Rap-Außenseiter Prinz Pi: "Von mir aus nenn mich Spießer"

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Er hat eine Terrierdame namens Penny Lane, er bastelt den Sound der Beatles nach und rappt über die ewige Liebe statt über Sex und Gewalt: Der Berliner Rapper Prinz Pi ist ein bürgerlicher Außenseiter im prolligen Mainstream des deutschen HipHop. Jetzt erscheint sein bisher bestes Album.

Rapper Prinz Pi: Der clevere Chronist Fotos
Roland Owsnitzki

Natürlich muss erst mal über die Zunahme der Porsche-Dichte im Viertel gemeckert werden, das gehört in Kreuzberg zum guten Ton. Friedrich Kautz, im bürgerlichen Zehlendorf als Beamtenkind aufgewachsen, wohnt schon lange hier im Wrangelkiez, und er mokiert sich auch gerne über die Design-Agentur, die Streetart ausstellt, Graffiti an der Hauswand aber abschrubben lässt. Kautz hat einen guten Blick auf das Gentrifizierungsspektakel, der Rapper, bekannt unter dem Namen Prinz Pi, hat sein Studio im Haus gegenüber.

Für einen typischen Vertreter des deutschen HipHops würde man Prinz Pi nicht unbedingt halten, wenn er mit seiner japanischen Terrierdame Penny Lane Gassi geht, das Plastiktütchen für Kot stets griffbereit. Er trägt Hornbrille und Fellkapuzenanorak statt Basecap, Baggy Pants und Hoodie. Und er rappt über verlorene Freunde und Liebe statt über Gewalt und Analverkehr. Damit trifft er einen Nerv beim Massenpublikum. Ohne große Plattenfirma gelangte sein letztes Album in die Top Ten der Charts, Anfang April erscheint nun seine neue Platte "Kompass ohne Norden". Eine musikalisch versierte, traurig-melancholische Coming-of-Age-Erzählung, eher Pop als Rap.

Video-Premiere: Klicken Sie hier für den brandneuen Clip zur aktuellen Prinz-Pi-Single "Glück"

"Die ersten sind gescheitert, die ersten was geworden, die ersten wurden Eltern, die ersten sind gestorben/ Bob Dylan gab mir einst einen Kompass ohne Norden/ So treibe ich verloren in ein unbekanntes Morgen", heißt es im Titelstück, das auf "Like A Rolling Stone" verweist, Dylans Hymne an seine Generation. Mit einem Koloss wie ihm will sich Kautz nicht vergleichen, "aber meine Musik ist auch wie eine Chronik", sagt er. "Ich schreibe normalerweise für jedes Album über mein jeweiliges Jahr und was mich in der Zeit bewegt hat". "Kompass ohne Norden" sei nun "der Abschluss meines ersten Lebensdrittels, da wird die Jugend noch mal durchgenudelt", erzählt der 32-Jährige.

Schon in der Schule, auf einem humanistischen Gymnasium, wo er Altgriechisch lernen musste, war er ein Außenseiter. Während die anderen Karrieren als Anwalt oder Banker planten, sprühte der HipHop-Fan S-Bahnen voll, oder malte mit Edding-Stift ein Hakenkreuz auf den Hinterkopf eines Lehrers, der mit Rechten sympathisierte. "Am Anfang habe ich mich mit dieser Rolle sehr schwergetan, man ist nicht gerne der, der nicht in die Sportmannschaft gewählt wird. Irgendwann habe ich mich aber damit identifiziert, anders zu sein. Das zeichnet mich aus, gerade in der Rap-Szene, wo so viele Schwachmaten herumlaufen".

Der Blick von außen ermögliche es ihm, sich zum Chronisten aufzuschwingen, meint Kautz: "Ich klinke mich aus, gehe ein paar Schritte zurück, beobachte die Leute von meiner Uni oder aus meiner alten Klasse, füge meine Erfahrungen hinzu - und extrapoliere daraus, wie es dem Rest geht. Das ist mein Beruf." Allzu versöhnlich ist sein Blick auf seine Altersgenossen nicht: Während die Musik mit perlendem Piano und beschwingten Pop-Rhythmen in einer Schönheit schwelgt, die im deutschen Rap bisher unerhört war, neigen die Texte zu Depression und Pessimismus: "Ich warte, dass mein Leben beginnt/ Und ich weiß, was ich will, und ich weiß, wer ich bin/ Bald nicht mehr Fähnchen im Wind/ Lauf schon so lang und weiß nicht, wohin", rappt Kautz und beklagt Oberflächlichkeit, Jugendwahn und Orientierungslosigkeit als ungute Zeichen der Zeit.

