Prog-Rock-Star Wilson: "Das Netz hat die Geschmackspolizei entmachtet"

Progrock-Kreativer Wilson: "Eine schlimme Geschmacksverirrung" Fotos
Corbis

Steven Wilson gilt als Chef-Kopf des neuen Progrock, er hat das nerdige Genre sogar in die Charts gebracht. Das Internet hasst er, weil es zum Häppchen-Hören verführt - und liebt es, weil es die Mediendiktatur beendet. Und sonst? Zofft er sich gern mit Rocklegenden, wie er im Interview verrät.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Wilson, Sie gelten als Erneuerer des Progrock, der seit der Punk-Ära Ende der Siebziger eher als Geschmacksverirrung verpönt war. Nun sind Sie mit Ihrem neuen Album "The Raven That Refused To Sing" sogar auf Platz 3 der deutschen Charts eingestiegen. Was fasziniert Sie an dem Genre?

Steven Wilson: Ich wurde als Kind infiziert. Mein Vater war Prog-Fan, bei uns daheim liefen nonstop Mike Oldfields "Tubular Bells" und Pink Floyds "Dark Side of the Moon". Diese Klänge sickerten in meine DNA. Als Teenie entdeckte ich King Crimson, Yes und Jethro Tull, während meine Freunde The Jam und The Police hörten. Mir dämmerte schnell, dass ich mit meinen Vorlieben in meiner Generation ziemlich allein war.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben wirklich den Musikgeschmack ihres Vaters übernommen?

Wilson: Nein, ich habe mich sehr viel tiefgehender mit Progrock beschäftigt als er. In den Achtzigern gab es ja noch kein Internet, und viele Platten waren kaum aufzutreiben. Mich reizte auch die Jagd nach der unzugänglichen Musik von Bands wie Caravan oder Camel. Progrock lief damals weder im Radio noch im Fernsehen, darüber geschrieben wurde eh nicht. Es war das Zeitalter von New Wave, Punk und Elektropop. Heute kann man sich das nur noch schwer vorstellen, aber Musik jenseits des Mainstreams zu entdecken, war vor dem Internet sehr kompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie dann an die Raritäten?

Wilson: Meine Rettung war der große Bruder eines Freundes, der zum Studieren wegzog. Er hinterließ eine umfangreiche Sammlung, in der ich unglaubliche Schätze entdeckte: Hawkwind, King Crimson, Emmerson Lake and Palmer, Van Der Graaf Generator und so weiter. Meine Erziehung.

Steven Wilson - "The Raven That Refused to Sing"
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SPIEGEL ONLINE: Was genau beeindruckt einen Teenager an den vertrackten Songs von King Crimson?

Wilson: Eben genau das Komplexe und Raffinierte. Ich habe nichts gegen Drei-Minuten-Pop, aber ich finde Musik auf Albumlänge nun mal aufregender. Gute Alben nehmen dich mit auf eine Reise - und diese fielen wirklich aus dem Rahmen, weil sich die Musiker nicht um kommerzielle Vorgaben scherten.

SPIEGEL ONLINE: Die "Track"-Kultur des Internets - also der Fokus auf einzelne Songs - kann Ihnen nicht gefallen, oder?

Wilson: Eine schlimme Geschmacksverirrung. Man schaut sich ja auch nicht nur zwei Filmszenen an oder liest ein Kapitel in der Mitte eines Buchs. Ich kann mit iTunes, Spotify, und wie Sie alle heißen und der Idee dahinter nichts anfangen. Letztlich haben sie die Kultur des aufmerksamen Hörens zu Grabe getragen. Der Zauber des Albums wurde digital beerdigt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Produktivität scheint das eher beflügelt zu haben. In erstaunlicher Frequenz erscheinen Platten, an denen Sie als Produzent oder Musiker beteiligt sind. Brauchen Sie viel Schlaf?

Wilson: Ich bekomme, was ich brauche, danke! Aber ich schaue nie Fernsehen und nutze meinen Computer kaum. Das spart sehr viel Zeit. Und ich habe keine Kinder. Die meisten Menschen in meinem Alter haben eine Familie, ein Haus und damit viele Verpflichtungen. Ich habe mich gegen dieses Lebensmodell entschieden. Mein Alltag kreist allein um meine Arbeit, und das ist die Musik.

SPIEGEL ONLINE: Neben Soloplatten veröffentlichen Sie mit Bands wie Porcupine Tree und No Man. Dazu überarbeiten Sie Klassiker von King Crimson, Jethro Tull oder Caravan. Sehen Sie sich als Musiker oder Produzent?

