher Wunsch, sowohl mit 50 Cent als auch mit Akon zusammenzuarbeiten. Vor ein paar Jahren waren die beiden noch Stars, heute Sternschnuppen. Das zeigt, wie sehr sich Jackson an den Zeitgeist heranzutasten versuchte. Vergeblich, nimmt man diese beiden missglückten Stücke als Maßstab.

Die einzige Kollaboration, die sinnvoll erscheint, ist "(I Can't Make It) Another Day", die Jackson zu "Invincible"-Zeiten mit Lenny Kravitz aufnahm: Hier funkelt einmal mehr sein Talent durch, Pop, Rock und Soul transzendieren zu lassen.

Auf "Breaking News" wird es dann jedoch vollends gruselig: Das Stück über den Druck der Massenmedien enthält eine derart miserable Gesangsperformance Jacksons, der noch dazu heiser seinen eigenen Namen ins Mikro bellt ("Everybody wants a piece of Michael Jackson"), dass Fans und vergrätzte Verwandte wie La Toya Jacksons schon mutmaßten, es seien anonyme Stimmen-Imitatoren angeheuert worden, um das unzulängliche Material veröffentlichungsfähig zu machen. Alarmiert von den Verdächtigungen druckte Sony Music zum Erscheinen des Albums fast die Hälfte der Presseinfos mit Beteuerungen verschiedener Kenner und Experten voll, die alle brav bestätigten, dass nur Michaels Originalstimme verwendet wurde. Ein Vorgang wie aus dem Frankenstein-Labor.

Und genau diesen Geruch des Reliquien-Samplings wird das mit zehn Stücken und rund 40 Minuten Spielzeit recht kurze Album nicht mehr los, so sehr man sich auch wünscht, inmitten all dieser hörbar unfertigen, enervierend inaktuell klingenden Mediokrität vielleicht doch noch den ungeschliffenen Diamanten zu entdecken. Es gibt ihn aber nicht. Egal, wie viele Alben die Erben noch aus den Archivschränken zusammenstückeln. Es gibt nur die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit des Idols Michael Jacksons auf Seiten der Fans. Und die Gier nach dem nie endenden Dollarstrom bei Hinterbliebenen und Plattenfirmen, die diese Sehnsucht gerne bedienen.

Wie gut, dass wenigstens Jackson selbst seinen kalten, beklemmend nach Scherbenklinik und Formaldehyd müffelnden Wiedergänger nicht hören muss. Ach, möge er bloß in Frieden ruhen.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 11.12.2010
1. Lasst die Toten ruhen...
Zitat von sysopMuss man den Leuten geben, was sie wollen? Oder ist es manchmal besser, die Archivschränke geschlossen zu lassen? Das erste posthum veröffentlichte Album mit aufpolierten und fertig produzierten Skizzen und Demos des "King of Pop" Michael Jackson gibt auf diese Fragen eine bedrückend deutliche Antwort. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,734068,00.html
War denn "Made in heaven" von den übrigen Queen-Mitglieder (ohne F. Mercury) besser.....? Wenn man da hinhört, merkt man auch, dass das irgendein Flickwerk und aneinanderreihen von Tönen ist und nicht die Klasse einstiger Songs ist/war.
d1plom4t 11.12.2010
2. Es stimmt mich traurig...
...wie rücksichtslos und ungehemmt mit dem Tode von Michael Jackson Geld verdient wird. Wo waren diese Menschen, als Jackson zu Lebzeiten ihre Liebe und Unterstützung gebraucht hätte? Fast noch scheinheiliger stellt sich mir allerdings die Medienberichterstattung dar, durch die Jackson jahrelang terrorisiert und ohne jegliche Rücksicht auf die Unschuldsvermutung vor sich her getrieben wurde - auch die Medien haben Jackson in Sucht und Verzweiflung gestürzt! Und nun erfährt er posthum eine Art mediale Heldenverehrung - ein absolutes gesamtgesellschaftliches Armutszeugnis.
Rübezahl 11.12.2010
3. Geschäfte
Geschäftemacherei, mehr ist das nicht !
BadTicket 11.12.2010
4. 250 Millionen Dollar
250 Millionen Dollar sind den Plattenfirmen die Archive wert, die jetzt nach brauchbarem geplündert werden. Dass dabei nicht viel Gutes an Musik heraus kommen wird ist zu befürchten. Aber es zeigt wie die heutigen Plattenfirmen funktionieren. Lieber massiv viel Geld in einzelne Megastars investieren als nachhaltige Musik zu fördern die Fans jahrelang an eine Band binden. Und so werden die Leute weiter Musik kostenlos herunter laden, denn wer ist schon bereit für so vergängliche Musik zu bezahlen? Klar, die MJ Platten werden noch lange gespielt werden, die meisten verdienen es auch, aber es gibt viel geniale Musik da draussen die unter dem Kommerz-Ramsch verstickt. Doch seit den 80ern haben die Labels nur noch die schnelle Kohle Sinn und so werfen die Labels eben lieber 250 Millionen in eine Richtung, statt tausende gute Bands zu fördern. Denn die gibt es!!!
optverteiler 11.12.2010
5. show
Zitat von RübezahlGeschäftemacherei, mehr ist das nicht !
Wer seine inszenierte "Trauerfeier" gesehen hat der mußte schon wissen, wo die Reise hingeht. Gemocht habe ich ihn nach seinen grandiosen Alben 'Bad' und 'Thriller' schon lange nicht mehr, aber was seit knapp 18 Monaten rund um seinen Kadaver geschieht ist eine Sauerei.
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