"Sagen wir, ich bin Moralist"

"Die meisten Leute nehmen das vielleicht nicht so wahr, aber es ist schon traurig, wie wenig 'Facetime" man wirklich noch mit seinen Freunden hat", sagt er. "Digitale Surrogate" wie Facebook und Twitter hätten tatsächliche Beziehungen ersetzt: "Wir sagen nicht definitiv zu, dass wir zur Party kommen, wir schreiben kurz vorher noch mal 'ne SMS. Immer schön alles offen halten. Das gilt für alle Lebensbereiche."

Die "modernen Zeiten", wie er sie in einem seiner neuen Stücke beschreibt, suggerierten jedem, er müsse nie erwachsen werden. "Die Phrase vom Ernst des Lebens habe ich als Kind oft gehört - aber er hat nie angefangen." Gleichzeitig propagierten Werbung und Hollywood-Kino ein Diktat ewiger Jugend: "Jeder will seinen Körper so behalten, wie er mit Anfang 20 war, was danach kommt, willst du nicht. Wer ist schon älter als 30, außer George Clooney? Was aber viele vergessen: George Clooney war mit 30 noch nicht cool."

Wenn das Auswählen-Können die größte Tugend ist, bleibt der Stillstand, die Prokrastination nicht aus. Eine Patentlösung für das Dilemma hat Prinz Pi nicht parat, er beobachtet ja nur. Allenfalls im Song "Glück" entwirft er eine Art Utopie: "Der Song ist ein Plädoyer für die große Liebe, wie ich sie von meinen Eltern kenne. Die sind seit 30 Jahren glücklich verheiratet."

Ist das nicht ganz schön spießig? Gerade für einen Rapper? "Spießer sind Leute, die fuchsig werden, wenn andere auf ihrem angestammten Parkplatz parken. Von mir aus nenn mich Spießer, aber ich bin eher bieder, wie ich hier sitze mit meinem Hund und meiner Hornbrille. Vielleicht wertekonservativ. Sagen wir, ich bin Moralist!"

Damit scheint Kautz wie geschaffen für all die 30-Jährigen, die sich für tolerant und kreativ halten und Grün wählen, in Wahrheit aber Bio-Spießer sind, die kleine Kinder wegen ungesunder Kekse aus der Kita mobben. Während sie zu seinen Konzerten pilgern, hält Prinz Pi ihnen sanft den Spiegel vor. Das ist so schlau, wie das Pi in seinem Namen andeutet. Anfangs nannte sich Kautz allerdings noch Prinz Porno, weil porno auf Altgriechisch schmutzig bedeutet, und das, wie er fand, gut zu seiner Sprayer-Karriere passte. Nur leider landete er so, mitsamt seiner klugen Rap-Lyrik, in den Billig- und Ghetto-Rap-Schubladen der Musikredaktionen - und wurde nicht erhört.

Basteln als Belohnung

Das wird sich mit "Kompass ohne Norden" ändern, denn ein reiferes HipHop-Album an der Grenze zum Pathos-Pop hat es in Deutschland kaum je gegeben. Das liegt auch daran, dass sich Kautz nebenbei als Bastler betätigt. Erklärtes Ziel des Fans von späten Beatles-Platten und Rap-Klassikern wie Dr. Dres "The Chronic" war es, den warmen, transparenten Sound dieser Originale zu reproduzieren. "Ich habe mir die alten Booklets besorgt, um zu gucken, womit die das gemacht haben. Und dann habe ich mir die dafür nötigen Geräte im Internet besorgt, sie zusammengelötet und damit das Album gemacht."

Das Basteln an Audiokompressoren aus den Sechzigern sei für ihn so entspannend, wie für Freunde zu kochen - und eine willkommene Abwechslung zum quälenden Prozess des Songschreibens: "Ein Album zu machen, dauert ewig. Ständig haderst du mit dir: Völliger Unsinn! Wie konntest du nur! Dann wieder glaubst du, dass du das Genre neu definieren kannst, dass du doch die Reinkarnation von John Lennon bist. So sind sie, die Künstler, völlig bipolar", sagt er lachend. Ein altes EMI-Studiogerät umzubauen sei dagegen ein überschaubares Projekt und "mein Belohnungsmechanismus. Ich bin ja nicht so der Typ, der sich eine Rolex um den Arm hängt".