Wilson: Eher als Klang-Regisseur und Autor. In ausschweifenden Produktionen kann ich mich verlieren. Natürlich weiß ich etwas sehr Direktes wie einen AC/DC-Song zu schätzen, aber etwas Komplexes wie ein King-Crimson-Track euphorisiert mich deutlich mehr.

SPIEGEL ONLINE: Verändern Sie bei Klassiker-Neuauflagen viel?

Wilson: Um Himmelswillen! Gar nichts! Ich übertrage die alten Aufnahmen meist nur ins 5.1-Audio-Format. Davor muss ich aber den alten Stereo-Mix aufmöbeln, und der neue Stereo-Mix wird meistens auch veröffentlicht. Das klingt radikaler, als es ist. Die Originale sind mir heilig, sie sind der Soundtrack meiner Jugend. Generationen von Fans haben diese Musik bis ins kleinste Detail studiert. Es wäre ein Sakrileg, damit herumzuspielen. Man überpinselt ja auch nicht die Sixtinische Kapelle, oder?

SPIEGEL ONLINE: Schauen Ihnen die alten Größen wie King-Crimson-Chef Robert Fripp oder Jethro-Tull-Flötist Ian Anderson auf die Finger? Fripp gilt ja als streitbarer Perfektionist und Control-Freak!

Wilson: Es gibt keine nennenswerte kreative Verbindung, in der es nicht ab und zu kracht. Das gehört zur Essenz des Kreativen. Mit Robert Fripp habe ich mich sehr gestritten, weil er seine alten Aufnahmen verändern wollte. Es ist offensichtlich, dass er ein anderes Verhältnis zu seiner Musik hat als die Fans. Er hört nur Details, die ihm nicht passen, und will nachbessern. Und ich muss ihm dann klarmachen, dass seine Hörer an solchen Kleinigkeiten hängen. Ian Anderson ist genauso und möchte eigentlich jede alte Jethro-Tull-Platte neu aufnehmen. Das sind lebhafte Debatten, weil ich die Platten besser kenne als die dafür verantwortlichen Künstler. Die haben ihre Alben damals abgeliefert und nie wieder angehört. Ich kann das aber verstehen, ich höre mir meine Platten auch nie wieder an, wenn sie fertig sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie eigentlich zum "Renovator"?

Wilson: Robert Fripp bot mir den Job an. Die aufpolierten King-Crimson-Platten kamen dann extrem gut an, kommerziell und bei Kritikern, und danach meldeten sich viele andere Künstler. So viele, dass ich mittlerweile leider die meisten Aufträge ablehnen muss. Mir fehlt die Zeit. Das Produzieren anderer Musiker habe ich deshalb derzeit komplett eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Band reizt Sie noch?

Wilson: Rush wäre ein Traum.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Hörer haben Sie? Prog-Rentner oder auch junge?

Wilson: Zwei Arten: Meine eigene Musik hat eindeutig ein überwiegend junges Publikum, das sehe ich bei jedem Konzert. Für die Neuauflagen interessieren sich eher Menschen, die diese Platten in ihrer Jugend liebten, damals auf Vinyl kauften, dann noch mal auf CD, und sich jetzt die Deluxe-Ausgaben anschaffen. Nostalgie spielt da eine große Rolle. Aber natürlich werden King Crimson oder Jethro Tull seit einiger Zeit auch von einem nachgewachsenen Publikum entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt ein Teenager im 21. Jahrhundert auf Progrock?

Wilson: Auch daran ist das Internet schuld. Was ja toll ist. Das Netz hat die Musik aus den Krallen der Kritiker befreit und die Geschmackspolizei entmachtet. Platten, die früher in der Musikpresse durchfielen, hatten kaum eine Chance, ein nennenswertes Publikum zu finden. Auch die Major Labels oder MTV bestimmten lange, was Erfolg haben durfte und was nicht. Im digitalen Zeitalter kann ein 14-Jähriger mit wenigen Klicks King Crimson und ähnliche Bands allein in Blogs entdecken und unvoreingenommen anhören. Wir leben in paradiesischen Zeiten.

Das Interview führte Christoph Dallach

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Zur Person
  • Naki Kouyioumtzis
    Steven Wilson, geboren 1967, ist ein englischer Rockmusiker. Bekannt wurde er bereits Anfang der Neunziger mit der Band Porcupine Tree und dem Projekt No-Man. Gerade ist sein Soloalbum "The Raven That Refused To Sing" erschienen, das - kaum zu glauben bei einem Prog-Rock-Album - auf Platz 3 der deutschen Albumcharts einstieg.