Provokante Bach-Oper "Schmecke die Lust der lüsternen Brust"

Eine Oper von Johann Sebastian Bach? Die Inszenierung "Ein weltliches Bankett" der Nachwuchsregisseurin Elisabeth Stöppler, 27, hat für die Hamburgische Staatsoper mit Orginalmusik des Barock-Meisters ein sinnenfrohes Werk zwischen Liebe, Eifersucht und Wollust geschaffen - und einen Schocker für die Bachgemeinde.

Von Sebastian Knauer


Tamara Gura und Jonas Olofson in "Ein weltliches Bankett": Barockmusik mit Sex-Appeal
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Tamara Gura und Jonas Olofson in "Ein weltliches Bankett": Barockmusik mit Sex-Appeal

Über das Liebesleben des großen Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) weiß man wenig. Ein großer Briefeschreiber war das Musikgenie des deutschen Barock leider nicht, und so sind die schriftlichen Quellen, aus denen sich Bachforscher bedienen können, spärlich. Von seinen beiden Ehen mit Base Maria Barbara, die früh verstarb, und Anna Magdalena ist deshalb wenig bekannt. Bachs religiöse Hingabe ist jedoch unumstritten. Fast alle seine Werke widmete der Thomaskantor zu Leipzig mit einem "Soli Deo Gloria" in schönster Handschrift dem Herrn höchstselbst.

Doch führte Bach ein Doppelleben? Eine neue Inszenierung der so genannten "Weltlichen Kantaten" des Meisters in Hamburg legt den Schluss nahe, dass der gut aussehende Star der Barockmusik ein sinnesfroher und möglicherweise sogar sexsüchtiger Zeitgenosse war. Unter der staubigen Perücke von JSB kommt ein bislang unbekannter Bonvivant zu Vorschein.

Sänger William Parton und Julia Sukmanovea: Schlemmen und singen
DPA

Sänger William Parton und Julia Sukmanovea: Schlemmen und singen

Jedenfalls erweckt die Inszenierung der Hamburgischen Staatsoper "Ein weltliches Bankett" der jungen Opern-Regisseurin Elisabeth Stöppler und der Dramaturgin Swantje Gostomzyk diesen Eindruck. Geschickt arrangieren sie die Originaltexte der weltlichen Kantaten zu einem mehrgängigen Menü der musikalischen Überraschungen. Ob die "Jagdkantate", die "Kaffeekantate" oder das Wiegenlied "Schlafe, mein Liebster", das später von Bach im Weihnachtsoratorium recycelt wurde: Es geht bei der Nachwuchsregisseurin um elementare Dinge. Auf der Karte stehen Eifersucht, Liebe, Wollust oder Zorn. Und was wäre hier als dramaturgischer Rahmen besser geeignet als eine Familienfeier, bei der schließlich alles aus dem Ruder läuft.

Zu den präzisen Klängen der Barock-Akademie des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter der Leitung von Christoph Stöcker entwickelt sich an einem langen Holztisch ein festliches Essen. Vater, Mutter, Tochter, ein demnächst unglücklicher Verlobter, eine umsichtige Kellnerin und ein undurchsichtiger Fremder, der die Verlobungsfeier sprengen wird, sie alle beginnen zu tafeln und zu singen. Es schlemmt eine Familie aus international erfahrenen Opernsängern der Staatsoper: Amerikaner, eine Russin, zwei Schweden - das perfekte Ensemble für einen rundherum kulinarischen Bach.

Bühnen-Stars Ingrid Froseth, William Parton: Partnertausch und kopulieren
DPA

Bühnen-Stars Ingrid Froseth, William Parton: Partnertausch und kopulieren

Dabei geht es zu den Orginaltexten des alten Bach bald drunter und drüber. Textprobe: "Folge der Lockung entbrannter Gedanken/ Schmecke die Lust/ der lüsternen Brust/ und erkenne keine Schranken." Zum Dessert vergnügt sich die ganze Gesellschaft auf und unter dem Tisch beim Partnertausch und wildem Kopulieren. Zwar bleiben alle wohl bekleidet - die Regisseurin verzichtete glücklicherweise auf die mittlerweile üblichen Bühnen-Nackedeis - doch die weltliche Fassung von Bachs Text kommt vollmundig zur Sache: "Ich bin deine, du bist meine. Küsse mich, ich küsse dich."

Gesagt, getan: Die süffige Aufführung der Hamburger Spielstätte Kampnagel serviert neunzig Minuten wohltemperierte Unterhaltung und einen überraschenden Perspektivwechsel auf den Säulenheiligen der Kirchenmusik. Zu den diesjährigen 79. Bach-Tagen in der Hansestadt kommen die weltlichen Kantaten als Schocker für Bachtraditionalisten nochmals am 31. Oktober zu Aufführung. Von den 50 weltlichen Kantaten Bachs sind übrigens nur 23 überliefert. Was wir wohl sonst noch zu hören bekommen hätten vom musikalischen Verführer Bach?



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