Deswegen ist ihm auch wichtiger, alle Produktions- und Marketingprozesse im Freundes- und Familienkreis zu behalten, als sich von einem großen Label zum Superstar machen zu lassen. Seine Firma Keine Liebe Records ist ein Drei-Mann-Unternehmen, das er in einer geräumigen, aber zugerümpelten Altbauwohnung betreibt. "Wir müssen halt nicht 100.000 Platten verkaufen, für uns reichen 10.000. Und damit verdienen wir nicht schlechter als mancher Major-Künstler."

Ob das eine Perspektive für die nächsten 20 Jahre ist, weiß Friedrich Kautz natürlich nicht, der Gedanke wäre auch viel zu erwachsen. Und bevor seine Karriere mit dem neuen Album in eine neue Phase tritt, muss er eh erst mal eine neue Hundeleine besorgen. Die letzte, für teures Geld bei Manufactum gekauft, hat Penny Lane gerade durchgebissen. Das ungezogene Biest.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. schön,
spon-1304101698310 29.03.2013
so einen beitrag auf spon zu finden. leider finden solche künstler oft nicht die anerkennung die ihnen zusteht. ein tragisches beispiel ist der rapper nmzs, der sich vor einer woche das leben nahm.
2. Falsche Zielgruppe benannt
ganzsichernicht 29.03.2013
Der Artikel ist recht gut gelungen. Allerdings möchte ich eine Sache anmerken: vor einem Jahr war ich auf einem Prinz Pi-Konzert in München. Meine Freundin hatte mir die Karten geschenkt, wir sind beide 22 Jahre alt, nicht die allergrößten Fans, kannten jedoch einige Lieder und waren deshalb sehr gespannt. Das Konzert an sich war okay, aber was der Autor schreibt im Bezug auf das Publikum "30 Jährige, Öko, usw." - vollkommener Stuss. Wir haben uns wahrscheinlich noch nie so alt gefühlt. Der Altersdurchschnitt lag bei 15. Die paar älteren Besucher konnte man an beiden Händen abzählen. Nicht, dass das etwas über die Qualität der Musik aussagen würde, evtl. ist es in anderen Städten auch anders. Aber es ist schon irgendwie paradox: da rappt jemand über Jugendwahn und gegen die Abhängigkeit von Technik & Marken. Andererseits halten hunderte unter 16-Jährige ihre iPhones auf dem Konzert nach oben, um ihren Star zu filmen und auf Facebook zu posten.
3. πόρνη bzw. πορνος
in_peius 29.03.2013
bedeuten eigentlich etwas anderes, allenfalls in einer sehr spießigen (im Sinne von moralisierenden) Übersetzung lässt sich daraus "dreckig" biegen, niemals allerdings in einem Kontext, der mit Lackschmierereien zu tun hätte. Seltsam zudem, dass der ehemalige Altgriechisch-Schüler hier zudem das ς am Ende einfach vergessen haben soll. Klingt für mich eher nach eben genau den unterirdischen Provokationsschemata, derer sich die Kollegen wie Bass Sultan Hengzt, Farid Bang etc. bedienen, von denen Prinz Pi ja hier gerade abgegrenzt werden soll. Soweit ich es beurteilen kann, unterscheiden sich die Inhalte von PP -zumindest mittlerweile- von deren einschläfernden Gewalt- und Promiskuitätfantastereien, allerdings muss er nicht zwingend zu einem Heiligen stilisiert werden, der "schon immer" einen anderen Weg gewählt hat. Eine bewusste Abkehr im Rahmen eines Realisierungsprozesses dürfte sogar erheblich mehr Identifikationspotenzial haben, so rein laienpädagogisch gemutmaßt...
4. Interessant...
artusdanielhoerfeld 29.03.2013
...dass so etwas "Musik" genannt wird: Jemand spricht verquaste Texte in einem unnatürlichen Rhythmus zu Tongeräuschen, die aus der Mülltonne eines Tonstudios zu stammen scheinen.
5. Naja
sozialminister 29.03.2013
Hab ihn früher ganz gerne gehört. Mittlerweile finde ich ihn aber ein wenig langweilig. Seine Texte haben irgendwie den Charme und Witz verloren. Und technisch war er sowieso immer nur bestenfalls Durchschnitt. Ich höre seine alten Alben noch ganz gerne, aber in den letzten Jahren habe ich keinen Song von ihm vernommen der mich noch begeistert hätte. Schade das er erst jetzt so bekannt wird :)
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